Das Erbe der Brooklyns
Kapitel 1
"Fona Adams"
Ein Jahr später:
Die vermummte Gestalt folgte ihr, seit sie das Block Somerville Cafe an diesem Abend verlassen hatte. Es regnete seit einer Stunde. Fiona lief, so schnell es ihr Zustand zuließ. Sie war im neunten Monat schwanger. Ihre Hände legten sich schützend um das Ungeborene. Immer wieder sah sie über ihre Schulter, ob der Verfolger ihr noch auf den Fersen war.
Die nächste Gasse, in die sie einbog, war spärlich mit Straßenlaternen bestückt. Es war nicht mehr weit bis zum Cambridge University Hospital. Unterwegs war ihre Blase geplatzt und ihre Flucht war durch die bereits eingetretenen Wehen beeinträchtigt worden.
Fiona konnte bereits den Parkplatz vor dem Hospital erkennen, als sie auf das Ende der Gasse zulief. Gleich hatte sie es geschafft. Nur noch ein paar Meter, dann war sie gerettet und in Sicherheit. Sie betrat den Parkplatz aus der spärlich beleuchteten Gasse heraus und endlich hatte sie wieder volles Straßenlaternenlicht. Sie blieb keuchend neben einem schwarzem GMC stehen. Noch wenige Meter trennten sie vom Eingang des Krankenhauses. Ein letztes Mal drehte sie sich erschöpft zur dunklen Gasse. Der Verfolger war immer noch hinter ihr her. Sie konnte seine herannahenden Schritte hören, seine Kapuze auf dem Kopf und seine Körpergröße erkennen. Auch er war nun stehen geblieben, in der dunklen Gasse , die ihm Schutz bot und wartete.
*****
"Gute Nacht Mrs. Coleman. Wir sehen uns morgen in der Spätschicht." Die junge Frau drehte sich noch einmal an der Pforte zu der älteren Frau, namens Ätna, um und wünschte ihr mit einem Lächeln und in Eile, dasselbe, bevor sie ins Freie trat, um ihren Feierabend anzutreten.
Sie trat an diesem verregneten Abend aus dem Krankenhaus heraus. Sie hatte sich nichts Sehnlicheres nach diesem aufregendem Arbeitstag gewünscht, als ihren wohlverdienten Feierabend, nach Hause fahren, ein wohltuendes Bad mit Jasminduft nehmen und die Füße auf ihrer neuen Couch im Wohnzimmer hochlegen und ausstrecken. Sie knöpfte sich ihren schwarzen knielangen Mantel zu und zog ihre Kapuze tief ins Gesicht. Es war zweiundzwanzig Uhr, als sie auf ihre marineblaue Armbanduhr am rechten Handgelenk schaute. Der Schichtwechsel von Spät - auf Nachtschicht hatte begonnen. Die Luft hatte sich um einige Temperaturen abgekühlt. Sie hängte sich ihre Handtasche um, suchte nach ihrem Autoschlüssel in deren Inneren und ging die fünf Treppenstufen dabei hinunter, um zu ihrem Auto, das auf dem Parkplatz stand, zu gehen .
*****
Fiona atmete erleichtert aus, als sie die Frau sah. Sie füllte ihre Lungen so gut es ihr möglich war mit Sauerstoff und rief aus Leibeskräften: "Hiiiilllfffffeeee! Hiiilllffffeeeee!!!..." Ihre Stimme erstarb kurz darauf. Ein Schuss hatte sich aus der Dunkelheit gelöst und traf Fiona von hinten in ihre Seite und brachte sie zum Schweigen. Fiona ruckte kurz, ihre Augen starten ins Leere und dann fiel sie mit einem stockendem Atemzug auf den Bauch zu Boden. Aus der Schusswunde begann ihr Blut sich auszubreiten. Es lief herunter auf dem Boden. Zu ihrer Rechten bildete sich eine kleine Blutlache.
*****
Die junge Frau, die gerade auf dem Weg zu ihrem Auto war, zuckte zusammen und duckte sich mit ihren Händen über ihren Kopf, um sich zu schützen hinter ein Auto, das ihr am nächsten war. Sie konnte nicht ausmachen, aus welcher Richtung der Schuss kam. Aber sie war nicht das Ziel. Sie kroch auf allen Vieren vorsichtig hinter das nächste Auto und lehnte sich sitzend schnell atmend und hektisch um sich sehend an die Fahrertür des schwarzen BMWs, der Ivon, ihrem besten Freund, Arbeitskollegen und Stiefbruder, gehörte.
Geräuschlos griff sie nach ihrem Handy in ihrer linken Manteltasche. Jenna presste die Lippen zusammen. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie das Handy kaum festhalten konnte. Sie wählte die Nummer der Cambridger Polizeistation. Danach rief sie im Krankenhaus an.
"Jenna! Was ist los?", fragte eine männliche Stimme am anderen Ende mit vollem Mund kauend.
Jenna holte tief Luft, erfreut darüber seine Stimme zu hören und auch geschockt von dem, was gerade geschehen war. "Ich dachte, du bist schon auf dem Heimweg. Ist was passiert? Oder wurdest du gerade von einem Kerl abgeschleppt. Brauchst du meine Hilfe?"
Sie flüsterte in ihr Handy hinein. "Ich bin noch draußen auf dem Parkplatz vom Krankenhaus. Ich brauche hier draußen schnell ein paar Ärzte, Ivon. Jemand wurde gerade vor dem Krankenhaus angeschossen."
"Wo bist du?", wurde sie aufgebracht gefragt. "Auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang. Ich brauche auf der Stelle ein paar Ärzte und eine Trage, Ivon."
Er legte sein belegtes Brot in die Brotbüchse zurück und wischte sich seine Finger an seinem Arztkittel ab.
Jenna sah sich in Panik versetzt um.
"Was ist los, Jenna?", hörte sie Ivons besorgniserregende Stimme am anderen Ende. Sie befürchtete, dass der Täter sie gesehen hatte. Doch es blieb ruhig. Sie hörte nur das Jammern einer Frau ganz in ihrer Nähe. Jenna sprach nun etwas verständlicher in ihr Telefon. "Ich habe jemanden laut um Hilfe schreien hören...eine Frau. Schick schnell ein paar Ärzte mit einer Trage und mit dem Ärztekoffer. Beeilt euch. Ich versuche das Opfer zu erreichen. Sie muss ganz in meiner Nähe sein, ich kann sie hören." Jenna atmete beunruhigt ein und aus. Ihre Hand zitterte, in der sie das Handy festhielt. Sie hoffte inständig, dass der Täter nicht plötzlich neben ihr auftauchte und ihr ebenfalls eine Kugel in den Kopf jagte.
