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Matthias Grabo

Asynchron

Leseprobe Asynchron: Kapitel 10

Quinn verfolgte Eves Videoaufzeichnung. Wie in ihren Blogbeiträgen hatte sie ihr Gesicht gefilmt und berichtete. Im Hintergrund waren noch andere Stimmen zu hören, und ein Baby schrie. Doch Eve wandte die Kamera nie von sich ab und nannte keine anderen Namen, sondern sprach nur allgemein von anderen Menschen, die ihr halfen. Quinns Gesicht färbte sich kreidebleich, als Eve ihrer pinken Kamera die erlebten Ereignisse schilderte. Sie war angefahren worden, befand sich aber immerhin auf dem Weg der Besserung. Die Zeitdifferenz verwirrte ihn, war unerklärlich.
Wie kann für mich ein Tag vergangen sein, aber für Eve bereits mehr Zeit?, fragte er sich. Bin ich durch die Zeit gereist? Das würde jedenfalls erklären, warum die Menschen plötzlich verschwunden sind. Aber wie viel Zeit ist seit dem Blitzgewitter vergangen?
Davon abgesehen besaß Quinn Gewissheit, dass Eve die Katastrophe überlebt und eine safe/sichere Zuflucht gefunden hatte. Eine Gewissheit, die sich schnell relativierte, als Eve mitten in der Nacht ihre Kamera erneut einschaltete und diese hektisch umherschwenkte. Die Ruhe ihres anfänglichen Videoblogs war schlagartig fort. Die Gruppe und Eve schienen in Panik aus der Kirche zu flüchten. Quinn erkannte nicht viel. Das Bild war verwackelt und die Beleuchtung schlecht.
»Der Forscher«, sagte eine unbekannte Stimme aus dem Off. »Wir müssen den Forscher finden. In seiner Zuflucht sind wir sicher.«
»Ich denke nicht, dass wir ihm hier um die Uhrzeit zufällig über den Weg laufen«, schnaufte Eve. »Wir müssen uns hier irgendwo verstecken. Morgen können wir in meine Wohnung gehen. Dritter Stock, dort werden wir sicherer sein als in der Kirche.«
Ihre Begleitung, ein junger Maun, blieb stehen. »Habt ihr das gehört?«
Quinn hörte im Hintergrund das gleiche metallische Scheppern, dem auch er in der vergangenen Nacht begegnet war. Kurz darauf strahlte buntes Licht die umliegenden Gebäude an. Dann färbte sich das Display der Kamera schwarz. Der Akku war leer.
Nein, nein, nein, Eve ist diesen Kreaturen begegnet. In der Nacht, vollkommen schutzlos!, dachte Quinn. Aber sie muss es überstanden haben. Wie sollte denn sonst ihre Kamera in ihre Wohnung gelangt sein? Nur wo bist du jetzt, Eve? Ich muss das Video zu Ende sehen. Eve hat mir sicherlich eine Nachricht hinterlassen. Das ergibt Sinn. Deswegen liegt ihre Kamera noch hier. Andernfalls würde Eve nie ohne sie ihre Wohnung verlassen. Und was ist mit diesem Forscher? Vielleicht ist sie dort.
Er hängte die Kamera mit dem Gurt um seine Schulter – irgendwo musste er einen neuen Akku auftreiben, dann würden Antworten folgen.
Quinn verließ Eves Wohnung und mühte sich durch das Schweigen seiner Heimatstadt. Die Sonne knallte erbarmungslos auf sein Haupt. Er passierte eine verlassene Tankstelle, an der es immer noch nach Benzin stank, entdeckte einen mit Unkraut zugewucherten Spielplatz, auf dem das Kinderlachen längst verstummt war und stattdessen eine verrostete Schaukel im Wind leise knirschend hin und her schwang, und gelangte anschließend auf eine kleine Einkaufsstraße in der Altstadt.
Die Zeit verstrich und Quinns Schritte wurden immer schwerer. Die Sonne erreichte ihren Zenit, die Temperaturen waren kaum zu ertragen. Er glaubte, der Boden würde seine Füße kochen, und fürchtete beinahe, seine Schuhsohlen könnten schmelzen. Einen klaren Gedanken zu fassen, fiel immer schwerer. Ein Geräusch auf einem der Dächer lenkte seinen Blick nach oben. Er entdeckte nichts, lediglich ein paar kleine Steine rieselten die Häuserfassade herunter.
Quinn folgte der Pflastersteinstraße mit starrem Blick. Apathisch beobachtete er die gasige Hitze in der Ferne, die über dem scheinbar geschmolzenen Weg tanzte. Quinn verlor die Orientierung und irrte ziellos umher. Ihn plagten Schwindel und Kopfschmerzen. Die Hitze erdrückte ihn; bald würde er dehydriert zusammenbrechen. Er ließ die Einkaufsstraße hinter sich und schleppte sich auf den anliegenden Marktplatz.
