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Ruben Schwarz

Der Archon von Mediterrania

„Du siehst ja … ähm, gut aus“, sagte Eleni und kicherte spöttisch, als Moony sich in ihren ausgetretenen Sneakers über den unebenen Boden aus braunem Felsgestein dem nach allen Seiten offenen Zeltdach näherte, unter dem ihre Kollegin auf einem billigen Kl

„Du siehst ja … ähm, gut aus“, sagte Eleni und kicherte spöttisch, als Moony sich in ihren ausgetretenen Sneakers über den unebenen Boden aus braunem Felsgestein dem nach allen Seiten offenen Zeltdach näherte, unter dem ihre Kollegin auf einem billigen Klappstuhl vor einem billigen Klapptisch saß und ihr Tablet auf die Knie sinken ließ. „War wohl gestern eine ereignisreiche Nacht.“
Alex war ihr ein Stückchen entgegengetrottet, als er sie bemerkte, und hatte schwanzwedelnd an ihrem Bein ge-schnüffelt, während Moony ihm kurz den Kopf kraulte. Sie winkte ab. Tatsächlich war sie erst gegen fünf Uhr früh eingeschlafen und um sechs Uhr wieder aufgestan-den, weil sie unbedingt noch hatte duschen wollen. Sie duckte sich unter die weiße Kunststoffplane, die über den Tisch, ein paar Stühle und ein paar Aluminiumkisten ge-spannt war, um sie gegen die direkten Sonnenstrahlen zu schützen. Es war sieben Uhr morgens an diesem 15. März, und im Osten hatte sich der Himmel orangerot eingefärbt. Die Sonne selbst verbarg sich noch hinter dem Schattenriss der Oberstadt von Kyparissia.
„Frag mich bitte etwas später nochmal“, schlug Moony vor, klappte sich einen der Stühle auseinander und setzte sich neben Eleni. „Gibt’s Kaffee?“
„Aber selbstverständlich, Gnädigste.“ Für den Kaffee war Eleni zuständig, das hatte sich so eingebürgert. Jeden Morgen brachte sie eine alte, verbeulte, aber sehr große metallene Thermoskanne mit. Eleni war vierzig Jahre alt, also drei Jahre älter als Moony. Sie war in Athen geboren und hatte dort zuletzt dem Lehrstuhl-Inhaber für moleku-lare Geobiologie und Paläobiologie assistiert. Aus Moonys Sicht war Eleni ein Genie, und ein fleißiges noch dazu, denn außerdem hatte sie mehrere in Fachkreisen beachte-te Artikel im Bereich der Paläozoologie und Paläobotanik veröffentlicht.
Alex hatte sich inzwischen ebenfalls unter das schatten-spendende Zeltdach begeben und den Kopf zwischen seine Vorderpfoten gelegt. Welcher Rasse der Hund an-gehörte, wusste Moony nicht. Wahrscheinlich war er das Produkt eines One-Night-Stands, bei dem in der Hitze des Gefechts niemand nach einem Stammbaum gefragt hatte. Dieses Ereignis musste allerdings schon länger her sein, den Alex war ein offensichtlich sehr betagtes Tier. Er hatte die Grüße eines Kalbs und musste früher mal eine furchteinflößende Erscheinung gewesen sein. Jetzt wäre er vermutlich aufgrund seiner arthritischen Gelenke nicht einmal mehr in der Lage, einen rüstigen Rentner mit Wanderschuhen und Rucksack zu verfolgen.
Eleni hatte den Hund Alex genannt. Moony fand das et-was einfallslos, aber Eleni hatte die Auffassung vertreten, dass Alexander der Große ein angemessener Namens-vetter für ihn sei. Alex gehörte anscheinend niemandem; er war ihnen einfach zugelaufen. Was bedeutete, dass er nicht den ganzen Tag bei ihnen blieb, sondern höchstens für zwei Stunden am Morgen. Anscheinend hatte er noch andere Anlaufpunkte in der Umgebung, die er abklapper-te. Er lag direkt neben dem leergefressenen Napf aus rotem Plastik. Die gute Eleni hatte ihn also heute früh schon gefüttert.
Während Moony mit halbgeschlossenen Augen verfolgte, wie Eleni für sie Kaffee in eine Blechtasse goss, dachte sie über die insgesamt fünf Drinks nach, die sie in der Nacht zuvor konsumiert hatte. Den ersten hatte sie sich schon einverleibt, bevor sie auf Ioannis gestoßen war. Und am Ende hatte sie den Typen noch auf der Rechnung sitzen lassen. Halb so wild, oder? Im Puff hätte er mehr bezahlt und weniger bekommen.
