← Zurück zum Buch
Alexander Sandmann

Die Legenden von Leij

Prolog

„Ich bin in diese Welt gefallen.“ Das war sein erster Gedanke, als er zu sich kam. Sein einziger Gedanke. Er blieb mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegen und versuchte zu erfassen, was er bedeutete, doch gleich einem Traum beim Erwachen verflüchtigte er sich in einem Nebel aus Ungreifbarkeit und Ungewissheit.
„Ich bin in diese Welt gefallen“, murmelte er daher, wie um ihn nicht zu verlieren, ihn in seinem Bewusstsein zu halten. Er versuchte, seine Sinne zu ordnen, seine Umwelt wahrzunehmen. Die Luft um ihn war frisch, er war im Freien, nicht in einem Raum, so viel war sicher, die Luft kühl, nicht kalt, ein leichter Lufthauch. Durch seine geschlossenen Lider hindurch konnte er immer wieder helle und dunkle Flecken wahrnehmen, wie in einem Licht-Schatten-Spiel. Ich liege unter einem Baum, dachte er, einem Baum ohne Blätter, dessen Äste sich im sanften Wind hin und her bewegen und diese Abfolge von Schatten und Licht verursachen. Durch seine Kleidung, die hauptsächlich aus Leder und Metall zu bestehen schien, konnte er den weichen Waldboden spüren, ein leichtes Rascheln verriet ihm, dass dieser mit den herabgefallenen Blättern des Baumes bedeckt war.
Er hörte Schritte. Nicht die eines Menschen, sondern jene eines Pferdes, das sich in langsamem Gang näherte. Er schlug die Augen auf, während er sich noch fragte, warum er ein Pferd alleine an den Geräuschen seiner Schritte erkennen konnte. Sah den grauen Himmel durch die kahlen Äste der hohen Bäume, ohne Tiefe, ohne Versprechen. Setzte sich mit einem Ruck auf, ließ den Blick über das braune Laub schweifen, das den gesamten Boden bedeckte, und die dürren Äste, die es teilweise unter sich begruben. Betrachtete mit leichtem Unglauben die ungewohnt grobe Haut an seinen Handflächen, und mit größerem Unglauben das Langschwert, das neben ihm im Laub lag.
Das Pferd stand nun genau hinter ihm, er spürte es. Fühlte seine weiche Nase, als es ihn an der Schulter anstupste. Freundlich, vielleicht mit einer Spur Ungeduld, wie man sie einem Kind entgegenbringen würde, das wieder viel zu lange die Wunder der Welt betrachtete, anstatt seinen Eltern zu folgen.
Er stand auf und drehte sich zu dem Pferd. Es erschien ihm riesig, wirkte aber trotz seines pechschwarzen Felles nicht bedrohlich. Er berührte es an der Nase, eine selbstverständliche und vertraute Geste, über die er sich selbst wunderte. Das Pferd schnaubte, wie um ihn freundlich zu begrüßen, aber auch wieder darauf aufmerksam zu machen, dass er sich zu lange Zeit für seine Gedanken nahm. Er bückte sich, hob das Schwert auf, drehte es mit einer geschmeidigen Bewegung um das Handgelenk und durchschnitt mit schnellen Hieben die Luft, als hätte er das schon hunderte Male auf genau diese Art gemacht.
Ich gehöre nicht hierher, dachte er, und doch ist es richtig, hier zu sein.
Er schloss die Augen, atmete tief durch und öffnete sie wieder.
Etwas hatte begonnen.
Und er würde nicht warten.