A. S. Tory und der letzte Sommer am Meer
„1. Hannover
Dienstag, 23. 07.19
War es jemals vorher schon so heiß gewesen? Das Fenster stand weit offen, doch drang kein einziger Luftzug herein. Nur weitere Hitze erfüllte den Raum. 23.45 Uhr. Im Radio lief Vermissen … Ich musste an Chiara denken. Wir kannten uns seit zwei Jahren, hatten jeweils im Herbst abenteuerliche Reisen miteinander verbracht. Auf Einladung jenes geheimnisvollen, alten Mannes: A. S. Tory. Wohnhaft in London, mit Wurzeln in Italien und Wien, 1938 aus Berlin geflüchtet, Verfasser rätselhafter E-Mails, die mich gleich zweifach auf Roadtrips geschickt hatten.
Das zwischen Chiara und mir war weit entfernt vom Liedtext. Dieses Gefühl, sie zu vermissen, dennoch vorhanden. Wir schrieben uns regelmäßig, bislang war leider unklar, wo und wann wir uns wiedersehen würden.
Sommerferien. Die elfte Klasse hatte ich geschafft. Nicht besonders gut, aber immerhin. Chiara war erfolgreicher, getrieben von dem Wunsch, Kunst zu studieren. Bereits jetzt stellte sie Zeichnungen für ihre Bewerbung zusammen.
Eine Woche zuvor hatte uns Papa besucht. Mein Vater, der Aussteiger, wollte seinen Traum, in Kanada zu leben, nicht mehr aufgeben. Mama hatte sich damit abgefunden und endlich ebenfalls ein neues Leben angefangen. Seit dem Frühjahr gab es jemanden Neues an ihrer Seite. Mein Bruder Ferdi tat sich damit schwer, ich fand den Typ ganz okay. Dass Mama jetzt häufiger unterwegs war, gab mir mehr Freiheiten. Nachdem ich ihr alles über A. S. Tory erzählt hatte, war ihre Meinung zu ihm überraschend milde und verständnisvoll ausgefallen und sie versuchte mich nicht mehr wie im Vorjahr ständig zu kontrollieren.
Gerade erstickten mich jedoch die Langeweile und die dreißig Grad am späten Abend in gleicher Weise. Weder das Buch, das ich gerade las, noch das PC-Spiel konnten das ändern.
Ich beschloss, kalt zu duschen. Das Wasser rieselte auf meinen Kopf und brachte zumindest kurzfristig etwas Abkühlung. Als ich zurück in mein Zimmer kam, leuchtete mein Handy auf. Ich schnappte es mir und starrte auf die Zeilen. Eine Nachricht von Chiara! Drei Worte …
Lust auf London?
Mit einem Union Jack – und einem Flugzeug-Emoji.
Eilig tippte ich ein Fragezeichen ein.
Ihre Antwort war ein lachender Emoji, ein Pfeil und das @-Zeichen.
Ich klickte meinen Mailordner an und da war sie: Wie im vorigen Jahr eine weitergeleitete Mail von Mister Tory. Ich atmete tief durch und las:
Liebe Chiara, lieber Sid,
üblicherweise schreibe ich Sie erst im Herbst an. Doch dieses ungewöhnlich warme Wetter hat mich auf die Idee gebracht, Sie einmal in das sonst so kühle und regennasse England einzuladen.
Sofern es Ihre eigenen Ferienpläne ermöglichen, könnten Sie bereits zum Wochenende meine Gäste sein. So lange Sie wollen. Die Erlaubnis von Frau Sagenroth dieses Mal vorausgesetzt. Da hoffe ich im Zweifelsfall auf die Überzeugungskraft von Chiara. Es wäre mir eine große Freude und Ehre, Sie beide in Kensington zu empfangen. Zudem kann ich Ihnen vor Ort in Ruhe die neuesten Entwicklungen zu Ihren Recherchen im Vorjahr berichten. Im Übrigen ist das Meer nicht weit. In knapp zwei Stunden sind Sie dort und können den englischen Sommer am Strand von Camber, gegebenenfalls auch in meinem Ferienhaus in Rye genießen. Rye ist zwar ein Stückchen weiter im Inland gelegen, aber ganz nah zu Camber und zum Meer.
Ich kann mich schnell um Ihre Reisemöglichkeiten kümmern. Ein Flug wäre bei der derzeitigen Wetterlage für Sie beide das angenehmste. Lassen Sie mich wissen, wie Sie sich entscheiden. Ach, Sid, und hören Sie noch einmal in die alten Platten Ihres Vaters. Da passt so einiges zu London, denke ich.
Es grüßt Sie A.S. Tory