← Zurück zum Buch
Wilfried Hildebrandt

Die Besserwisser von Isoland

Die erste Demo

Zur Verwunderung der frühen Passanten war an diesem Tag eine kleine Bühne aus Holzpaletten aufgebaut worden, von der zunächst nur volkstümliche Musik aus Lautsprechern zu hören war. Alle schauten hin, um zu sehen, was da los war, aber niemand blieb stehen. Das änderte sich in dem Moment, als Reinhardt Düstermann das kleine Podium bestieg und das Mikrofon zur Hand nahm. Der Versuch, etwas zu sagen, scheiterte, weil sich eine Rückkopplung in Form eines lauten Pfeiftons bemerkbar machte. Die Wenigen, die neugierig stehengeblieben waren, hielten sich die Ohren zu und liefen schnell davon.
Reinhardt war wütend und verstand die Welt nicht mehr, denn eben, als die Musik vom CD-Player ertönte, gab es doch noch keine Störung. Da konnten doch nur böse Mächte am Werk sein. Seine Mutter hätte das verhindert, aber die war schon seit einer ganzen Weile für ihn nicht mehr erreichbar. Auch Simone hatte keinen Schimmer, woher dieser Pfeifton kam, sprang aber geistesgegenwärtig hinzu und drosselte die Lautstärke am Verstärker etwas, wodurch das Kreischen aufhörte.
Nun begann Reinhardt erneut, in das Mikrofon zu sprechen, aber der von den Lautsprechern abgegebene Ton war so leise, dass niemand hörte, was er zu sagen hatte.
Wütend warf er das Mikrofon auf die Erde, sodass es einen gewaltigen Knall in den Lautsprechern gab. Entweder sein Freund hatte ihm ein defektes Gerät gegeben oder es wirkten tatsächlich böse Geister gegen ihn. Wenn doch nur Mama da wäre, um ihn zu beschützen!
Mit dem Mut der Verzweiflung begann Reinhardt nun, so laut er konnte, ohne technische Unterstützung zu sprechen. Da er aller­dings kein ausgebildeter Redner war, kam er über ein unschönes Krächzen nicht hinaus. Trotzdem oder gerade deswegen blieben ei­nige Passanten neugierig stehen und versuchten zu verstehen, was er zu sagen hatte.
„Bürger von Isoland, hier spricht ein aufrechter Patriot zu euch, dem das Schicksal seiner Heimat am Herzen liegt. Ich lasse es nicht zu, dass uns unsere Strände und damit auch unser Badevergnügen von so einem unfähigen Professor genommen werden sollen.“
Ein Hustenanfall unterbrach Reinhardts Rede. Weitere Menschen blieben stehen und schauten sich die Szene amüsiert an. Mancher ehemalige London-Besucher mochte eine Erinnerung an seinen Aufenthalt in Speakers’ Corner im Hyde Park haben, wenn er das provisorische Podium und den darauf aus Leibeskräften redenden Mann sah und hörte. Die ganze Angelegenheit wirkte skurril und manch einer schaute sich verstohlen um, ob irgendwo eine Kamera versteckt sein könnte.
Nachdem Reinhardt einen Schluck Wasser getrunken hatte, krächzte er aus Leibeskräften weiter.
„Bürger von Isoland, ich kann euch nur auffordern, euch zu wider­setzen und diesem Professor und seinen Helfern in der Regierung das Handwerk zu legen. Es gibt keine giftigen Bazillen in der Ost­see, sondern lediglich einige wenige Algen, die keinem Menschen etwas zuleide tun. Wehrt euch gegen diese Diktatur! Kommt mit mir zum Strand und zeigt denen da oben, was ihr von den Einschränkungen haltet!“