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Birgit Wichmann

Geheimnisse und Magie der Druiden: Die Frühlingsbotschaft

DER BESCHLUSS

Unruhig läuft Idas Vater auf und ab. Kurz und knapp hatte er dem Druiden geschildert, was passiert war und um einen Rat gebeten. Der Druide hatte ihm interessiert zugehört und fast schien es Idas Vater, als hätte er ein Lächeln in seinen Augen aufblitzen sehen. Aber da konnte er sich nur geirrt haben. Zum Lachen war ihm ganz sicher nicht. Der Druide, der unter einer Eiche steht, schaut still und regungslos in den Himmel. Er schien nachzudenken. Endlich löst er sich aus seiner Starre und kommt wieder auf Idas Vater zu. Als er beginnt zu sprechen, klingt seine Stimme ruhig und gelassen. “Ich denke, ich werde mir eure Tochter einmal genauer ansehen. Sie hat sehr viel Schlauheit und Wissen an den Tag gelegt. Dazu kommt, dass sie offenbar sehr genau weiß, was sie will und Wege sucht und findet, ihren Willen durchzusetzen. Das hat man bei Mädchen selten. Nur ein wenig davon würde eurem Fynn ganz guttun.” Bestürzt schaut Idas Vater auf den Druiden. “Ihr wollt sie belohnen dafür, dass sie etwas Unrechtes getan hat? Das geht nicht. Wie stehe ich denn vor den Dorfbewohnern da?” “Beruhigt euch Mann. Handelt vorausschauend und zum Wohle der Einwohner eures Dorfes. So eine Begabung wie die eurer Tochter Ida ist selten. Ihr wisst nicht, was die Zukunft euch bringen wird. Vielleicht wird es gerade Ida sein, die eines Tages euer Dorf vor einem Angriff retten wird. Sie kann kämpfen, ist schlau, geschickt und äußerst flexibel. Die besten Voraussetzungen, um Häuptling zu sein.” “Häuptling?”, unterbricht Idas Vater den Druiden entsetzt. “Niemals. Sie ist ein Mädchen.” Der Druide winkt ab. “Ich werde eure Tochter testen. Schickt sie morgen zu mir. Besteht sie den Test, darf sie, wann immer sie kann und will in die Druidenschule kommen und zuhören. Begabungen müssen gefördert werden. Ihr und euer Dorf werden vielleicht einmal davon profitieren. Und jetzt geht.” Der Druide hatte sich bereits umgedreht und war davongegangen. Diskussionen waren zwecklos. Das wusste Idas Vater. So geht auch er nachdenklich ins Dorf zurück. Immer mehr verstärkte sich in ihm das Gefühl, dass der Druide recht haben könnte. Aber Ida war doch ein Mädchen. Sie sollte heiraten, das Haus hüten und Kinder bekommen. Jetzt sollte sie Häuptling werden? Idas Vater konnte sich das schwer vorstellen. Doch der Druide hatte es gesagt. Als Idas Vater das Haus betritt, sehen ihn vier Augen erwartungsvoll an. Doch Idas Vater setzte sich nur an den Tisch und schweigt. Nach einiger Zeit reißt Idas Mutter der Geduldsfaden: “Nun red schon Mann. Was hat der Druide gesagt?” Idas Vater räuspert sich und erzählt dann, was der Druide beschlossen hatte. Mit offenem Mund schaut Idas Mutter erst auf ihren Mann und dann auf Ida. Damit hatte auch sie nicht gerechnet. Ida jedoch jubelt innerlich. Nach außen bleibt sie ruhig und still, denn es wäre unklug, ihrem Vater zu zeigen, wie sehr sie sich freute. Sie war sich sicher, dass sie die Prüfung bestehen würde. “Was sagst du denn dazu, Ida?”, wendet sich ihr Vater nun an sie. Betont gleichgültig zuckt Ida mit den Schultern, bevor sie antwortet: “Ich werde hingehen und die Prüfung bestehen.” “Na du bist dir ja sehr sicher, aber Häuptling wirst du nicht. Dass das klar ist.” Ida verschränkt die Arme vor der Brust und antwortet selbstbewusst: “Will ich auch nicht werden Vater. Ich werde die erste Druidin.” Jetzt ist es an ihrem Vater, den Mund zu öffnen, denn er ist sprachlos. Insgeheim denkt er jedoch, wenn Ida nur ein Junge wäre, dann wäre alles gut. Aber Ida ist ein Mädchen.
Am nächsten Morgen ist Ida schon früh auf den Beinen. Sie ist aufgeregt und schafft es deshalb kaum zu frühstücken. “Willst du wirklich allein gehen, Ida? Du bist noch klein.” “Ja Mutter. Ich bin ja bislang auch allein gegangen. Der grüne Mann wird schon auf mich aufpassen”, zwinkert sie ihrer Mutter verschmitzt zu. Sie ist so glücklich, dass sie vor Freude zerspringen könnte. So macht sie sich also auf dem Weg zum Druiden.
Dort angekommen, bemerkt sie, dass sie schon erwartet wird. Freundlich begrüßt sie der Druide. “Du weißt, warum du hier bist?” Ida nickt. “Nun, denn, ich stelle dir jetzt eine Frage. Lass dir Zeit mit der Antwort. Sie wird darüber entscheiden, ob du an der Druidenschule teilnehmen darfst oder nicht.” Erneut nickt Ida zustimmend. Sie ist sich sicher, dass sie die Frage beantworten können wird. “Gut Ida. Welche unserer Pflanzen wächst zwischen Himmel und Erde?” Erwartungsvoll schaut sie der Druide an. “Das ist die Mistel.” Für diese Antwort musste Ida nicht einmal lange überlegen. Schon immer hat sie die geheimnisvolle Mistel fasziniert und so ergänzt sie: “Die Mistel hängt sich an die Bäume. Sie ist immergrün, selbst im tiefsten Winter. Wird sie an der Haustür oder am Hoftor befestigt, schützt sie vor dem Bösen. Ganz offenbar ist sie ein Geschenk des Himmels, denn sie ist nicht mit der Erde verbunden wie die anderen Pflanzen. Besonders ehrfürchtig muss man sein, wenn man eine Mistel auf einer heiligen Eiche entdeckt. Das ist sehr selten. Wird sie dann von euch geerntet, so geschieht das mit einer goldenen Sichel. Für Druiden ist sie wichtig für die Heilung und für den Zauber. In den Eichenhainen suchen Druiden nach Misteln. Selten wird eine gefunden. Ist das aber der Fall, so wird sie sechs Tage nach dem Winterneumond während einer Zeremonie vom Baum geholt. Geschnitten werden darf sie nur mit eurer goldenen Sichel. Niemals darf sie die Erde berühren, weil sie sonst ihre Zauberkraft verliert. Ihr fangt sie deshalb mit einem weißen Tuch auf. Aus dieser Mistel wird ein Trank gebraut, der ein Heilmittel gegen Gift ist und die Tiere viele Junge bekommen lässt. Nicht umsonst nennt man sie auch die ‘Alles Heilende’.” Erstaunt schaut der Druide auf Ida. Dieses Mädchen weiß mehr als alle seine Schüler.