Sie nickte Eleni zu und schlürfte hörbar das heiße Le-benselixier durch die Lippen. Alex brummte leise und beobachtete sie, ohne dabei den Kopf zu heben. Der Al-kohol hatte ihr nichts ausgemacht. Von den fünf hatte sie inzwischen bestimmt schon drei wieder abgebaut und einen vierten ausgeschwitzt. Aber nur eine Stunde Schlaf, das war hart.
„Wo sind unsere bestellten Männer?“, fragte sie, nach-dem sie die Tasse auf dem Klapptisch abbestellt hatte.
„Schon im Wasser“, antwortete Eleni. Wenn sie lachte, sah man die Lücke zwischen ihren oberen Schneidezäh-nen. Aber sie war hübsch, ein bisschen mollig, aber nicht zu sehr, und sie hatte ein schönes Gesicht. Moony erhob sich mit einem Stöhnen, als sei sie eine alte Frau, aber sie wusste selbst, dass es reine Schauspielerei war. Ihr Kopf dröhnte lediglich ein bisschen. Alex hob den Kopf und versuchte vergeblich, seine Schlappohren aufzustellen.
Dann spähte Moony dorthin, wo die felsige Küste zum Meer abfiel. Ihre Zeltplane war höchstens zwanzig Meter von der Wasserlinie entfernt auf einem flachen Plateau aus Geröll und Kiesel aufgespannt, vielleicht drei oder vier Meter oberhalb des Meeresspiegels. Die beiden Tau-cher, die unterhalb der Wasserlinie eine etwa anderthalb mal zwei Meter große Basaltplatte aus dem Gestein lösen sollten, konnte sie von hier aus nicht sehen, wohl aber das Metallgestell, an dem eine elektrische Seilwinde be-festigt war.
„Bleib mal noch hier, ich möchte deine Meinung zu die-sem Foto hören“, sagte Eleni und wedelte mit ihrem Tab-let herum, und Moony trat hinter ihre Kollegin. Ein de-zenter Schwall Desert Flower stieg ihr in die Nase, und für einen Moment fürchtete sie, selbst einen weniger ange-nehmen Duft zu verströmen. Eleni gab ihr das Tablet in die Hand. Offenbar hatten die Taucher eine Unterwas-seraufnahme gemacht. Das Bild war ziemlich dunkel, aber die Umrisse des Skeletts eines sogenannten Urpferd-chens, Hyracotherium genannt, waren deutlich zu er-kennen.
„Wirklich irre“, sagte Moony. Sie hatten schon vor zwei Tagen einzelne Knochen aus einem Basaltklumpen ober-halb des Meeresspiegels herausgelöst, aber dieses annä-hernd vollständige Skelett war eine Sensation. Wenn die Taucher es bergen konnten und sich dabei herausstellte, dass die Knochen ebenfalls zwischen fünf und sechs Mil-lionen Jahre alt waren, würde das die bisherige Annah-me, dass Hyracotherium in Eurasien bereits am Ende des Eozäns ausgestorben sei, widerlegen.
„Vor fünf Millionen Jahren gab es schon längst das Plio-hippus“, sagte Eleni, „aber unseres Wissens auch nur in Nord- und Mittelamerika.“
„Wie auch immer“, sagte Moony und musterte eingehend das Skelett, das kaum größer als das eines Fuchses war. „Offenbar hat Hyracotherium in Eurasien überlebt, bis Pliohippus und Equus über die Behring-Landbrücke nach Asien und Europa kamen.“
„Aber wie passt dieses Fragment ins Muster?“, fragte Moony. Sie vergrößerte eine Stelle des Fotos mit Daumen und Zeigefinger und beugte sich zur Seite, damit Eleni mit ihr zusammen auf den Bildschirm schauen konnte.
„Du hast eine Fahne“, bemerkte Eleni und kniff die Au-gen zusammen.
„Hier“, sagte Moony. Sie hielt das Tablet mit der rechten und tippte mit dem Zeigefinger der linken Hand auf die besagte Stelle. „Ist das ein Knochen?“
„Bei der Bildqualität kaum klar zu bestimmen“, erwiderte Eleni. „Aber sieht fast so aus.“
„Aber der gehört wohl kaum zum Urpferdchen.“ Moony richtete sich wieder auf und nahm das Tablet in beide Hände. „Muss dann wohl von einem anderen Tier sein, einem etwas größeren. Was meinst du, Alex, wäre das was für dich?“ Der große Hund hob wieder den Kopf vom Boden und brummte erstaunt, als dächte er tatsäch-lich darüber nach, ob dieser prähistorische Knochen für ihn interessant sein könnte. Sein Schwanz klopfte ein paarmal auf den staubigen Felsuntergrund, bevor er den schweren Kopf wieder zur Ruhe legte.
