Der Geschichtenerzähler
Am Anfang war das Geräusch.
Nicht laut, kein Donner, kein Krachen. Eher ein Nachlassen, als würde tief unter der Welt etwas nachgeben.
Die Vögel waren die ersten, die es merkten. Sie verstummten nicht – sie hörten einfach auf.
Mitten im Flug.
Mitten im Ruf.
Der Himmel blieb nicht leer, aber er fühlte sich so an.
Im Norden, wo das Land aufbricht und schwarzes Gestein wie alte Wunden aus der Erde ragt, stand eine Frau auf einem Hügel und sah zu.
Unter ihr brannten die Feuer.
Kreise aus Licht, sorgfältig gesetzt. Alt. Unverändert.
Die Druiden bewegten sich zwischen ihnen, sprachen Worte, die älter waren als jede Stadt.
Heute, am längsten Tag, war die längste Nacht vorbereitet worden, der erste Schritt.
So war es immer gewesen.
Und doch stimmte etwas nicht.
Die Feuer brannten, aber sie griffen nicht.
Der Wind trug die Worte fort, aber sie kehrten nicht zurück.
Es war, als würde die Welt nicht mehr antworten.
Sie wusste, was es war.
Nicht mit Worten.
Nicht mit Gedanken.
Sie spürte diese Dinge. Sie hatte sie immer gespürt.
Die Geschichten starben.
Nicht die alten, nicht die längst vergessenen.
Die lebendigen.
Die, die noch gesprochen wurden.
Die, die noch geglaubt wurden.
Die, die die Welt überhaupt erst zu dem machten, was sie war.
Sie schloss die Augen.
Irgendwo, weit entfernt, brach ein Gletscher – nicht mit Getöse, sondern mit einem leisen, endgültigen Seufzen.
Dann war es still.
* * *
Die Frau im Norden öffnete die Augen.
„Zu spät“, sagte sie.
Dann lief sie los.