A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit
„Krachend fiel das Regalbrett herunter, die anderen folgten. Ich fluchte. Warum um Himmels willen hatte sich Mama in den Kopf gesetzt, die gesamte Wohnung zu renovieren und das alles jetzt in den Sommerferien, die aber sowieso keine richtigen Ferien waren, sondern eher ein verlängerter Lockdown. Im Radio lief Ghost Town von den Rolling Stones. Hammermäßiger Titel mit einem fast surrealen Video der leeren Straßen Londons. Es passte zu meiner Stimmung. Auch mir kam alles in diesem Jahr nahezu gespenstisch vor, so als würde mir die Zeit entgleiten. Oder aber stillstehen. Ein ganz seltsames Gefühl.
Ich setzte mich erschöpft hin und starrte auf die Bauanleitung des neuen Regals. Was für ein Elend. Dass aus einem Wiedersehen mit Chiara im Frühjahr nichts werden konnte, war sehr schnell klar geworden. Angstvoll hatte ich die Nachrichten verfolgt und mir um sie und ihre Familie wie auch um Mr. Tory in gleichem Maße Sorgen gemacht.
Sowohl die Lage in Italien als auch in England war zu der Zeit mehr als besorgniserregend. Obwohl es im kleinen Campeto noch keine Covid-Erkrankten gab und auch Tory per E-Mail stets versicherte, es gehe ihm gut und er hätte sowieso nicht vorgehabt, eine Rollstuhlrallye durch das leere London ohne Mundschutz zu machen.
Dennoch hatte ich meine ganze Hoffnung auf den Sommer gesetzt. Man konnte ja wieder reisen. Wenn auch eingeschränkt. Sehnsüchtig hatte ich in den letzten Wochen auf eine E-Mail von Tory gewartet. Aber da kam nichts. Gar nichts. (...)
Eilig schrieb ich Chiara eine Kurznachricht: Hab von Tory eine E-Mail bekommen. Du auch?
Es dauerte eine Weile. Ungeduldig nahm ich wieder meine Arbeit auf. Als ich gerade zwei Regalböden wieder festschraubte, leuchtete Chiaras Antwort auf.
Ja, Er hat mir auch geschrieben. Zeitreise. Si, si, per favore! Bitte ins nächste Jahr! Oder egal wohin, auch zurück meinetwegen. Hauptsache raus aus 2020. Klingt außerdem mega. Irgendwie auch etwas verrückt. Würdest du es machen?
Aufgeregt tippte ich meine Antwort.