A. S. Tory - Roadmovie um die Suche nach einer alten Single
Ich wirbelte herum und schaute mitten in ein sommersprossiges, leicht spöttisches Gesicht: zwei grüne, wache Augen, ein lachender Mund mit auffälliger Zahnlücke, ein leuchtendes Nasenpiercing, das Ganze umrahmt von einer in alle Richtungen stehenden leuchtend roten Mähne. »Hi. Ich bin Chiara. Nach der roten Mütze zu urteilen musst du Sid sein. Willkommen in Pisa.« Ich musste ziemlich dämlich in diesem Moment aus der Wäsche geschaut haben, jedenfalls betrachtete mich der Rotschopf leicht amüsiert. »Falls du dich wunderst. Ich kann Deutsch. Vereinfacht die Sache etwas. Ich werde dich nach Campeto bringen.« Alles, was ich hervorbrachte, war so ein Krächzlaut und ein »Okay.« Oh Sid, manchmal bist du echt ein Vollpfosten. Aber niemals hätte ich damit gerechnet, dass mir der vornehme Mr. Tory so eine Art junge Punkerin schicken würde. Chiara schien nicht der Typ zu sein, der sich ewig mit etwas aufhielt. Schnurstracks stiefelte sie los. Ich hinterher. Bis wir vor einem kleinen, reichlich verdreckten Pickup landeten. Chiara fackelte nicht lange, öffnete die Beifahrertür, nahm mir Rucksack und Jacke ab, stopfte alles hinter den Sitz und forderte mich dazu auf, einzusteigen. Rasch nahm sie dicht neben mir Platz und startete den Wagen, der darauf ein Dröhnen von sich gab, als wäre er ein Traktor. Und schon ging’s los. Verstohlen musterte ich meine neue Chauffeurin. Chiara hatte eine schwarze Canvashose an, schwere Boots, dazu ein schwarzes Top mit Rolling-Stones-Zunge und allerlei silbernen Schmuck an den Fingern und um den Hals. Insgesamt sah sie aus wie eine Kreuzung aus Pippi Langstrumpf und einer Gothic Queen. Mannomann, wo Mr. Tory die wohl aufgetrieben hatte? Als hätte sie meine Gedanken gehört, antwortete Chiara: »Ich bin die Einzige im Dorf, die richtig Deutsch spricht, meine Mutter ist Deutsche. Auch kenne ich die Strecke gut, seit ich den Pickup fahren darf. Mein Vater Federico ist hier mindestens ein Mal die Woche unterwegs. Du wirst übrigens bei uns wohnen. Aber erst müssen wir die Fahrt hinter uns bringen.«