Frühstück mit Elvis
Veränderungen sind unnötige Unterbrechungen der Routine
Es hätte alles so weitergehen können, wären sie nicht auf die Idee gekommen, daran etwas zu verändern. Und Veränderungen mochte er nun mal gar nicht. Er war nicht der Typ für große Unternehmungen. Bereits dem jugendlichen Alter entwachsen, liebte er seinen geruhsamen Alltag. Mit den gewohnten Routinen. Seine letzten Jahre sahen meist so aus: morgens nach einem mehrmaligen Weckruf seiner etwas schwerhörigen Mitbewohnerin, einer Putzorgie und dem Frühstück das Klo aufsuchen, kurz raus auf den Balkon, das Revier beobachten und dann wieder ausruhen. Ein kleines Mittagessen, sich genüsslich in der Sonne räkeln, in tiefsinnigen Betrachtungen versinken, über Gott und die Welt philosophieren, eine Siesta halten, abends zum Spaß ein paar Fliegen fangen, wieder etwas die Lage vor Ort checken. Nicht zu vergessen, zwischendrin ausgiebige Streicheleinheiten abholen und dabei mächtig schnurren.
Elvis war ein ansehnlicher schwarzer Kater mit weißem Pelzkragen und weißen Stiefeln. Seinen Namen hatte er bekommen, weil die Fellzeichnung an seinem Kopf ein bisschen so aussah wie die verwegene Tolle der Rocklegende. Natürlich hatte er auch mindestens einen so eleganten Hüftschwung drauf. Auch war er Jahr für Jahr der beste Sänger in lauen Frühjahrsnächten. Jedenfalls fand das die Katzendame auf dem Balkon gegenüber.
Er lebte seit Jahren bei Klärchen. Einer älteren, aber noch ganz munteren Dame, die vor allem viel Zeit für Elvis hatte. Ihr Ehemann war schon vor geraumer Zeit verstorben, die Kinder waren lange ausgezogen und daher blieb Elvis ihre Nummer Eins.
Die schönste gemeinsame Zeit verbrachten die beiden immer morgens. Wenn die anderen Mieter gerade aus dem Haus waren, auch der Berufsverkehr sich draußen gelegt hatte und eine wunderbare Ruhe sie umgab. Manchmal briet sie dann auch Spiegelei mit Käse und Tomate, von dem Elvis regelmäßig ein bisschen etwas abbekam. Während Klärchen weiter ihr Frühstück einnahm und leise mit der Zeitung raschelte, rollte sich Elvis zu ihren Füßen ein und genoss diese friedliche Zweisamkeit. Gemeinsam zu schweigen, wenn jeder die Zufriedenheit des anderen spürte, war etwas Wunderbares.
Sie schwiegen aber nicht nur miteinander. Denn Elvis war der beste Zuhörer der Welt, wie ihm Klärchen immer wieder versicherte. So hatte die alte Dame nach und nach ihre ganze Lebensgeschichte erzählt und ihn als Vertrauten betrachtet. Einem Zuhörer, der fernab von der Welt da draußen, immer da war und nie weglief. Der sie stets wissend anschaute und ein zustimmendes oder beruhigendes Schnurren von sich gab, wenn es nötig war. Ja, es schien ihr manchmal sogar so, als wollte er ihr etwas mitteilen und einen Rat geben.
Auch besaß er die Fähigkeit, sie immer auf diese kleinen Vergesslichkeiten hinzuweisen. Wenn sie ihre Brille oder ihren Schlüsselbund mal wieder verlegt hatte, Rechnungen nicht fand, oder aber versäumt hatte, den Herd auszuschalten, stupste er sie manchmal an und weckte damit ihre Aufmerksamkeit.
Zuweilen nannte Klärchen ihn deswegen liebevoll Kommissar Elvis, was ihn besonders stolz machte, wusste er doch, wie gerne Klärchen Detektive oder Kommissare mochte. »Elvis, du bist ein sehr kluger und einfach zauberhafter Kater! Wie und warum auch immer, in deiner Gegenwart fühlt man sich glücklich.« Elvis wiederum mochte Klärchens stets zugewandte Art, ihre warmen Hände und ihre leise Stimme. Er mochte es auch, mit ihr Musik zu hören und Filme zu sehen. Klassische Musik und Hits aus den 60er und 70er Jahren – natürlich auch die seines Namensvetters –, alte Spielfilme und Krimis.
Immer mal wieder erzählte sie ihm auch, wie er zu ihr gekommen war. Eigentlich hätte er einen spanischen Namen tragen müssen. »Don Elvis.« Klärchen kicherte dann stets. Denn er war eine Fundkatze von der Insel Lanzarote und von dort mit der Katzenhilfe nach Deutschland gebracht worden.
»Mein Lieber, du hast solches Glück gehabt. Dir hätte sonst Schlimmes geschehen können.« Was genau das sein mochte, sprach sie nie aus, erzählte aber, dass man dort viele Katzen einfing und sie dann fortbrachte. Dass sie für immer verschwanden. An die Zeit auf der Insel konnte er sich nicht mehr erinnern. Ab und an hätte es ihn gereizt, noch ein bisschen mehr von seiner Umgebung hier in Deutschland zu sehen, dort unten auf den Straßen spazieren zu gehen. Aber angesichts der vielen rasenden Ungeheuer und kläffenden Hunde, wäre das vermutlich unbequem gewesen.
Klärchen hatte dagegen trotz ihres Alters immer mal wieder Reisen angetreten. Etwas, wovon Elvis so gar nichts hielt und Klärchens Begeisterung daher nie so recht verstehen konnte. Auch wenn sie stets ganz beglückt davon schwärmte.
»Du weißt gar nicht, was du da alles verpasst. Die Welt ist so wunderbar!« Elvis überzeugte das aber nicht. Warum sollte man, wenn es keinen triftigen Grund dafür gab, sein gemütliches Zuhause verlassen und in die Ferne ziehen? Während Klärchen durch die Welt zog, blieb Elvis stattdessen immer zu Hause und wurde dann regelmäßig von dem älteren Herrn von nebenan versorgt. Das war nicht so schlecht. Jedenfalls gab es ordentliche Mahlzeiten. So viel Thunfisch, wie er wollte, was sein Frauchen ihm in der Form nur eher selten gestattete. Auch ihre Kinder kamen ab und an mal vorbei und kümmerten sich um dies und das. Hatten auch schon mal Kisten und Koffer mitgenommen.
Elvis schaute aus dem Fenster und betrachtete die ersten herbstfarbenen Blätter, die der Wind durch die Luft trug. Normalerweise konnte er damit eine Ewigkeit verbringen. Aber etwas machte ihn unruhig, etwas stimmte nicht. Das spürte er ...