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Wilfried Hildebrandt

Parzelle 159

Abgetaucht

Ich ließ mich nicht dadurch beim Spielen stören, dass die Er­wachsenen mal wieder durchdrehten, sondern nutzte vielmehr die Gelegenheit, um ohne Baugenehmigung Seen und Flüsse zu er­schaffen und zu versuchen, sie mit Wasser zu füllen, um früher oder später doch einmal meine Schiffe darin schwimmen lassen zu können.
Wie schon gesagt, war das leichter gesagt als getan, denn das Wasser blieb leider nicht lange in den Vertiefungen, die ich dafür angelegt hatte, und so musste ich ständig für Nachschub aus der Gartentonne sorgen. Allerdings stieß ich dabei auf ein weiteres Problem, denn der Pegelstand in der Tonne wurde ständig niedriger, sodass ich mich jedes Mal weiter hinüberbeugen musste, um mein Eimerchen zu füllen. Irgendwann kam es dann, wie es kommen musste: Ich fiel kopfüber ins Wasser.
War mir von außen auch der Wasserstand als sehr niedrig er­schienen, so reichte die Wassermenge im Inneren trotzdem aus, um mich vollständig in sich aufzunehmen. Ich hatte unter Wasser keine Angst, sondern schaute mich nur verwundert um und staunte, dass alles so schön grün war.
Ich weiß nicht, wie lange ich unter Wasser war, aber irgendwann packten mich kräftige Arme und zerrten mich zurück an das Tageslicht. Offensichtlich hatten die Erwachsenen, die sich an diesem Tag glücklicherweise in unserer Laube aufhielten, trotz ihrer üblichen Gesprächslautstärke das Plumpsen gehört, als ich ins Wasser gefallen war, und hatten schnell und richtig reagiert, denn ich lebte schließlich noch.
Der Nachbar, der mich aus den Fluten gezogen hatte, übergab mich meiner Mutter, die nichts Besseres zu tun hatte, als mich an­zuschnauzen, weil ich verbotenerweise mit Wasser gepanscht hatte. Als ob das noch nicht schlimm genug war, legte sie mich anschließend übers Knie und verdrosch mir den Hintern nach Strich und Faden. Obwohl die Nachbarn sie nach einer Weile ermahnten, damit aufzuhören, machte sie weiter mit der Begründung, dass sie mich prügeln müsse, um das Wasser aus mir herauszuholen. Allerdings kam die einzige Flüssigkeit, die ich von mir gab, nicht aus Mund oder Nase, sondern aus den Augen. Es waren Tränen, die ich wegen der Schmerzen am Allerwertesten vergoss.