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S.Sagenroth

Frühstück mit Elvis

Kapitel 1

Veränderungen sind unnötige Unterbrechungen der Routine

Es hätte alles so weiter­gehen können, wären sie nicht auf die Idee ge­kommen, daran etwas zu ver­ändern. Und Ver­ände­rungen mochte er nun mal gar nicht. Er war nicht der Typ für große Unter­neh­mungen. Be­reits dem jugend­lichen Alter ent­wach­sen, liebte er seinen ge­ruh­samen All­tag. Mit den ge­wohn­ten Routi­nen. Seine letz­ten Jahre sahen meist so aus: mor­gens nach einem mehr­mali­gen Weck­ruf seiner etwas schwer­höri­gen Mit­bewoh­nerin, einer Putz­orgie und dem Früh­stück das Klo auf­suchen, kurz raus auf den Balkon, das Revier be­obach­ten und dann wieder aus­ruhen. Ein klei­nes Mittag­essen, sich ge­nüss­lich in der Sonne räkeln, in tief­sinni­gen Be­trach­tungen ver­sinken, über Gott und die Welt philo­sophie­ren, eine Siesta halten, abends zum Spaß ein paar Flie­gen fangen, wieder etwas die Lage vor Ort che­cken. Nicht zu ver­gessen, zwi­schen­drin aus­gie­bige Strei­chel­ein­heiten ab­holen und dabei mäch­tig schnur­ren.
 
Elvis war ein an­sehn­licher schwar­zer Kater mit weißem Pelz­kragen und weißen Stie­feln. Seinen Namen hatte er be­kommen, weil die Fell­zeich­nung an seinem Kopf ein biss­chen so aus­sah wie die ver­wegene Tolle der Rock­le­gende. Natür­lich hatte er auch mindes­tens einen so ele­ganten Hüft­schwung drauf. Auch war er Jahr für Jahr der beste Sänger in lauen Früh­jahrs­näch­ten. Jeden­falls fand das die Katzen­dame auf dem Balkon gegen­über.

Er lebte seit Jahren bei Klär­chen. Einer älte­ren, aber noch ganz munte­ren Dame, die vor allem viel Zeit für Elvis hatte. Ihr Ehe­mann war schon vor ge­raumer Zeit ver­stor­ben, die Kinder waren lange aus­gezo­gen und daher blieb Elvis ihre Nummer Eins.
Die schöns­te ge­mein­same Zeit ver­brach­ten die beiden immer mor­gens. Wenn die ande­ren Mieter gerade aus dem Haus waren, auch der Berufs­ver­kehr sich draußen ge­legt hatte und eine wunder­bare Ruhe sie um­gab. Manch­mal briet sie dann auch Spie­gel­ei mit Käse und Tomate, von dem Elvis regel­mäßig ein biss­chen etwas ab­bekam. Wäh­rend Klär­chen weiter ihr Früh­stück ein­nahm und leise mit der Zei­tung ra­schelte, rollte sich Elvis zu ihren Füßen ein und ge­noss diese fried­liche Zwei­sam­keit. Ge­mein­sam zu schwei­gen, wenn jeder die Zufrie­den­heit des ande­ren spürte, war etwas Wunder­bares.
 
Sie schwie­gen aber nicht nur mit­einan­der. Denn Elvis war der beste Zu­hörer der Welt, wie ihm Klär­chen immer wieder ver­sicher­te. So hatte die alte Dame nach und nach ihre ganze Lebens­geschich­te er­zählt und ihn als Ver­trau­ten be­trach­tet. Einem Zu­hörer, der fern­ab von der Welt da draußen, immer da war und nie weg­lief. Der sie stets wis­send an­schau­te und ein zu­stim­mendes oder be­ruhi­gendes Schnur­ren von sich gab, wenn es nötig war. Ja, es schien ihr manch­mal sogar so, als wollte er ihr etwas mit­teilen und einen Rat geben.
Auch be­saß er die Fähig­keit, sie immer auf diese klei­nen Ver­gess­lich­keiten hin­zu­weisen. Wenn sie ihre Brille oder ihren Schlüs­sel­bund mal wieder ver­legt hatte, Rech­nungen nicht fand, oder aber ver­säumt hatte, den Herd aus­zu­schal­ten, stups­te er sie manch­mal an und weckte damit ihre Auf­merk­sam­keit.
Zu­weilen nannte Klär­chen ihn des­wegen liebe­voll Kom­missar Elvis, was ihn be­son­ders stolz machte, wusste er doch, wie gerne Klär­chen De­tek­tive oder Kommis­sare mochte. »Elvis, du bist ein sehr kluger und ein­fach zauber­hafter Kater! Wie und warum auch immer, in deiner Gegen­wart fühlt man sich glück­lich.« Elvis wiede­rum mochte Klär­chens stets zu­gewand­te Art, ihre warmen Hände und ihre leise Stimme. Er mochte es auch, mit ihr Musik zu hören und Filme zu sehen. Klassi­sche Musik und Hits aus den 60er und 70er Jahren – natür­lich auch die seines Namens­vet­ters –, alte Spiel­filme und Krimis.
Immer mal wieder erzähl­te sie ihm auch, wie er zu ihr ge­kommen war. Eigent­lich hätte er einen spani­schen Namen tragen müssen. »Don Elvis.« Klär­chen kicher­te dann stets. Denn er war eine Fund­katze von der Insel Lanza­rote und von dort mit der Katzen­hilfe nach Deutsch­land ge­bracht worden.
»Mein Lieber, du hast sol­ches Glück ge­habt. Dir hätte sonst Schlim­mes ge­sche­hen können.« Was genau das sein mochte, sprach sie nie aus, erzähl­te aber, dass man dort viele Katzen ein­fing und sie dann fort­brach­te. Dass sie für immer ver­schwan­den. An die Zeit auf der Insel konnte er sich nicht mehr er­innern. Ab und an hätte es ihn ge­reizt, noch ein biss­chen mehr von seiner Um­gebung hier in Deutsch­land zu sehen, dort unten auf den Stra­ßen spa­zieren zu gehen. Aber an­ge­sichts der vielen rasen­den Un­ge­heuer und kläf­fenden Hunde, wäre das ver­mut­lich un­bequem ge­wesen.
Klär­chen hatte da­gegen trotz ihres Alters immer mal wieder Reisen an­getre­ten. Etwas, wovon Elvis so gar nichts hielt und Klär­chens Be­geiste­rung daher nie so recht ver­stehen konnte. Auch wenn sie stets ganz be­glückt davon schwärm­te.
»Du weißt gar nicht, was du da alles ver­passt. Die Welt ist so wunder­bar!« Elvis über­zeugte das aber nicht. Warum sollte man, wenn es keinen trif­tigen Grund dafür gab, sein ge­müt­liches Zu­hause ver­lassen und in die Ferne ziehen? Wäh­rend Klär­chen durch die Welt zog, blieb Elvis statt­dessen immer zu Hause und wurde dann regel­mäßig von dem älte­ren Herrn von neben­an ver­sorgt. Das war nicht so schlecht. Jeden­falls gab es ordent­liche Mahl­zeiten. So viel Thun­fisch, wie er wollte, was sein Frau­chen ihm in der Form nur eher selten ge­stat­tete. Auch ihre Kinder kamen ab und an mal vorbei und küm­merten sich um dies und das. Hatten auch schon mal Kisten und Koffer mit­genom­men.
 
Elvis schau­te aus dem Fens­ter und be­trach­tete die ersten herbst­farbe­nen Blät­ter, die der Wind durch die Luft trug. Norma­ler­weise konnte er damit eine Ewig­keit ver­brin­gen. Aber etwas machte ihn un­ruhig, etwas stimm­te nicht. Das spürte er ...