Vor einem ausgetrockneten Brunnen erblickte er die Umrisse eines Menschen. Er erkannte das Geschlecht nicht, sondern sah nur einen gesichtslosen Schatten – der ihm jedoch zuwinkte. Quinn kniff die Augen zusammen und formte mit seiner Hand einen Schirm, damit die Sonne ihn nicht blendete.
Wer ist das?, fragte er sich verwundert.
Die Person nahm Gestalt an. Es war eine Frau. Nicht irgendeine Frau – es war Eve! Mit ihrer Hand lotste sie Quinn zu sich. Ich habe es geschafft! Eve! Ich habe dich gefunden!
Schlagartig erfüllt von neuer Energie, grinste er und taumelte zu ihr. Was auch mit dieser Welt geschehen war: Mit ihr an seiner Seite würde er alles durchstehen. Doch Eve wartete nicht auf ihn. Sie lächelte ihn an, rannte davon und verschwand in einer Seitengasse. Quinn war verwirrt, folgte ihr aber. Als er um die Kurve lief, sah er Eve bewusstlos auf dem Boden liegen. Er eilte zu ihr. Sie musste die Hitze noch schlechter verkraftet haben als er. Er beugte sich über sie, hielt seinen Kopf über ihren und spürte, wie ihr warmer Atem sein Ohr berührte. Quinn war erleichtert. Eve schlief nur friedlich und erholte sich von den Strapazen, die auch ihn fast in die Knie zwangen.
Quinn blickte wieder in ihr Gesicht und stellte erschüttert fest: Diese junge Frau war nicht Eve. Sie war ihm vollkommen unbekannt. Eve war nichts weiter als ein Hirngespinst gewesen, das die Hitze in seinem Kopf aufgeschreckt hatte. Quinn starrte die fremde Person an. Sie hatte weder das goldene Haar noch die vollen Lippen oder die katzengleichen Augen von Eve – dennoch war sie nicht hässlich. Sie spielte nur nicht in Eves Liga, aber für Quinn tat dies ohnehin keine andere Frau. Ihre Haarfarbe war wie Kohle und ihre Haut wie Porzellan – ein kräftiger Kontrast von Schwarz und Weiß. An der Wange hatte sie eine kleine, mittlerweile verblasste Narbe.
Er versuchte, die junge Frau zu wecken, ohne Erfolg. Ihre Stirn glühte. In ihrem Nacken entdeckte er eine Art Bisswunde. Nur ein kleiner Kratzer, nichts Lebensgefährliches, befand Quinn. Ihre Klamotten waren verwaschen und abgetragen. Auf ihrem Rücken trug sie einen olivgrünen Rucksack. Quinn musste ihr helfen, musste sie aus der Sonne bringen und einen schattigen Unterschlupf finden, in dem sich beide ausruhen konnten. Er hob sie hoch und machte sich auf die Suche. Die junge Frau war dünn, er benötigte trotzdem all seine Kraft, um sie zu tragen.
Er entdeckte einen kleinen Supermarkt und hoffte, in dem Laden endlich Essen und Trinken zu finden – vielleicht gab es dort auch einen neuen Akku für Eves Kamera. Quinn spähte durch das Schaufenster des Geschäftes. Ein Schmutzschleier verhinderte einen klaren Blick hinein, also wischte er sich mit seinem Ärmel ein Guckloch frei. Er erkannte Regale, die die einzelnen Gänge trennten, fünf an der Zahl. Er wartete einige Minuten vor dem Fenster und beobachtete, ob sich etwas Bedrohliches in dem Laden rührte, aber er entdeckte nichts. Es schien sicher.
Mit seinem Fuß drückte er die Tür auf und trug die junge Frau in den Laden. Er legte sie behutsam auf den Boden und erkundete das Geschäft. Der Laden führte keine Elektronik, daher fand er keinen Akku für die Kamera. Das Lebensmittelangebot war ebenfalls spärlich, die meisten Regale waren leer. Haltbare Konserven mussten schon längst geplündert worden sein. Dennoch fand er eine Wasserflasche, die unter einem der Regale versteckt war.
Er kehrte zu der jungen Frau zurück und gab ihr einen Schluck Wasser, den sie reflexartig herunterschluckte. Sie stöhnte und murmelte wirr. Ihr Bewusstsein erlangte sie aber nicht zurück.
Quinn beschloss, ebenfalls eine Pause einzulegen, setzte sich neben die junge Frau und lehnte sich gegen ein Regal. Er wollte nicht schlafen, sondern sich nur kurz ausruhen. Dieser Plan scheiterte.
Lärm weckte Quinn. Er konnte nicht genau abschätzen, wie lange er weggetreten war – vielleicht ein paar Minuten, vielleicht eine Stunde. Er schaute rasch neben sich; die junge Frau lag immer noch bewusstlos da. Quinn spitzte die Ohren.