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Sabine Reifenstahl

Sternbilder und Himmelsmythen

Der Rabe

Ihr kennt schon die Geschichte vom verfressenen Raben, dem Becher und der ewigen Trockenheit. Wie so oft bei diesen Götterdramen gibt es eine zweite Version. Und die ist deutlich dunkler, wortwörtlich. Und furchtbar tragisch, also anschnallen, bitte. Es geht um Liebe, Verrat und einen wütenden Gott mit Sonnenkranz.
Im Zentrum der Sache: Apollon, der Leuchtende. Der Pfeile-schießende Schönling, Gott der Musik, der Dichtkunst – und offenbar auch der launischen Eifersucht.
Er war schwer verliebt in eine Frau namens Koronis. Sterblich, wunderschön und einsam, denn Götter sind viel unterwegs. Statt sich einfach Zeit zu nehmen, setzte er zur Überwachung seiner Herzensdame einen Spion ein, seinen heiligen Raben, damals noch weiß. Schneeweiß. Rein. Unschuldig. Ein richtig eleganter Himmelsvogel, stolz wie ein Schwan und doppelt so neugierig.
Der Rabe flog los, hockte sich auf irgendeinen dorischen Fenstersims und spähte durchs Schlafzimmer. Und was entdeckte er?
Koronis mit männlichem Besuch, König Ischys. Nicht göttlich, aber sehr überzeugend. Was hatte er, das Apollon nicht bieten konnte? Menschlichkeit? Außerdem wohl Zeit für seine Geliebte.
Ohne Verzögerung flatterte der Rabe zu seinem Herrn und meldete: »Ein Mann liegt bei Koronis, sie reden nicht nur, die beiden …«
Apollon brauste zornig auf, nicht das kalte Grollen eines Gewitters, sondern die sengende Hitze der Sonne selbst. Erbost raste er zur Erde, fand das Paar und tötete es mit seinen Pfeilen. Ohne Zögern oder Nachdenken, ein Zornesausbruch, bei dem er vergaß, dass Koronis sein Kind erwartete. Als der Unsterbliche zur Besinnung kam und seine Tat realisierte, war es zu spät für Reue, doch nicht für Drama. In letzter Sekunde rettete er das ungeborene Kind aus dem brennenden Leib. Klingt brutal, war es auch. Eben diese olympischen Katastrophen, vollkommen übertrieben und tragisch unnötig, wie so oft bei den Göttern. Den weinenden Jungen übergab er dem weisen Cheiron, damit er ihn aufzog. Wem sonst? Ihr kennt den Kleinen schon, kein Geringerer als Asklepios, Gott der Heilkunst, Sternbild Schlangenträger. Sein Leben begann so dramatisch, wie es enden sollte - mit Feuer und göttlichem Zorn.
Bleiben wir beim Raben. Der wartete noch auf seine Belohnung. Stattdessen traf ihn Apollons Fluch wie ein Blitz. »Du hast die Wahrheit gesagt«, zischte der Gott. »Aber manche Wahrheiten sind zu bitter für diese Welt. Zur Strafe sollst du und alle deine Nachkommen schwarz sein, dunkel wie die Nachricht, die du überbracht hast.« Logik bei Göttern? Fehlanzeige! Selbstreflexion? Schön wärs.
Das weiße Gefieder färbte sich tiefschwarz. Kein eleganter Schneevogel mehr, sondern düsterer Omenvogel, Todesbote, Unglücksrabe, Pechbringer de luxe.
Später, als Apollon den Raben an den Himmel setzte, geschah das nicht zur Ehrung, es diente als Warnung.
Dort hängt er nun, zwischen Becher und Hydra, und kann den Durst nach Vergebung nie stillen.
Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, hätte der Vogel geschwiegen oder seinem Herrn eine Lüge aufgetischt? Für Apollon gäbe es weniger zu bereuen, Koronis hätte überlebt und der Rabe wäre blütenweiß geblieben. Sein nachtfarbenes Federkleid mahnt an die Tatsache, dass einige Wahrheiten zu schwer sind für diese Welt. Was die Geschichte noch lehrt? Boten lebten schon immer gefährlich, Götter und Eifersucht waren eine explosive Mischung und manche Strafe ist schwärzer als das Vergehen.