"Sei vorsichtig, ja? Leg nicht auf. Ich bin bei dir!", unterstützte Ivon sie. "Rede mit mir, bis du bei ihr bist.", bat er sie besorgt. Warum stürzte sie sich immer wieder in solche Gefahren?, dachte er bei sich. Letzte Woche war es in einem Kaufhaus, die Woche davor in einem Burger - Bistro. Zog sie denn die Gefahr magnetisch an?
"Ist gut!...Ich...Verdammt!", fluchte sie leise.
"Was ist da draußen los, Jenna?" Es herrschte kurz Stille. Für Ivon kam sie wie eine Ewigkeit vor. "Jenna!", rief er erneut ins Telefon hinein.
Sie horchte auf und versuchte etwas herauszufinden.
"Ich höre glaube Schritte!...Ich kann nur nicht genau sagen, ob sie sich mir nähern oder sich entfernen." Jennas Puls raste durch ihren Körper. Ihre Hände begannen zu schwitzen, die Nervosität und innere Unruhe nahmen die Oberhand.
"Scheiße!..." Sie hörte, wie Ivon im Hintergrund die Leute zur Eile antrieb. Dann war er wieder am Telefon. "Bist du noch dran?", fragte er sie schnell.
"Ja, ich bin noch dran." Jenna schloss kurz ihre Augen, um ihr Inneres zu beruhigen.
"Du denkst, der Täter ist noch in der Nähe?", fragte er.
Sie öffnete ihre Augen wieder. "Ich weiß es nicht!..."
"Was ist mit der Polizei?" Ivon wurde unruhig auf seinem Drehstuhl und seine Füße wippten aufgeregt und unkontrolliert unter dem Schreibtisch der Notaufnahme.
"Die hab ich verständigt. Sie müssten jeden Moment hier aufkreuzen."
Jenna lugte vorsichtig über die Motorhaube, blieb jedoch weiter hinter dem BMW in Deckung. Sie konnte niemanden weiter sehen, außer eine Frau auf dem Boden liegend. Ihr klägliches Weinen war zu hören, zwei PKWs entfernt von ihr. Sie sprach etwas unverständlich von einem Baby. Ihre Hand lag unter ihrem Bauch, den sie schützend festhielt und langsam rieb.
"Verdammt!", fluchte Jenna und senkte ihren Kopf nach unten. Sie lehnte sich an den Cotflügel des Vorderrades und atmete schnell ein und aus. Sie durfte nicht entdeckt werden.
"Was ist los? Was hast du gesehen?", fragte Ivon hastig. "Coleman, so antworte doch, man!", kam es ungeduldig durch ihr Handy. Jenna legte es wieder an ihr Ohr und rieb sich ihre Stirn.
"Sie lebt noch. Beeilt euch, die Frau ist schwanger! Ich glaube, wir haben keine Zeit mehr. Ich muss etwas tun. Ich kann sie nicht sterben lassen."
*****
Der Täter trat gerade aus dem Dunkel heraus und lud seine Waffe neu. Fiona hörte das Klicken und drehte sich zu ihm um. "Was...wollen Sie von mir?", fragte sie flüsternd. Ihre Stimme bebte. Der Vermummte legte seinen Kopf leicht links geneigt schief und warf seine Zigarette in die nächst liegende Regenpfütze. Dann nahm er seine Maske ab. Das Laternenlicht warf etwas Helligkeit in sein offenbartes Gesicht. Fiona konnte sich nicht erinnern, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Dieser beantwortete gelassen und gleichgültig Fionas Frage.
"Dass Sie schweigen!" Die Frau verstand nicht so recht. Sie konnte es nicht begreifen. Wer würde ihren Tod wollen? Ihr fiel nur eine Person ein. Es gab nur eine Person, die dazu fähig war.
"Wieso tun Sie das?...Schickt sie Sie, um die Drecksarbeit zu erledigen?"
"Das ist nicht von Belangen für Sie, Miss Adams! Sagen Sie der Welt einfach nur leb wohl!" Er richtete seine Waffe erneut auf die Frau am Boden.
*****
Jenna hatte die Unterhaltung mit angehört und blickte nun in Höhe der Stoßstange um die Ecke in die Richtung, wo die Frau auf dem nassen, kalten Parkplatz - Asphalt lag. Sie sah die Statur vor dem Opfer stehen, der seine Waffe auf sie gerichtet hielt. Was tust du hier eigentlich?, fragte sie sich selbst. Doch Jenna konnte nicht zulassen, dass der Kerl noch einmal auf die Frau schoss und rief plötzlich aus ihrem Versteck laut über den Parkplatz ohne sich zu erkennen zu geben: "Hiiillllffffeeee! Polizei! Wir brauchen Hiiillllfffeee!" Sie drehte sich zurück an den Kotflügel. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals.
"Was tust du da, Jenna? Bist du verrückt?", kam es erbost und verärgert durch die Leitung des Handys.
"Willst du mit mir etwa jetzt diskutieren, Ivon? Ich versuche, der Frau zu helfen, du Idiot!"
"Das kannst du vergessen, Jenna! Das lässt du schön bleiben. Du bleibst, wo du bist! Hast du mich verstanden?", ermahnte Ivon sie laut.
"Und lasse die Frau sterben? Das kannst du vergessen, Ivon! Ich habe einen Eid geschworen! Ich bin Ärztin und die Frau braucht Hilfe! Vergiss deinen beste Freund - und Bruder - Beschützer, klar?"
"Na schön! Wie du willst!...Wir sind gleich soweit. Die Ärzte müssten gleich draußen sein."
*****
Der Täter blieb kurz stehen und sah über den Parkplatz, woher die Stimme kam. Als er dem Opfer den Rücken zudrehte, nahm Jenna all ihren ganzen Mut zusammen, erhob sich aus ihrem Versteck und rannte auf die am Boden liegende Person zu. Plötzlich folgte ein zweiter Schuss, der laut durch den Abend und über den Parkplatz hallte.
Wörter: 1625
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Kaptel 2
"Adrenalin"
Jennas Herz raste. Halb geduckt schoss sie hinter dem Wagen hervor. Sie erreichte die verletzte Frau und ohne nachzudenken warf sie sich schützend über sie. "Es tut mir leid.", keuchte sie. Kaum lag sie auf der Frau, als sich ein Schuss aus der Pistole löste, die auf die beiden Frauen gerichtet war. Die schwangere Frau schrie vor Angst, hielt sich die Ohren zu. Selbst Jenna verspürte die Angst in sich aufsteigen, ihr Herz begann heftig zu pumpen und jagte das Adrenalin durch ihre Adern und ihren ganzen Körper. Sie rechnete in diesem Augenblick damit, dass die abgefeuerte Kugel sie oder die Frau irgendwo traf. Doch das tat sie nicht.
Der Schuss wurde in die Luft abgesetzt und ein hemmungsloses, wütendes "Verflucht!" wurde von der vermummten Person ausgesprochen. Der Schuss schien verfrüht wie von selbst losgegangen zu sein. Der Mann hatte wohl Jennas Schritte gehört und drehte sich in alle Richtungen aufgeschreckt um. Die Waffe in seinen Händen ging los und die Kugel verirrte sich. Sie schlug irgendwo in eine Scheibe ein, denn es klirrte kurz darauf. Im nächsten Augenblick hallten die Sirenen der Polizei durch die Straßen, die sich dem Hospital näherten.
"Gott sei Dank!", atmete Jenna erleichtert aus und ihr Kopf sank mit der Stirn auf den Rücken der verletzten Frau. Ihr Atem ging schnell und sie bemerkte in ihren Augen die Tränen, die sich nicht mehr verstecken ließen und über ihre glühenden Wangen rannen.
"Shit!!!", konnte sie den Kerl mit der Waffe verächtlich enttäuscht und hörbar brummen hören, als er seinen Kopf von seinem Opfer und der anderen Frau weg drehte. "Gehen Sie mir aus dem Weg!", bellte er die Frau an, die auf seinem Opfer lag.
Jenna hob ihren Kopf und warf ihm vernichtende Blicke zu. "Nehmen Sie die Waffe runter!", gab sie ihm in demselben Ton zurück.
"Verschwinden Sie und mischen Sie sich nicht in Dinge ein, die Sie nichts angehen. Ich muss Sie sonst auch erschießen. Und das wollen wir doch nicht. Oder?", drohte er ihr an.
"Na los! Dann schießen Sie doch auf mich!...Na los!", brüllte sie den Mann an. Er zögerte.
Doch Jenna hob leicht ihren Oberkörper an und knurrte den Kerl mit der Waffe an. "Runter mit der Waffe!", begann sie ihn nun wütend anzufahren.
"Und ich sagte, verschwinden Sie ..." Er horchte auf und wurde abgelenkt. Der Kerl wandte seine Augen von Jenna und dem Opfer ab und lauschte den sich schnell heran nahenden Sirenen und zwei Fahrzeuge der Polizei fuhren auf den Parkplatz.
Der Täter trat nervös ein paar Schritte aus dem Licht in die dunkle Gasse rückwärts hinein und behielt Jenna und die Frau am Boden im Auge, die Waffe immer noch auf die beiden gerichtet. "Heute ist wohl ihr Glückstag!", stimmte er halb grinsend ein.
Jenna hob ihren von der Kapuze bedeckten Kopf. Fassungslos und wütend starrte sie ihn an. Sie konnte aber nichts weiter von ihm erkennen, als seine große Statur und die Waffe in seiner linken Hand. Ihr Blick ließ keine Zweifel daran, dass sie keine Angst mehr hatte. "Keinen Ton! Oder ich schieße!", drohte er ihr knurrend an.
Der Vermummte konnte Jennas Gesicht nicht richtig erkennen. Ihre Kapuze war zu tief über den Kopf gezogen, um ihre Haare vor dem Regen zu schützen.
Der Kerl wandte sich enttäuschend und eilig von dem Tatort ab und verschwand in der Dunkelheit der Gasse, aus der er gekommen war.
Die Polizei kam mit gezückten Waffen auf die beiden Frauen zu. "Wo ist der Täter?", wurde Jenna von einem der herannahenden Polizisten gefragt. Sie zeigte stumm auf die dunkle Gasse, worin der Kerl gerade abgehauen war. "Geht es ihnen gut?", wurde sie gefragt. "Kannten Sie den Täter?...Konnten Sie irgendetwas erkennen?", legte der andere Polizist mit seinen Fragen los, während ein zweiter und noch drei weitere Uniformierte in der Gasse verschwanden und dem Täter folgten. Jenna konnte eine kalte Hand auf ihrem Arm spüren. Sie sah in das Gesicht des Opfers, das weinte. Stumm nickte sie der verletzten Frau zu und gab ihr somit zu verstehen, dass sie das Schlimmste überstanden hatte und in Sicherheit war.
Die Frau versuchte ebenfalls ihr zu verstehen zu geben, dass sie in Jennas Schuld stehen würde.
"Geht es ihnen gut?", wurde Jenna von dem Polizisten gefragt. "Sind sie verletzt?"
Jenna schüttelte ihren Kopf. "Aber sie!" Sie zeigte auf die Verletzte.
"Können Sie mir ein paar Fragen beantworten?", wurde die Ärztin weiter gelöchert.
Jenna sah dem Polizisten ins Gesicht. "Könnten wir dieses Frage - Antwort - Spiel auf später vertagen? Unter mir liegt eine schwer verletzte schwangere Frau, die umgehend behandelt und ins Krankenhaus gebracht werden muss. Meine Kollegen sind gleich hier draußen. Lassen sie uns die Situation erstmal unter Kontrolle bekommen, Officer...." Aus ihrem Handy dröhnte die aufgebrachte und erschrockene Stimme ihres besten Freundes.
Der Polizist sprang zurück, als er die hysterische Stimme vernahm. "Er hat alles mit angehört?", fragte er die Ärztin.
"Ja!...Das hat er...Vom Anfang...bis jetzt. Er ist mein Zeuge und wenn nur über das Handy.", beantwortete Jenna ihm diese Frage.
"Gut!" Das Walkie Talkie des Officers meldete sich.
"Tanner hier! Was gibt's? Ich höre Sie klar und deutlich, Bandit!", antwortete der Polizist abgewandt von Jenna und dem Opfer.
"Der Kerl ist in die Fünfte abgebogen.", kam zur Antwort.
"Haben wir dort jemanden von unseren Leuten?", fragte Officer Tanner durch sein Walky Talky.
"Wir haben unsere Einheit dort schon in Kenntnis gesetzt. Die kümmern sich um den Kerl. Over and out."
"Gut Bandit!" Er steckte seine Funkverbindung wieder an seinen Gürtel.
Jenna musterte den Polizisten von der Seite und hörte immer noch die hysterische Stimme von Ivon durch ihr Handy, das neben der Pfütze neben ihr lag. Sie starrte darauf und atmete tief durch.
Wörter: 920
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Kapitel 3
"Todesängste"
"Scheiße! Was ist da verdammt nochmal los!", entfuhr es Ivon grimmig. "Jenna!...Bist du verletzt?..."
Doktor Coleman schaute hilfesuchend auf das Handy in der Pfütze.
"So antworte doch!...Ich habe einen Schuss gehört.", klang die männliche Stimme am anderen Ende des Smartphones besorgt, eine Anfuhr von hysterisch und laut. "Jenna! Antworte mir!", rief Ivon total fordernd und besorgt ins Telefon hinein. "Jenna!...Verdammt nochmal!", und ein dumpfer Schlag auf ein Möbelstück war nicht zu überhören.
