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Wilfried Hildebrandt

Was für ein Milieu!

Wendezeit

Hervorragende Genossen wie Herr Vogel, Herr Winkelmann und Herr Berthold durften an diesem 7. Oktober mit der Partei- und Staatsführung sowie den ausländischen Gästen den 40. Jahrestag der DDR im Palast der Republik feiern, während draußen das Volk demonstrierte.
So kamen am Abend die müden und teilweise verletzten Kämpfer gegen das Regime nach Hause, soweit sie nicht in Untersuchungshaft saßen, aber lange nach ihnen auch die handverlesenen Gäste der Regierung. Für uns zählte vor allem, dass unsere Tochter wieder unversehrt zurückkam. Sie berichtete uns, dass unser direkter Nachbar Herbert Ochsendorf, mit dem wir uns gut verstanden, auf einen LKW geworfen und abtransportiert worden sei. Herbert war einige Jahre älter als ich und ich schämte mich in diesem Moment dafür, dass ich zu Hause geblieben war, während er für unsere Freiheit gekämpft hatte.
Unsere Tochter war spät heimgekommen und wir diskutierten noch lange über Sinn und Unsinn dieser Demonstrationen.
Als wir endlich im Bett lagen und gerade eingeschlafen waren, wurden wir wieder geweckt. Irgendjemand klopfte und rief laut im Treppenhaus.
Nunmehr hellwach, lauschten wir etwas intensiver und hörten, dass es Herr Berthold war, der von draußen wie von Sinnen Einlass begehrend an seine Wohnungstür bummerte und ständig dazu aus Leibeskräften schrie.
„Susi, mach uff und lass mir rin!“
Nach einer Weile variierte er seine Aufforderung, indem er noch lauter brüllte.
„Susi, du musst mir uffmachen, ick bin doch dein Mann!“
Obwohl er diese Prozedur oft und lange wiederholte, ließ sich Susi Berthold offensichtlich nicht erweichen, ihrem Mann die Tür zu öffnen. Wir konnten lediglich hören, wie sie ihn immer wieder durch die Tür hindurch aufforderte: „Hau doch ab und jeh zu deine Jenossen!“
Irgendwann einmal schrie sie dann aus Leibeskräften: „Hau bloß ab, du rote Sau und lass mir in Ruhe!“
Wir konstatierten, dass es zwischen Herrn und Frau Berthold allem Anschein nach ernsthafte politisch-ideologische Meinungsverschiedenheiten gab, die sich mit dem heutigen Abend offensichtlich dramatisch zugespitzt hatten. Höchstwahrscheinlich war Herrn Bertholds Teilnahme am Staatsbankett im Palast der Republik der berühmte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
Als endlich Gebrüll und Geklopfe aufgehört hatten und wir nur noch leise, sich entfernende Tritte auf der Treppe hörten, hofften wir, dass Herr Berthold seine Bemühungen aufgegeben hatte und dabei war, sich einen alternativen Schlafplatz zu suchen. Vielleicht hatte er ja wirklich in der Hinterhand einen guten Genossen oder eventuell sogar eine liebe Genossin mit einem freien Gästebett, auf dem er sein vom Staatsbankett erschöpftes Haupt ausruhen konnte.
Beruhigt schliefen wir wieder ein, aber die Ruhe währte nicht lange, dann wurden wir erneut aus dem Schlaf gerissen, denn unter uns tönte es lautstark, nur diesmal viel energischer.
„Deutsche Volkspolizei! Bürgerin, öffnen Sie sofort die Tür!“
Dazu wurde die Wohnungstür energisch mit der Faust bearbeitet. Dieser Staatsmacht wagte sich besagte Susi offensichtlich nicht zu widersetzen und so ließ sie ihren Angetrauten schließlich doch in die Wohnung.
Wir versuchten, uns vorzustellen, welch eine Atmosphäre jetzt in Bertholds Gemächern herrschte. Harmonisch war sie gewiss nicht. Wahrscheinlich musste Herr Berthold ab diesem Tag bis zu seinem endgültigen Auszug aus der ehelichen Wohnung auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen.