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S.Sagenroth

A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit

Arne

„Leip­zig, 15. Feb­ruar 1991. Es ist kalt, ich sitze in der leeren Lager­halle. Allein. Ich weiß nicht, warum ich das hier mache, aber viel­leicht, weil ich möchte, dass etwas bleibt, dass es jemand findet und ab­hört. Also dik­tiere ich das erste Mal meine Ge­danken.
Wo soll ich an­fangen? Ich weiß nicht, ob es mir ge­lingen wird, in der Reihen­folge zu erzäh­len, ver­mut­lich werde ich manch­mal sprin­gen. Die Er­inne­rungen kommen und gehen, stei­gen auf wie Blasen und zer­plat­zen wieder. Ich bin 1968 ge­boren. Meine Eltern, beide auf­gewach­sen mitten im Natio­nal­sozia­lis­mus, Mari­anne und Helmut, gut­bürger­lich, konser­vativ. Meine Kind­heit im Westen, mit zwei älte­ren Schwes­tern. Es war alles so, wie es damals sein sollte: ich war den ganzen Tag über draußen, habe Fuß­ball oder Ver­ste­cken ge­spielt, schon da be­son­ders gerne an den ver­bote­nen Orten, habe die Zeit mit Match­box­autos, Ac­ti­on­man, einem Zauber­koffer, Lego oder Hör­kas­setten verbracht. In die Schule ging ich so gern und un­gern wie wohl die meis­ten Jungs. Ita­lien­urlaub 1974. Mit Welt­meis­ter­schaft, Co­co­bel­lo am Strand und Ge­la­ti. Im Fern­sehen gab’s Rappel­kiste und Sesam­straße. Laden­schluss um 18 Uhr und am Wochen­ende um 13 Uhr. Sonn­tags­spa­zier­gänge und Kaffee­kränz­chen meiner Mutter, bei denen man sich artig vor­stel­len sollte.
Ich war un­gefähr drei­zehn, als sich mir mit der Musik eine neue Welt auf­tat. Ich würde sogar sagen, dass sie für mich die Mauern auf­brach, mich aus der Enge der Schule oder dem Zu­hause raus­holte, es war ganz sicher der beste Teil von dem, was in den Folge­jahren kam.
Ich hörte The Wall so oft, bis Papa wütend ins Zimmer stürm­te und ver­langte, dass ich es aus­stel­len sollte. Bei Clau­dia und Isabel machte er das nie. Bei ihnen ging es eher um den Dauer­streit, bis wann sie weg­gehen und mit wel­chen Jungs sie sich tref­fen durf­ten. Das kam bei mir erst viel später. Doch dann um­so hefti­ger.
Mama hielt sich wie immer aus allem raus, sie hatte diese Gabe, zu ver­drän­gen und weg­zu­hören, Streit zu ver­meiden. Papa sagte immer: Du bist nur für die guten Zeiten ge­macht. Sie hat dann immer ge­lacht. Aber ich glaube, sie ver­stand nicht ganz, was er damit meinte.