Die Ärztin erhob sich vorsichtig von dem Opfer und versuchte nach ihrem Handy zu greifen. Doch sie kam nicht heran.
"Brauchen Sie Hilfe, Maám? Kann ich irgendetwas für Sie tun?", hörte sie die Stimme des Polizisten. "Könnten Sie mir bitte...", bat sie den Polizisten. Er trat neben sie, bückte sich, hob es auf und gab es ihr. "Wem gehört die Stimme? Der Kerl hyperventiliert ja gleich.", wollte der Polizist von ihr neugierig wissen.. "Ihr Ehemann?", fragte er neugierig nach..
"Nein! Ein Kollege...", gab sie ihm leicht zitternd zu verstehen und streckte ihm ihren Arm entgegen.
"Ah ja! Ein Kollege.", brummte er die Worte wiederholend und gab ihr das Handy. "Es sind immer die Kollegen.", raunte er vor sich hin.
"Ich danke ihnen.", entgegnete Jenna etwas ungewollt schnippisch, denn sie hatte seine Worte verstanden.
Zum Glück war ihr Telefon wasserdicht. Sie schüttelte es nur leicht, damit die Regentropfen darauf verflogen und legte es schließlich an ihr linkes Ohr. Schnell ging ihr Atem vor Erleichterung.
"Kannst du mich hören, Ivon?"
Ein unerwartetes glückliches Lachen war zu hören. "Dem Himmel sei Dank, Coleman!...Du lebst.", freute es ihn die Stimme seiner besten Freundin zu hören.
"Ich bin...okay! Ich...bin okay!", kam es nun etwas leiser über ihre zitternden Lippen. "Mir ist... nichts passiert. Ich...bin jetzt bei ihr. Der Schuss ging von selbst los, gen Himmel. Uns ist nichts passiert. Die Kugel schlug in ein Fenster in der Nähe ein. Der Kerl ist gerade geflüchtet und einer der Polizisten steht neben mir und die anderen verfolgen den Mistkerl.", antwortete sie noch geradewegs froh darüber ins Handy und ihre Augen ruhten auf der verletzten, vor Schmerzen stöhnenden Frau. Jenna konnte erahnen, was sie gerade durchmachte.
Ohne Skrupel und nur mit dem Gedanken bewaffnet, dass sie der Schwangeren helfen wollte, war Jenna schnell aus ihrem Versteck heraus gekommen, als der Kerl ihr den Rücken zudrehte. Sie war auf die Frau zugestürmt und hatte sich auf sie geworfen. Sie wollte sie vor dem Schuss bewahren, den der Kerl wohl auf das Opfer abfeuern wollte. Dass es auch sie verletzen würde, das Risiko nahm sie auf sich.
Jenna kniete nun vor ihr und versuchte die Verletzung zu erkennen. Sie öffnete die Taschenlampe ihres Handys. "Ich brauche ihre Hilfe Officer. Würden Sie bitte mit meinem Handy auf den Rücken der Frau leuchten?" Sie gab ihm ihr Smartphone, hockte sich zu ihr, leuchtete auf das Opfer, damit die Ärztin die Wunde ausfindig machen konnte. Denn die nächste Laterne auf dem Parkplatz stand drei Autos weiter. Der Schein reichte nicht ganz, um etwas zu erkennen.
"Oh mein Gott!", flüsterte Jenna betroffen, als sie das Ausmaß der Verletzung sah. Überall war Blut und Fiona besaß keine Kraft mehr. Die junge Frau suchte nach dem Puls am Hals des Opfers, der sehr schwach fühlbar war. "Verdammt!", fluchte sie leise.
"Hallo! Können Sie mich hören?", sprach Jenna sie ruhig und besorgt an.
Die Frau nickte schwach. "Ich...Ich...Ich habe...meine Wehen..."
Jenna drehte sich zu dem Polizisten um, der immer noch ihr Smartphone in seinen Händen hielt und brüllte nun hysterisch hinein. "Geht das nicht etwas schneller? Ihr müsst euch beeilen. Die Frau hat Wehen. Sie verliert sehr viel Blut. Bringt ein paar Konserven mit." Jenna sah sie an. "Welche Blutgruppe haben sie?"
Das Opfer drehte ihr Gesicht Jenna zu. "B d nega...tiv"
Jenna nickte ihr dankend. "Du hast sie gehört, Ivon. Ich wiederhole: B d negativ. Beeilt euch. Ihr Puls ist sehr schwach. Ich kann ihn kaum fühlen." Sie beugte sich schützend über die Frau.
"Wie heißen sie?", fragte Jenna und zog ihren Mantel und ihren Pullover aus. Ihr war es gerade egal, ob ein Polizist neben ihr stand oder ob sie fror. Doch ihre Sachen konnten der Frau ein Stück weiter helfen. Mit dem Pullover drückte sie auf die Schusswunde, um den Blutfluss zu stoppen, der sich, so wie es aussah, langsam zu verringern schien. Den Mantel breitete sie über der Frau aus, um sie vor dem Regen zu schützen. Sie versuchte ihr zu helfen, soweit es ihr möglich war. Das tat sie bereits mit ihrer ganzen Anwesenheit und Hilfe. Das gab dem Opfer Sicherheit.
Der Polizist neben ihr wandte sich verlegen von Jenna ab und leuchtete mit dem Smartphone kurz in die Gasse, in der seine Kollegen verschwunden waren. "Was haben Sie denn? Noch nie eine halbnackte Frau gesehen?", fragte sie ihn trocken, während sie ihren Mantel über das Opfer ausbreitete.
"Ich...Ähm...", räusperte er sich in seine Faust der freien Hand hinein.
Die Ärztin widmete sich wieder ihrer Patientin, die ihr mit zittriger, verängstigter Stimme antwortete. "Fiona...Fiona...Adams ....", doch sie verstummte sogleich. Jenna schien dies nicht mitbekommen zu haben.
"Wie weit ist ihre Schwangerschaft fortgeschritten, Fiona?"
Fiona versuchte ihre nächste, anrollende Wehe zu verarbeiten, doch es fiel ihr schwer durch ihre Schussverletzung. "Neunter...Au!", krümmte sie sich vor Schmerzen.
"Schsch..., ganz ruhig Fiona! Hilfe ist unterwegs. Das Krankenhaus weiß bescheid. Hilfe ist unterwegs. Sie kommen gleich." Jenna gab ihr bestes, um die Frau zu beruhigen, um sie von ihren Schmerzen abzulenken. Fiona schrie kurz laut auf.
"Es will raus. Ich glaube nicht...dass ich...", wandte sich Fiona unter heftigen Schmerzen.
"Daran dürfen Sie nicht mal denken Fiona, klar? Ein Ärzteteam taucht hier gleich auf und wird Sie in die Klinik rein bringen. Ein OP steht sicher schon für Sie bereit. Sie werden sehen, es wird alles wieder gut. Sie werden auf der Hochzeit ihres Kindes noch tanzen.", hielt Jenna sie mit ihren anspornenden Worten aufrecht und versuchte ihr ein kleines Lächeln abzugewinnen.
Jenna reckte nervös ihren Kopf in die Höhe und schaute erleichtert zur großen Flügeltür vom Krankenhaus, die soeben hastig aufgestoßen wurde. "Da kommen sie, Fiona. Hilfe naht." Die Ärztin sah Fiona erleichtert an. "Bleiben Sie bei mir, Fiona! Sie dürfen jetzt nicht schlapp machen. Hören sie?"
Fiona zitterte am ganzen Körper. Sie wollte nur noch gerettet werden und ihr Kind in den Armen halten. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab ihr die junge Frau, die neben ihr im Regen kniete und ihr Möglichstes und Bestes gab und ihre Zeit und ihren Feierabend opferte, um sie und das Ungeborene zu beschützen und am Leben zu erhalten.
Schwach konnte sie nur noch die Stimmen und schnellen Beine des herannahenden Ärzteteams vernehmen. Bekam sie endlich einen kleinen Hoffnungsschimmer?
Wörter: 1075
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Kapitel 4
"Belehre mich nicht!"
Jenna zog immer wieder ihren Mantel zurecht, ob er Fiona ausreichend vor dem Regen schützte. Eine aufgewühlte, besorgte Männerstimme rief laut in die Nacht, die sich über den Parkplatz gelegt hatte. "Jenna? Jenna! Wo steckt ihr?"
Doktor Coleman hob ihren Kopf in die Höhe und ein erleichtertes: "Gott sei Dank!", kam ihr über ihre Lippen. "Wir sind hier!...", rief sie darauf. Ihr Blick fiel auf den Officer, der bei ihnen geblieben war, während die anderen nach dem Täter suchten. "Könnten Sie bitte mit der Handy - Taschenlampe in die Richtung des Klinikeinganges leuchten, damit sie unsere Position mitbekommen?", bat sie fragend den Polizisten. Er hielt den herannahenden Ärzten die Taschenlampe über seinem Kopf und wies ihnen somit den Weg.
Jenna widmete sich derweil ihrer schwer verletzten Patientin zu und strich ihr behutsam über ihren Schopf. "Bleiben Sie ruhig liegen, Fiona! Die Ärzte kommen, um ihnen zu helfen....Sie sind nun in Sicherheit.", sprach Jenna aufatmend auf die Schwangere ein, die sich leise und schwach bei ihr bedankte.
Endlich war das Ärzteteam vor Ort und Jenna rutschte etwas beiseite, um den anderen Platz zu machen. "Wird ja auch Zeit, dass ihr kommt!", begrüßte sie erfreut das Team in weißen Kitteln und einer Trage. Die Ärztin wollte ihren Kollegen unter die Arme greifen und aufstehen.
"Nein! Gehen Sie bitte nicht weg. Ich habe Angst....Ich weiß...nicht einmal ihren Namen." Fiona streckte blitzartig ihre Hand nach Jennas aus, griff danach und hielt sie fest.
Mit beruhigendem Blick sah Jenna sie an und hockte sich wieder zu ihr. Sie nahm beide Hände von Fiona zwischen ihre und rieb sie, um ihnen etwas Wärme zu spenden. "Ich bin Doktor Jenna Coleman! Sie sind in guten Händen."
"Bitte gehen Sie nicht weg, Doktor Coleman!", flehte Fiona sie unter Tränen und Schmerzen an.
Jenna nickte.
"Sie muss sofort in den OP!", erklärte die Ärztin dem Team, als sie zu ihnen aufschaute. "Sie werden sich um die Patientin kümmern, um sie stabil zu bekommen. Damit sie transportabel ist.", hörte sie die männliche Stimme über ihrem Kopf.
Jenna löste kurz ihre Augen von der schwangeren Frau und sah Doktor Ivons Blick über sich, der sich zu einer wütenden Miene formte. "Bist du denn von allen guten Geistern verlassen, Coleman? Wie konntest du nur so leichtsinnig sein? Der Kerl hätte dich treffen können! Du hast dich zur Zielscheibe gemacht...!"
"Müssen wir das jetzt etwa hier draußen ausdiskutieren?", sprang sie sofort auf seine mürrische Reaktion an. Er schaute verärgert an ihr herab und stutzte. "Wo sind deine Sachen?"
"Ausgezogen!"
"Das sehe ich. Zieh dir das an, sonst verkühlst du dich noch, Coleman!" Er zog seinen weißen Arztkittel hektisch aus und reichte ihm ihr, denn Jenna saß nur noch mit Büstenhalter im Regen vor ihm , vor der Patientin und den anderen Ärzten. Sein Blick verriet deutlich, dass ihm unwohl dabei war, sie halb entkleidet zwischen den Ärzten und dem Polizisten sitzen zu sehen.
"Danke Ivon! Wie fürsorglich von dir. Denkst du, ich entkleide mich zum Spaß?", murrte Jenna.
"Ich drücke mit dem Pullover die Wunde gerade ab und der Mantel liegt ausgebreitet über der Mutter, zum Schutz und etwas Wärme für sie und ihr Ungeborenes!", erklärte sie ihm kurz.
Ivon beugte sich noch etwas tiefer zu ihr und flüsterte. "Tu mir das nie wieder an, hörst du, Coleman? Ich bin nicht dein bester Freund geworden, um dich in einer gefährlichen Situation zu verlieren und zu Grabe zu tragen. Ich habe da drin Totesängste ausgestanden", schimpfte er leise und betroffen mit ihr und zeigte auf das Hospital.
"Du tust ja gerade so, als würde ich so etwas mit Absicht tun! Was glaubst du, wie es uns hier draußen erging? Denkst du etwa, wir haben uns freiwillig vor seiner Waffe postiert?", zischte sie leise zurück, damit es Fiona, die anderen Ärzte und Officer Tanner nicht hören konnten.
Er wandte seinen Blick an die anderen Ärzte, die wohl doch etwas von dem Gespräch aufgeschnappt hatten. "Könntet ihr euch bitte auf die Verletzte konzentrieren?", knurrte er sie alle an. Dann schaute er wieder besorgt zu seiner besten Freundin.
"Wieso verstrickst du dich immer wieder in solche gefährlichen Aktionen, Jenna? Kannst du mir das vielleicht mal erklären oder willst du mich vorzeitig ins Grab bringen?", fluchte Ivon über ihr.
