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Wilfried Hildebrandt

Parzelle 159

Es werde Licht

Eines Tages überraschte uns mein wesentlich älterer Cousin mit der Idee, für die Beleuchtung unserer neuen Laube auf elektrisches Licht umzusteigen. Das war leichter gesagt als getan, denn wir waren nach wie vor nicht an das städtische Elektrizitätsnetz ange­schlossen. Das wusste mein Cousin natürlich und er hatte dabei auch nicht an den Strom aus der Steckdose gedacht, sondern an eine Autobatterie. Die wollte er besorgen, weil er der Meinung war, dass für die neue Laube eine neue Art der Beleuchtung her müsse.
Dieser von ihm einige Tage später beschaffte Autoakku hatte die Aufgabe, eine kleine Glühlampe zu speisen, die er an die Decke hängte. Seine Freundin hatte einen hübschen Lampenschirm dafür gebastelt.
Nach der Inbetriebnahme der Anlage zeigte es sich, dass das Licht zwar nicht wesentlich heller war, aber wir mussten nicht mehr beim Schein einer flackernden Kerze oder einer rußenden Petroleumleuchte sitzen. Für mich sollte dies den Vorteil bringen, dass ich nicht mehr so oft zu dem in unserer Straße ansässigen Ölhändler mit dem bezeichnenden Namen Ölmann gehen musste, um neues Petroleum zu kaufen. Außerdem würde die Brandgefahr durch die elektrische Beleuchtung gebannt werden, versicherte mein Cousin.
Sehr schnell stellte sich jedoch heraus, dass die neue Technik für mich einen großen Nachteil hatte. Während ich Petroleum bei Herrn Ölmann in unserer Straße auf dem Weg zum Garten kaufen und die Brauseflasche, in die es abgefüllt war, in einer Hand tragen konnte, musste ich die Autobatterie jede Woche mit dem Fahrradanhänger zu einer Autowerkstatt in Pankow fahren. Dort wurde sie aufgeladen und am nächsten Tag konnte ich sie wieder abholen. Das Ding schien mir unfassbar schwer zu sein und war außerdem äußerst unhandlich, denn es hatte keine Griffe. Deshalb musste ich mich mächtig anstrengen, um diesen Klotz zu transportieren und dabei nicht fallen zu lassen.
Trotz meiner zahlreichen Proteste musste ich das immer wieder erledigen. Trösten konnte ich mich nur damit, dass zu meinem Glück für mich auch etwas Positives dabei heraussprang. Ich bekam nämlich von meiner Mutter außer der verlangten Aufladegebühr in Höhe von 10 Mark auch noch 5 Mark Trinkgeld für den Techniker. Da ich immer schon gut in Physik und Mathematik war sowie den Strompreis kannte, konnte ich mir ausrechnen, dass die 10 Mark mehr als genug für das bisschen Strom zum Nachladen des Akkus waren. Ich vermutete sogar, dass der Techniker das Geld in seine eigene Tasche steckte. Daher behielt ich das Trinkgeld für mich und kaufte mir davon Eis. Weil ich auch im Alter von 16 Jahren immer noch kein Taschengeld von meiner Mutter bekam, war das für mich die einzige Einnahmequelle, die allerdings nur im Sommer funktionieren würde, wie ich schlussfolgerte, aber ich konnte mich damit trösten, dass die Eisläden im Winter ohnehin geschlossen waren.