A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit
„Seine Schritte hallten in dem leeren Innenhof wider. Die alte Fabrik. So oft war er in den letzten zwei Jahren hier gewesen. Vor der Tür blieb er stehen. Quietschend ließ sie sich öffnen. Langsam trat er ein. Staub tanzte in der Luft und nur wenig Licht drang durch die milchigen Fensterscheiben.
Hinten in der Ecke stand immer noch das alte Sofa. Mit Robert hatte er es damals hierhin geschleift. Vom Sperrmüll gerettet. Eine alte verfilzte Decke lag auf dem Boden. Daneben ein paar leere Bierdosen. Er blieb stehen, ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Sie hatten unzählige Male hier gefeiert. Benommen, glückselig, überdreht, hatten laut Musik gehört, lebenshungrig, übermütig.
Aber das war gestern. Aus und vorbei. Er ließ seinen Rucksack fallen und hockte sich daneben, starrte auf den dreckigen Boden. Er fühlte sich so unendlich müde und es war Zeit. Es war einfach an der Zeit. Das Spiel war zu Ende.
Mit zitternden Händen nestelte er an dem Verschluss und nahm alles hervor, was er brauchte.
Wärme durchströmte ihn. Langsam glitt er hinweg. Die Zeit raste durch seine Adern und mit ihr alle Erinnerungen.
Er tanzte im Regen und Licht, flog durch das All, fühlte Angst, Liebe, Entsetzen, Glück, Verzweiflung und den Wunsch, für immer zu vergessen.
Frankfurt am Main, Januar 2019
Der Blick der alten Dame schweifte unsicher durch das Wohnzimmer. Die vielen Bücher, die liebevoll gepflegten Pflanzen, unzählige gerahmte Fotografien der Familie, Gemälde, die Wohnzimmercouch, eine Vitrine mit Porzellan und kleinen Figuren. Jahrzehntelang Gesammeltes, Erinnerungen an Generationen, gemeinsame Feiern und Einladungen. Lebensmittelpunkt für so lange Zeit.
»Muss ich noch etwas mitnehmen?«
»Nein … das … ist nicht nötig.« Die Tochter erblasste und schüttelte den Kopf.
Langsam gingen sie aus dem Raum, schritten durch den Flur auf die Ausgangstür zu.
Ihr Vater griff mit zitternden Händen nach seinem Hut und hielt ihn fest. »Brauche ich den? Wir kommen doch danach wieder …«
»Nimm ihn trotzdem besser mit.«
Sie stiegen zusammen ins Auto. Die alte Frau nestelte nervös an ihrer Tasche herum. »Wo fahren wir hin […]“