„Ob Alex ihn aus dem Basalt nagen könnte, ist noch sehr fraglich“, bemerkte Eleni.
„Hallo?“, rief eine Männerstimme vom Wasser herüber. Einer der Taucher stand neben dem etwa mannshohen Metallgestell mit der Seilwinde. Er trug einen dunkel-blauen Neopren-Anzug, der jedes Detail seiner Anatomie exzellent zur Geltung brachte, was vielleicht positiv ge-wesen wäre, wenn er keine ausgeprägten Männertitten gehabt hätte und sein Bauch etwas weniger umfangreich gewesen wäre. Auf dem Rücken trug er eine Sauerstoff-flasche. Alex erhob sich, trottete auf den Mann zu, blieb aber ein paar Meter auf Distanz und knurrte pflicht-schuldig. Offensichtlich hegte er kein wirkliches Interesse an einem ernsthaften Konflikt.
„Ruhig, Alex. Platz!“, rief Moony ihm zu, und der Hund setzte sich, sichtlich erleichtert, auf seine Hinterbeine. Sein kurzes, rotbraunes Fell leuchtete in der hellen Mor-gensonne, und sein Körper warf einen langen unregel-mäßig gezackten Schatten über die felsige Küste.
Moony ging zu dem Mann, das Tablet noch immer in einer Hand. Sie trug nur ein leichtes weitgeschnittenes Shirt und geblümte Shorts. Trotzdem merkte sie, wie sie begann am Rücken zu schwitzen. Im Neopren-Anzug mochte es sicher auch nur angenehm sein, solange man sich damit im Wasser befand, dachte sie mitfühlend. Eleni folgte ihr und kraulte Alex kurz am Kopf, als sie an ihm vorbeikam.
Der Taucher befestigte zwei daumendicke Stahlseile an dem Gestell mit der Seilwinde, deren andere Enden sich im Meer befanden. Sein Kollege stand weiter unten im Wasser. Nur sein Oberkörper ragte heraus. Heranrollen-de Wellen versuchten ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.
„Wir sind jetzt so weit, junge Frau“, sagte der Mann. Er hatte den Kopfteil seines Anzugs nach hinten geklappt und Taucherbrille und Atemmaske auf dem Boden abge-legt. „Wir haben die Basalttafel gelöst und können versu-chen, sie hochzuziehen.“
„Meinen Sie …“
„Ich glaube nicht, dass sie zerbrechen wird“, fügte er hinzu, „aber sicher sein kann man sich natürlich nicht.“
„Natürlich nicht“, sagte Moony und war sich beinahe sicher, dass der Basaltbrocken von etwa zwei Meter mal eins fünfzig in mehrere Teile zerfallen würde, sobald die Seilwinde anzog, um das Teil über den Rand der Stein-küste zu ziehen. Das ist alles so schrecklich unprofessionell hier, dachte sie. Irgendwie wie das ganze Institut von Logan Hughes. Wenn man das Unternehmen, welches das Gan-ze hier auf dem Peloponnes finanzierte, überhaupt als Institut bezeichnen konnte und nicht eher als Liebhaberei oder als Hobby eines exzentrischen … na ja, Spinner wä-re vielleicht ein bisschen zu hart. Er hatte wissenschaft-lich einiges auf dem Kasten, dieser Logan Hughes.
Kurze Zeit später summte der Elektromotor der Seilwin-de los, irgendwas begann zu rasseln und die Stahlseile strafften sich. Der erste Taucher hatte den Reißverschluss seines Taucheranzugs geöffnet und seine Arme aus den engen Ärmeln gezogen. Er präsentierte jetzt seinen nack-ten Oberkörper. Alex hatte sich wieder in den Schatten verzogen. Christos, so hieß der Mann – Moony erinnerte sich vage, dass der Name so viel wie Der Gesalbte bedeu-tete, was in Anbetracht des Schweißfilms auf seinem Körper durchaus passend war – hatte offenbar ein Auge auf Eleni geworfen, die das aber nicht bemerkte. Der an-dere Taucher watete ebenfalls an Land und beobachtete, wie sich neben ihm die nasse Basaltplatte knirschend über das braune Geröll der Uferzone aus dem Wasser hob.
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„Wenn mich nicht alles täuscht“, sagte Moony nachdenk-lich, „und ich kann mir nicht vorstellen, dass mich alles täuscht, dann stammt das von einem Menschen, oder von einem großen Menschenaffen.“ Eleni, die neben ihrer Kollegin dicht vor der unförmigen und von Muscheln bewachsenen Steinplatte in die Hocke gegangen war, pfiff leise durch die Zähne.