Jenna sah ihn wütend an. "Was hätte ich denn tun sollen? Zusehen wie sie verblutet, Ivon?", klärte sie ihn auf. "Sie hat schon Wehen....Außerdem bist du nicht mein Vater, dem ich Rechenschaft abzulegen habe, was ich tue, klar?...Ich tue das, was ich für notwendig erachte und wenn ich dabei drauf gehe, Doktor Ivon! Ihr Leben und das ihres Kindes ist wichtiger als meines!", erklärte sie ihm wütend.
Nachdem das für Jenna geklärt war, gab sie ihm ihren mündlichen ärztlichen Bericht. "Einschuss rechts neben der Halswirbelsäule. Keine Austrittswunde. Verdacht auf Verletzung des rechten Lungenflügels. Starker Blutverlust. Neunter Schwangerschaftsmonat. Wehen eingesetzt. Puls schwach. Ihr Name ist Fiona Adams..."
Jenna bemerkte das Ziehen an ihrer Hand und unterbrach ihren Bericht "Fiona?", richtete sie ihre Frage an die schwangere Frau, die ihren Kopf versuchte zu schütteln. Jenna verstand. Der Nachname sollte also nicht erwähnt werden. "Okay...", flüsterte die Ärztin leise darauf. Die nächsten Worte waren ruhig an Ivon gerichtet. "Wir haben jetzt keine Zeit, um darüber zu diskutieren, ob ich ebenfalls getroffen hätte werden können oder ob das Leben der Patienten..." Jenna stockte. Für einen kurzen Moment schob sich ein Gedanke in den Vordergrund. Wenn Fiona jetzt nicht sofort operiert wurde, würden sie vielleicht beide sterben.
"Darüber reden wir noch, Doktor Coleman!", knurrte er durch seine Zähne seine beste Freundin an.
Doktor Coleman ignorierte diese Drohung und sprach weiter. "Sie muss sofort in den OP, Doktor Ivon!" Erinnerte sie ihn und somit endete ihr Bericht.
"Den OP habe ich bereits veranlasst. Sie kommt in den Operationssaal 3.", ließ er die Frau im weißen Kittel mit etwas beruhigender Stimme wissen und legte seine Hand auf ihre Schulter. "Hör mal, Jen! Weißt du eigentlich, was deine Eltern dir jetzt erzählt hätten? Sie...". sprach er mit ruhiger Stimme.
"Zu meinem großen Pech habe ich meine leiblichen Eltern nicht mehr. Nur deine. Danke Ivon, dass du mich daran erinnerst!", sprach sie leise an einem wunden Punkt getroffen. Erst jetzt merkte sie, wie sehr ihr ganzer Körper bebte. Ihr Adrenalinspiegel begann wieder langsam zu sinken. Sie wurde heute Abend freiwillig, ohne darüber nachzudenken, zur Zielscheibe für ein Ungeborenes und seine Mutter. Wie es ihr Ivon gerade unschön formulierte. Er hatte in den letzten Minuten große Angst um sie, als er nicht mehr ihre Stimme über das Handy vernommen hatte. Als er dann den Schuss hörte, dachte er, sie sei getroffen und...und er hätte sie für immer verloren.
Fiona war zum Transport in die Klinik bereit und wurde auf die Trage gelegt. "Wir sind soweit, Doktor Ivon und Doktor Coleman.", sagte eine junge Ärztin im ersten Semester zu den Beiden, während die anderen Hand in Hand die Trage vom Boden aufhoben.
Jenna erhob sich ebenfalls, drehte sich zu ihrer Patientin und sah sie mitfühlend an. "Es wird alles wieder gut, Fiona." Die Ärztin konnte die Angst und das Bangen in ihren Augen sehen, wie sie um ihr Leben und um das ihres ungeborenen Kindes kämpfte. Jenna strich ihr beruhigend über ihre Stirn. Fiona nickte still und dankbar. Ihre Tränen rannen ihr die Wangen herunter. Der Schock war ihr immer noch ins Gesicht geschrieben. Eine Hand lag schützend auf ihrem Bauch. Die Ärztin schenkte ihr ein kleines hoffnungsvolles Lächeln für Mutter und Kind. Fiona drückte ihre Hand fester. "Danke...Doktor Coleman!", kam es müde und erschöpft über Fionas Lippen.
Wörter: 1225
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Kaptel 5
"Das Versprechen"
Als Fiona soweit stabil, transportfähig und die Blutung vorerst gestillt war, trug man sie ins Krankenhaus hinein. Eine Schwester hielt den Tropf fest, der an dem linkem Arm der Patientin angebracht worden war. Jenna versuchte mit dem Ärzteteam Schritt zu halten, um die Verletzte aus dem Regen ins Trockene und in den OP hinein zubringen. Sie blieb immer an ihrer Seite. In der Notaufnahme packte Doktor Ivon die junge Ärztin an ihrem rechten Arm und hielt sie zurück, während die anderen weiter in Richtung OP sich beeilten.
"Was ist los?", fragte sie, als er sie zu sich herum drehte,
Er ließ sie los und sah sie herausfordernd an. "Du kannst jetzt nach Hause fahren, Coleman. Deine Schicht ist schon lange beendet. Ab hier übernehmen wir." Jenna sah Ivon verstohlen an. "Keine Chance! Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass ich jetzt nach Hause fahre und Fiona und ihr Baby allein da drin zurücklasse?", gab sie ihm erbost zu verstehen und ihr rechter Arm war zum OP - Saal ausgestreckt..
"Es war ein langer Tag und eine lange Nacht für dich, Jenna. Du brauchst jetzt eine Pause."
"Ich werde nirgendwo hingehen, Ivon. Sie ist meine Patientin und sie..." Ihre Stimme klang verärgert, ihre Augen ruhten wieder auf ihrer Patientin.
"Jenna! Ich bin dein Vorgesetzter und du hast meine Anweisungen zu befolgen!" Sie drehte sich zu Fiona um, die nach ihr rief. Dabei zuckte sie zusammen, als sie die schwache, flehende Stimme von ihr vernahm. Es ging ihr durch Mark und Bein.
"...Sei doch vernünftig.", unterbrach er sie und wies Doktor Coleman zurecht. Er erhielt von ihr einen tödlichen Blick, der ihn sofort auf der Stelle das Leben ausgelöscht hätte. Sie sah ihn gereizt an. "Ich werde diese Frau und ihr Kind nicht im Stich lassen, Ivon! Wenn alles vorbei ist, kannst du mir ja die Kündigung ausschreiben. Ich nehme mit dem größten Vergnügen an. ich habe es satt!", knurrte sie ihn zischend leise an. Sie schickte sich an zu gehen, als sie es sich für einen kurzen Moment anders überlegte. "Ich hasse dieses Krankenhaus! Ich habe es noch nie gemocht. Deine Kündigung wird mir gerade recht sein."
