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S.Sagenroth

Siesta mit Elvis

Prolog

„Nur noch ein ein­ziger Tisch war be­setzt. Zu hören war Salsa­musik, be­glei­tet von einem leisen Klir­ren. Ihr Kol­lege Adrian brach­te ein Tab­lett mit Glä­sern in die Küche. Sie schau­te auf die Uhr. Erst in zwei Stun­den war Mit­tags­pause. Sogar hier in den ab­gedun­kelten, sonst kühlen Räumen war es warm und sti­ckig. Sie sah zum Fens­ter hinaus. Auf dem Platz vor dem Restau­rant war es an diesem Tag un­gewöhn­lich leer. Nicht die üb­lichen Schlan­gen, die sonst vor der be­lieb­ten Eis­diele gegen­über warte­ten.
Eine Frau mit einem großen Sonnen­hut und einer Sonnen­brille saß mit einem Eis­becher gegen­über auf den Trep­pen­stufen. Im Schat­ten der Kirche hatte sich ein Mann mit einer Vio­line auf eine Bank ge­legt und hielt eine Siesta. Er musste neu hier sein, sie hatte ihn noch nie ge­sehen. Aber auch er würde heute ver­mut­lich keine guten Ein­nahmen machen. Ein Junge hockte auf der Mauer und zeich­nete irgend­etwas auf einen Block. Es schien, als würde sich die Stadt vom Vor­tag aus­ruhen, an dem der Höhe­punkt von Rhein in Flam­men, das große Feuer­werk und der Schiffs­korso, statt­gefun­den hatte. Ein Mit­tag, den man besser hinter Jalou­sien bei einer Siesta, im Schwimm­bad oder irgend­wo am Meer ver­brin­gen sollte. Sie seufz­te. Auch den Katzen war es zu heiß. Dort drüben husch­te eine kleine Ge­ti­gerte schnell über die Straße, um dann rasch in einem Tor­ein­gang zu ver­schwin­den.
»Naomi, könn­test du bitte auf­hören, zu träu­men und dich um den Herrn da draußen küm­mern!«
Sie schrak aus ihren Be­trach­tungen auf. »Ja, natür­lich!«
Ma­teo, ihr Chef, wirkte heute ge­stresst und un­gehal­ten. »Wenn ihr nach­her fertig seid, macht bitte die Musik aus und schließt ab. Ich muss jetzt schon gehen. Wir sehen uns heute Abend! Nicht ver­gessen!«
»Ja, alles klar!« Sie sollte die Schicht für Ce­li­ne über­nehmen. Die hatte gerade kurz­fris­tig ab­gesagt. Nur Ma­teo, die beiden Köche Lukas und Phi­lipp, Kell­ner Adrian und sie würden da sein. Der Ser­vice war für diesen Abend deut­lich unter­be­setzt.
Natür­lich, das Geld konnte sie ge­brau­chen. Aber Lust hatte sie nicht. Naomi gab sich einen Ruck und ging zu dem letz­ten Gast nach draußen, der mit dem Rücken zu ihr saß.
»Wün­schen Sie noch etwas oder darf ich schon ab­räumen?«
Der Fremde jedoch blieb reg­los sitzen. Auf dem Tisch stan­den zwei Gläser. Ein noch volles Glas mit Wasser und ein ge­leer­tes Rot­wein­glas. Hatte dort nicht eben noch die blonde Frau ge­sessen? Naomi wun­derte sich und wurde nervös. Auch die Teller mit den Tapas, Mo­jo-Kartof­feln, Pie­men­tos und Emp­ana­das waren zur Seite ge­scho­ben, aber kaum an­ge­rührt.
»Hallo …?« Sie trat näher. »Geht es Ihnen nicht gut?« Im glei­chen Moment hörte sie ein Rö­cheln und dann kippte der Mann nach vorne, krach­te mit dem Kopf direkt auf die Tisch­platte. Die Augen weit ge­öffnet. Der Blick starr.
»Oh mein Gott!«
Sie rief Adrian. Er prüfte den Puls, führte Erste-Hilfe-Maß­nahmen durch, so gut er es eben konnte. Doch das alles half nichts mehr.
»Wir müssen einen Arzt und die Poli­zei rufen. Eins ist jetzt schon klar. Der Mann ist tot.“