„Kein Affe“, legte sie sich fest. „Das ist der Oberschen-kelknochen eines Menschen.“ Aufgrund der Härte des Gesteins hatten sie mit dem kleinen Meißel und einem Pinsel wenig ausrichten können. Stattdessen waren sie dem Basalt mit einem geologischen Hammer und einem tragbaren Diamantbohrer zu Leibe gerückt, um den Kno-chenfund weitgehend von der ihn umgebenden Fels-struktur, Muschelkalk und Sedimenten zu befreien, ohne das filigrane Skelett des Hyracotheriums zu beschädigen.
Die Taucher waren mit ihre Equipment inzwischen abge-fahren. Auch Alex hatte sich davongemacht, nachdem er eine zweiten Wassernapf gelehrt hatte.
„Das ist kein subfossiler Knochen“, bemerkte Eleni und nahm das Fundstück vorsichtig in die Hand, ohne sich zuvor Handschuhe überzustreifen.
„Vorsicht“, murmelte Moony ohne tatsächliche Aufre-gung. Sie machte sich keine Gedanken um die Unver-sehrtheit des Knochenfundes, sondern um die Umstände, unter denen sie ihn entdeckt hatten. Sie ließ ihren Blick von dem mutmaßlichen Menschenknochen zu dem Tierskelett wandern, das noch immer wie ein Relief in den Basaltuntergrund eingebettet war. Dann richtete sie sich auf.
„Das Ding ist mehrere hunderttausend Jahre alt, wahr-scheinlich Millionen“, sagte sie und blickte auf Eleni hin-ab, die noch immer am Boden hockte und den Knochen vorsichtig, um ihn von allen Seiten zu betrachten, zwi-schen ihren Fingern drehte.
„Die rötliche, stellenweise fast schwarze Färbung ist die gleiche wie bei dem Hyracotherium. Es sieht beinahe so aus, als seien die beiden, Urpferdchen und Mensch zur selben Zeit von der Lava eingeschlossen worden. Und das …“
„Und das ist nicht möglich“, unterbrach Eleni sie. Sie hatte den Knochen sorgsam auf dem Boden abgelegt und richtete sich ebenfalls auf. „Weil es zur Zeit von …“
„… zur Zeit von Hyracotherium ganz sicher keine Men-schen gab“, unterbrach jetzt Moony ihre Kollegin.
„No“, sagte Eleni, „Hyracotherium lebte im frühen Eo-zän“
„Im frühen und mittleren“, ergänzte Moony, „also etwa vor fünfundvierzig bis fünfundfünfzig Millionen Jahren. Und wahrscheinlich nicht in dieser Gegend.“
„Und erst recht kein Mensch“, sagte Eleni. Sie stieß mit dem Fuß sachte gegen die Außenkante der Basaltplatte. „Ich glaube auch nicht, dass dieses Gestein wirklich so alt ist. Und die Knochen auch nicht. Übrigens tippe ich bei dem Oberschenkelknochen darauf, dass er eher von ei-nem Neandertaler stammt als von einem Sapiens. Der Femur ist kürzer und stämmiger und weniger gebogen als bei uns. Und hier …“ Sie ging wieder in die Hocke und tippte mit dem Zeigefinger auf eine Stelle am Ende des Knochens, „… der Hüftgelenkskopf ist wesentlich massiver als beim Homo Sapiens.“
Moony zog die kleine Kompaktkamera aus der Tasche ihrer Shorts, beugte sich über das Fossil und machte ein paar Fotos. „Wir müssen so oder so mit Hughes spre-chen“, sagte sie. „Das ist total verrückt. Es ist nämlich ausgeschlossen, dass ein Neandertaler jemals einem Ur-pferd begegnet ist. Dein Bild vom Hyracotherium hattest du ihm schon geschickt?“ Eleni nickte.
„Den Knochen möchte ich ihm unbedingt im Original schicken, zusammen mit einer Probe des umgebenden Basalts“, schlug Moony vor. „Vielleicht kann er mit der Kalium-Argon-Analyse den Zeitraum eingrenzen. Dass wir das Urpferdchen unbeschadet vollständig aus dem Stein herauslösen können, halte ich für unwahrschein-lich. Dazu bräuchte man geeigneteres Gerät. Da soll Hughes selbst entscheiden, ob er den ganzen Block abho-len will.“
„Yes“, sagte Eleni und klopfte sich den Staub von der Hose. „Shit, ist das schon wieder heiß geworden. Ich muss aus der Sonne raus. Ich hasse dieses Land.“