← Zurück zum Buch
S.Sagenroth

A. S. Tory - Roadmovie um die Suche nach einer alten Single

Anfang 1.Kapitel

»Ich treibe« erwiderte ich, »mich selbst ein bisschen herum, um die Welt zu sehen.«

Aus dem Leben eines Taugenichts Joseph von Eichendorff

Mail to Sid Samstag, 7.10.17.

Es war der erste Samstagabend zu Beginn der Herbstferien. Lang ersehnt, und dann doch enttäuschend langweilig. Mit Mama hatte ich gerade wegen der letzten versemmelten Mathearbeit Krach gehabt. Urlaub war dieses Jahr nicht angesagt. Dazu reichte das Geld nicht, seitdem mein Vater uns verlassen hatte. Als einziges Ferienerlebnis warteten ab Montag die Nachhilfestunden. Die meisten aus meiner Klasse waren schon verreist. Carsten, der zwei Häuser weiter wohnte, war als Einziger daheimgeblieben. Aber die ganzen Ferien durchzuzocken, war auch nicht das Wahre. Zwei öde Wochen lagen vor mir. Also hatte ich mich wie so oft in mein Zimmer zurückgezogen und fast alle meine Lieblingsplatten gehört. Wer sich darüber wundert: Ich sammle alte und neue Vinylplatten. Gerne hätte ich mal wieder im Recordstore gestöbert. Leider war sogar Sammy, der Ladenbesitzer, für ein paar Tage weg und hatte daher geschlossen. Außerdem reichte mein Taschengeld nicht mehr. Ich stellte mein Radio auf volle Lautstärke, surfte lustlos ein bisschen herum, schaute nach neuen WhatsApp-Nachrichten und checkte alle Mails. Schließlich sah ich sogar den Spamordner durch. Und da war sie wieder. Die Mail, die ich in den letzten Wochen schon mehrmals gesehen und dann doch immer wieder nach kurzem Zögern gelöscht hatte.

tory@fantastico.com. Und im Betreff: Sid – ein Abenteuer für eine Geschichte

Sid, das bin ich. Ich habe mich so genannt, bevor ich das Faultier aus Ice Age kannte. Dumm gelaufen. Aber eigentlich heiße ich Siegmund. Siegmund Sagenroth. Keine Ahnung, was sich meine Eltern damals dabei gedacht hatten. Auch vor fünfzehn Jahren war das kein Name, der in Mode war. »Sigmund-Freud’sche Fehlleistung« vermutlich, wie Mama manchmal halb spaßend, halb entschuldigend meinte. Oder eine blödsinnige Anlehnung an den sagenumwobenen Siegfried, wie unser Deutschlehrer erst letztens wieder betont und mich damit vor der ganzen Klasse zur Lachnummer gemacht hatte. Und da kannte also jemand meinen Rufnamen und benutzte ihn in seiner Betreffzeile. Bloß ein Zufall? Die Neugier war an diesem Abend stärker. Also ein Klick, und mal schnell schauen, was sich dahinter verbirgt, dachte ich. Doch dann klappte richtig viel Text auf. Keine Werbung oder so was. Nein, ein Brief an mich persönlich. Ich sage Brief, weil er eben nicht so geschrieben war wie eine Mail, sondern wie ein richtiger Brief. Auch ein bisschen altmodisch. Genau das war mir sofort aufgefallen. Ich glaube, ich habe den Text zehnmal hintereinander gelesen, bevor ich ihn wirklich verstehen konnte, obwohl ich zwischendurch immer wieder überlegte, ihn einfach zu löschen und zu vergessen, weil mir beim Lesen etwas mulmig wurde. Sid – Ein Abenteuer für eine Geschichte Von: tory@fantastico.com An: s.sage@web.de Mein hochverehrter Sid, ich schreibe diese Zeilen in dem Bewusstsein, dass es Zeit braucht, bis Sie wirklich bereit sein werden, meinem Anliegen Ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Aber vielleicht ist nun der richtige Moment gekommen, meine Worte zu lesen und über mein Angebot nachzudenken. Sicherlich fragen Sie sich, ob ich mein Schreiben auch an andere Adressaten richte. Nein, ich habe nur Sie ausgewählt. Kommen Sie zu mir. Es ist eine Reise, die sich lohnt und die Ihnen ein Ersatz sein wird für den ausgefallenen Urlaub mit Ihrer Familie. Sie werden die kurzweiligsten, spannendsten Ferien Ihres Lebens verbringen. Es benötigt dafür nur eine kleine Gegenleistung Ihrerseits. Sie sollen etwas suchen und mir am Schluss eine Geschichte schenken, Ihre persönliche Geschichte. Ich werde es Ihnen erklären, sobald Sie bei mir eingetroffen sind. Was Sie vorerst dafür tun müssen, ist lediglich, mir eine kurze Antwort zu schreiben. Dann packen Sie ein paar Sachen, die Sie gerne mitnehmen möchten. Geld benötigen Sie nicht. Da Sie noch nicht über ein eigenes Auto verfügen, schlage ich die Reise mit dem Zug vor. Der Bahnhof befindet sich ja ganz in der Nähe Ihres Elternhauses, wie ich mich vergewissert habe. Dort wartet jemand auf Sie, der Ihnen alles Nötige für Ihre Fahrt mitgeben wird. Sie müssen sich nur vor den Schalter im Eingangsbereich stellen. Als Erkennungszeichen tragen Sie doch bitte Ihre rote Mütze. Und nennen Sie dem Herrn, der Sie ansprechen wird, meinen Namen. Allerdings sollten Sie keinem von unserem Ferienplan erzählen. Auch diese Mail muss nach Ihrer Entscheidung gelöscht werden. Aber es wird sich lohnen. Denken Sie über alles in Ruhe nach. Ich würde mich freuen, Sie in meinem Haus zu empfangen und Ihnen eine unvergessliche Zeit zu ermöglichen. Mit freundlichen Grüßen, A. S. Tory