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Heribert Lange

Pakistan

Sonnabend, 28. August 1993 - Kashgar

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Ich erreiche schließlich einen Supermarkt für Elektroartikel, vielleicht in seiner Art mit Conrad Elektronik oder A bis Z zu vergleichen. Der einzige Unterschied ist die bescheidene Auswahl und die fehlenden Kunden, denn ich bin alleine im Laden. Bei der Fahrradabteilung bezieht sich mein Interesse auf eine Klingel, die ich Ute zu ihrem Geburtstag versprochen habe. Nachdem ich meine Wahl zwischen zwei Modellen getroffen habe, muss ich nur noch das Interesse der Verkäuferin von ihrem Buch auf mich lenken, ein wahrlich zeitraubendes Unterfangen, da man hier augenscheinlich überhaupt kein Interesse an einem Verkauf der Waren zeigt. Nach nunmehr lautstarkem Gestikulieren meinerseits setzt sie sich in Bewegung, meinen Wunsch zu erfüllen und die erwählte Klingel herauszusuchen und mir auszuhändigen, dann schreibt sie eine dreifache Rechnung, gibt mir zwei Durchschläge, alles vollzieht sich selbstverständlich in Zeitlupe. Ich stecke die Klingel ein und begebe mich zur Kasse. Dort wird die obenstehende Summe mit der identischen untenstehenden Summe verglichen und überprüft, nachgerechnet, obwohl gar nichts zu rechnen ist. Die Kassiererin verwendet dazu übrigens den Abakus, jenes legendäre Rechengerät, welches als Vorgänger des Computers angesehen werden kann. Meine Geldscheine werden überprüft und das Wechselgeld dreimal nachgezählt. Man gibt mir die beiden quittierten Zettel zurück und händigt mir das Wechselgeld aus. Ich ahne, dass einer der beiden Zettel eigentlich dazu dienen soll, die Ware in der Fachabteilung in Empfang zu nehmen, aber ich habe ja schon meine Klingel in der Tasche und so schlendere ich langsam in die HiFi-Abteilung hinüber. Und nun, da ich drohe, das ausgeklügelte System des Verkaufs zu durchbrechen, kommen unerwartet schnelle Bewegungsabläufe ins Spiel. Eine der drei Kassiererinnen eilt, ja wirklich eilt, zu mir rüber, um mir den zweiten Schein abzunehmen und ihn der Verkäuferin auszuhändigen. Ich will nun noch einen Kassettenrekorder für den Koch erstehen. Nachdem ich auch hier meine Wahl aus rund 15 verschiedenen Gerätetypen getroffen habe, brauche ich wieder etwas Geduld, bis die Verkäuferin mit ihrer Arbeit, dem Schließen des Batteriefachs eines Radios und dem Entfernen der gebrauchten Batterien, fertig ist und sich nun mit ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit ihrem einzigen Kunden, nämlich mir, widmen kann. Ich will den Kassettenrekorder mal sehen, dazu muss die Glasscheibe der Vitrine zur Seite geschoben werden, nicht ganz einfach, da sie offensichtlich schon Monate nicht mehr bewegt worden ist und der Staub der Zeit... Mit einem Hebelwerkzeug gelingt ihr das scheinbar Unmögliche. Nun steht er vor mir mit dem Schmutz der Jahre, er gefällt mir, ich könnte ihn gleich mitnehmen. Nein, nein, ich will einen neuen, ordentlich verpackten kaufen, das schafft neue Probleme. Unendlich langsam schleicht die Verkäuferin zum Ende des Tresens, um ihn herum zum Stuhl, setzt sich und blättert langsam das Journal durch, bis sie die Eintragung findet, wo die Geräte im Keller aufbewahrt werden. Sie schleicht den langen Weg zurück und weiter in den Keller.
Ich schaue mich weiter um. Die Mittelsäulen sind mit geschliffenen und anschließend verspiegelten Scheiben dekoriert, eine schöne Arbeit, wenn die meisten Spiegel nicht bereits mehrfach gesprungen wären. Überhaupt hat man das Gefühl, die besten Jahre liegen schon hinter dem Laden. Die Mentalität scheint hier ähnlich wie in Pakistan zu sein:
Man baut ein neues Gebäude, stattet es aus, manchmal mit viel Liebe zum Detail, und kaum ist es fertig, beginnt der Verfall, weil nie wieder etwas repariert oder instandgesetzt wird. Wenn dann das Gebäude nicht mehr zu nutzen ist, baut man in der Nachbarschaft neu auf.
Die Verkäuferin erscheint wieder aus der Versenkung, sie hat offensichtlich die Regalnummer vergessen und muss noch einmal im Buch nachschauen gehen, aber dann kommt sie recht schnell wieder und präsentiert das neue Gerät. Sie schreibt noch die Rechnung und ich gehe zur Kasse. Welch eine böse Überraschung erwartet mich nun: Sie wollen weder mit Überreden noch mit Bitten oder Toben meine FEC akzeptieren, und so ziehe ich unverrichteter Dinge und stinksauer von dannen.