"Jenna!...Wir wissen beide, dass sie es nicht schaffen wird. Sie hat zu viel Blut verloren.", ließ er sie an seinen Gedanken teil haben.
"Wozu sind wir eigentlich hier? Um anderen das Leben zu nehmen? Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um ihnen zu helfen. Unser Eid am Ende unserer Ausbildung...Hast du den vergessen? Ich nicht! Also helfen wir ihr und dem Baby! Wenn du es nicht tust, Ivon, dann werd ich es tun!" Jenna war erschöpft und müde, doch dies gestand sie sich nicht ein.
Ivon las wohl gerade ihre Gedanken und schüttelte seinen Kopf. "Nein Jenna! Tu das nicht!", bat er sie verzweifelt.
Sie wandte sich grimmig gestimmt von ihm ab und ließ ihn stehen. "Jenna!", rief er ihr nach, doch sie winkte ab. Sie folgte den Ärzten, um Fiona in Richtung OP Drei zu begleiten. Als sie sie eingeholt hatte, schaute Fiona nach ihr. "Bleiben Sie bei mir, ja?" Fiona krümmte sich auf der Trage. Dann wurde sie umgebettet.
"Ich bin hier, Fiona! Sie sind im besten Krankenhaus und Sie werden von den besten Ärzten behandelt.", beruhigte sie Fiona mit einfühlsamen und bestärkten Worten.
"Ich habe Angst!"
"Sie sind tapfer und stark, Fiona! Sie schaffen das!", ermutigte Jenna sie.
"Wie geht es meinem Baby?", fragte die verletzte Frau mit zitternder Stimme, die ihre Hand schützend auf ihren Bauch gelegt hatte. "Es bewegt sich noch.", stellte sie hernach fest. Jenna sah auf den Monitor des CTGs, das mit dem Kind auf dem Parkplatz verbunden worden war und konnte die unregelmäßige Herzfrequenz beobachten.
"Aber nicht so ruhig wie immer. Er weiß, dass etwas nicht stimmt." Auch Fiona hatte einen kleinen Blick auf die Kurven - Skala des Herzschlags ihres Kindes werfen können.
"Es ist ein Junge?", fragte Jenna sie und versuchte zu lächeln.
Fiona schloss ihre Augen. "Ich bin so müde!", sprach sie mit schwer belegter Stimme.
Jenna drehte ihren Kopf nach hinten, um Doktor Ivon ausfindig zu machen. Der war ihr sauer nachgeeilt und gesellte sich nun zu dem Ärzteteam. Rasend schnell schob man Fiona vorwärts. "Sie hat nicht mehr viel Zeit.", gab sie Ivon zu verstehen.
"Ich weiß, Jen!", antwortete er noch sauer auf sie. "Wenn du schon nicht nach Hause fahren willst, möchtest du wenigstens dich vor dem OP in den Warteraum setzen?", bot er ihr an.
Sie verneinte stur.
"Hm, dachte ich mir. Ich kann dich nicht umstimmen heim zu fahren oder hier draußen zu warten."
"Nein Ivon! Sie vertraut mir!", versicherte sie ihm fest. "Na gut! Du kannst mit in OP.", erlaubte er ihr.
Sie nickte dankend.
Fiona öffnete ihre Augenlider und versuchte ein leichtes Lächeln abzugeben, doch es gelang ihr nur schwer. Sie hatte die kleine Unterhaltung zwischen den Beiden vernommen. Also fasste Fiona einen Entschluss. Sie zog Jenna an sich heran und sprach: "Falls ich es nicht überlebe..."
"Das werden Sie Fiona, haben Sie gehört?", widersprach Doktor Coleman ihr. "Sie werden uns hier nicht wegsterben. Ich verbiete es ihnen. Sie sind in wenigen Minuten Mutter und Sie werden für ihren Sohn da sein. Er braucht sie. Sie werden für ihn am Leben bleiben und wieder gesund werden, klar? Ich werde Sie nicht einfach so gehen lassen, Fiona! Also vergessen Sie, was Sie mir gerade sagen wollten.", sprach die Ärztin im forschen, ernsten Ton. Sie versuchte Fiona aufzubauen und Hoffnung zu geben. Doch Jenna erinnerte sich an Ivons Worte von vorhin, dass sie es vielleicht nicht schaffen wird. Sie hatte draußen auf dem Parkplatz zu viel Blut verloren und war obendrein unterkühlt und die Kugel steckte immer noch in ihr.
"Schimpfen Sie etwa mit mir, Frau Doktor?", fragte Fiona sie flüsternd und matt. Sie versuchte es etwas scherzhaft klingen zu lassen. Doch auch dies misslang ihr.
"Ich mache ihnen einen Vorschlag, Fiona. Wenn das hier alles überstanden ist und Sie wieder gesund sind, dann werden wir drei Essen gehen.", ermutigte die junge Ärztin ihre Patientin.
"Das klingt gut.", flüsterte Fiona fast. "Hören Sie mir zu, Doktor Jenna! Falls ich es nicht schaffe, möchte ich, dass Sie sich um mein Kind kümmern, ihn gut erziehen und beschützen.", flehte sie die Ärztin an.
Jennas Blick geriet aus den Fugen und suchte die Augen von Doktor Ivon.
Doktor Coleman schaute auf ihre Patientin. "Daran dürfen Sie jetzt nicht mal denken, Fiona. Was ist mit dem Vater des Jungen? Sollten wir ihn denn nicht benachrichtigen?"
"Wir...Ich...hab ihn verlassen, als ich wusste, dass...Hören Sie, Mrs. Coleman, sein Vater weiß nichts von seinem Kind. Und so soll es auch bleiben. Versprechen Sie es mir, Jenna!", bat Fiona sie unter Tränen und Schmerzen. "Kümmern Sie sich um meinen Jungen, ja? Er braucht jemanden, der ihm Liebe schenkt, denn das kann ich ihm nicht mehr geben....Bitte! Ich werde nicht mehr für ihn da sein können.", flehte sie die Ärztin unter Schmerzen an.
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Kapitel 19
"Deinetwegen"
Tristan war während der gesamten Heimfahrt sehr still. Seine Hände umklammerten das Lenkrad, dass die Fingerknöchel hervortraten. Er konnte nicht einmal der Musik im Autoradio lauschen, so wütend hatte ihn seine Mutter heute gemacht. Und das war bei weitem dieses Mal kurz vorm Kragen platzen. Er schämte sich für das öffentliche Fehlverhalten seiner Mutter, das sie immer und immer wieder ans Tageslicht legte.
"Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte Victoria ihn, die auf der Beifahrerseite seines Wagens saß und die ganze Zeit aus dem Fenster schaute. "Willst du mir vielleicht irgendetwas mit deiner stillen Laune sagen?", fragte sie ihn gereizt. "War ich dir wieder ein Dorn im Auge?"
Tristan schnaubte wütend. "Könntest du wenigstens auf der Heimfahrt einmal deinen vorlauten, verräterischen Mund halten, Mutter?"
Victoria sah ihren Sohn nur stinksauer von der Seite her an und tat ihm nur ungern den Gefallen, denn auf seine Aufforderung hin hatte sie sehr wohl noch etwas mehr zu sagen.
Tristan fuhr schweigend die Straße zur Villa entlang, die mit einer riesigen Steinmauer und Türmen umkreist war, den kleinen Hügel hinauf. Die Villa erhob sich auf dem Hügel wie ein kleines Schloss. Gelbe Mauern, graue Fensterläden und ein von Säulen getragener Balkon verliehen ihr etwas Majestätisches. Vor dem Eingang lagen gepflegte Blumenbeete, daneben ein runder Pavillon, umgeben von alten Weiden und Birken. Doch Tristan nahm von der Schönheit des Anwesens kaum etwas wahr.
Er stieg aus, schloss sein Auto ab und lenkte seine Schritte zur Treppe, die wieder hinunter in die Stadt führte. "Würdest du wohl meine Frage beantworten?", zeterte seine Mutter ihm hinterher.
Er blieb stehen und drehte sich zu ihr. "Könntest du mir bitte einmal am Tag etwas Ruhe vor deinen peinlichen Anfällen gönnen, die ich überall erdulden muss? Ich habe es satt, immer wieder über deine verletzenden Worte und die Respektlosigkeit hinwegzusehen und sie zu ignorieren. Aber eines sage ich dir, Mutter: Heute bist du zu weit gegangen." Dann grummelte er vor sich hin.
Tristan wandte sich von der Treppe ab, kam schnell noch einmal in die Richtung seiner Mutter. Zum ersten Mal seit Jahren verlor er die Beherrschung, die er stets zügelte vor dem Respekt vor seiner Mutter und fragte sie sauer: "Wieso bist du eigentlich hier in der Toskana? Solltest du nicht in Amerika sein und deinen Butler vögeln?"
Er wusste davon? Sie fackelte empört nicht lange mit ihrer Antwort, begann ihre Rede, die vom eigentlichen Thema ablenken sollte und legte ihm ihre angebliche Sorge ihm gegenüber dar.
"Mir wurde zugetragen, dass du immer noch nach deiner...wie hieß sie gleich nochmal?"
Tristan konnte es nicht fassen. "Deswegen bist du hier? Du hast schon besser gelogen, Mutter." Er drehte sein Gesicht von ihrem weg und raunte leise: "Fiona..."
"Fiona...natürlich...wie konnte ich den Namen auch nur vergessen? So bürgerlich, wie er auch klingen mag...Sie hat dich verlassen, trauere ihr doch nicht nach...Sie hat dich verletzt und enttäuscht. Sie ist es nicht wert, dass du dir weiterhin den Kopf über sie zerbrichst. Such dir jemanden, der deinem Stand näher ist und zu dir passt...Sie hat nie in unsere Kreise gehört."
Ihr Sohn ballte seine Fäuste, sah sie erneut erbost an und fuhr sie schließlich an. "Frag dich doch einfach mal, warum. Sie ist deinetwegen gegangen. Sie hat mich deinetwegen verlassen und ist gestorben. Sie muss große Angst gehabt haben. Also rede nicht so über sie, als wäre sie ein Stück Vieh in deinen Augen. Du hast sie nie geduldet. Fiona war nicht gut genug für dich an meiner Seite. Nichts konnte sie dir recht machen. Du hattest immer etwas an ihr auszusetzen. Was sprach von deiner Seite her dagegen? Erkläre es mir!", machte er seinem trauerndem Herzen Luft.
Seine Mutter horchte auf. "Sie ist gestorben, sagst du?", hakte sie beinahe emotionslos nach. Einen Augenblick später zuckte sie mit den Schultern. "Dann hat sich dieses Problem wohl erledigt...Woher weißt du davon? Dass sie..."
Tristan hatte sich schon längst von ihr abgewandt und lenkte seine Schritte zur Treppe in das kleine Dorf hinunter. "Wohin gehst du?", schrie sie ihm nach.
"Ich brauche jetzt etwas zu trinken.", antwortete er ihr, bevor er die erste Treppenstufe eilig betrat. "Und wer wird mich ins Haus geleiten?", rief sie empört mit den Krücken in ihren Händen.
Doch darauf bekam sie keine Antwort mehr. Stattdessen rief sie ganz laut in die Nacht hinein: "Sie ist es nicht wert, dass du dich ihretwegen in Kummer zurückziehst und ihn im Alkohol ertränkst....Lass sie endlich gehen! Deine Trauer bekommt sie so oder so nicht mehr mit!"
Tristan blieb am Ende der letzten Treppenstufe stehen und schaute zu seiner Mutter hinauf, die über ihm am Geländer mit ihren Gehhilfen zu stehen gekommen war.
"Du wirst dich wahrhaft nie ändern oder?", fragte er sie enttäuschend. War seine Mutter in diesem Punkt überhaupt noch Mensch? "Meine Wahl an der Frau meines Herzens geht dich rein gar nichts an. Halte dich in Zukunft aus meinem Leben raus. Hast du mich verstanden?", verlangte er von ihr in einem forschen Ton.
"Sie hat sich davon gestohlen ohne dir zu sagen, wo sie zu finden ist. Ich sage es dir nur ungern noch einmal: SIE hat DICH verlassen!", erinnerte sie ihren Sohn betonend daran.
"Deinetwegen! Deinetwegen Mutter! Solange du in meinem Haus zu Gast bist, will ich, dass du mich und mein Privatleben in Ruhe lässt. Meide mich, ist das klar? Ansonsten vergesse ich mich! Und wenn du wieder gehst, brauchst du dich nicht von mir zu verabschieden. Ich bin fertig mit dir!" Tristan wandte sich von seiner Mutter ganz ab, bog in die nächste Gasse rechts ein und kehrte in das Restaurant "Román" ein. Er ging direkt zur Theke, bestellte einen Whiskey, setzte sich auf die Terrasse und starrte in die Sterne. Irgendeiner von ihnen musste Fiona sein, die mit Sicherheit auf ihn herab sah.
Tristan prostete gen Sternenhimmel und nahm den ersten Schluck. "Auf dich mein Liebling!" Eine einzelne Träne rann ihm die Wange herab.
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