Das Erbe der Brooklyns
Kapitel 23
"Rebenstöcke und Winzergeschäft"
Jenna ließ den Kinderwagen los und rannte das letzte Stück bis zur Terrasse und betrat sie. Sie begann leise den Song zu singen und begann sich dazu zu bewegen. Sie konnte dieses Lied genau hören, als ob irgendwo ein Radiosender oder ein DJ ihn gerade abspielte, nur für sie allein. Sie sah Jack vor sich, wie er in einer schwarzen Anzughose, weißem Hemd, an dem die ersten beiden oberen Knöpfe aufgeknöpft waren, die Ärmel bis zu den Ellenbogen gekrempelt und barfuß auf sie zukam, seine Arme sanft um sie legte und sie langsam an sich heran zog. Sie liebte diesen Song. Jedes Mal, wenn sie ihn irgendwo hörte, holte sie die Vergangenheit wieder ein. Sie hörte diesen Song, gerade in diesem Augenblick, als sie auf die Terrasse getreten war.
Im Türrahmen lehnte ein junger Mann und beobachtete sie schweigend.
Will Tristan war wach geworden. Fiodora nahm ihn aus dem Wagen heraus und trug ihn zu Jenna auf die Terrasse und gab ihn ihr. "Ich wärme schon mal seinen Tee auf und werde mal nach dem Mittagessen sehen. Dann kann Will schon etwas essen.", sagte sie zu Jenna und ließ sie allein mit dem Jungen in ihren Armen auf der Terrasse zurück. Jenna drückte Will Tristan an ihre Brust und hielt ihn liebevoll fest. Langsam tanzte sie weiter und gab dem Jungen somit Geborgenheit und Liebe, die der Kleine sehr genoss, denn er babbelte freudig an ihrem Oberkörper und schenkte ihr sein zauberhaftes süßes Lächeln. "Ich vermisse dich so sehr, Jack. Ich liebe dich!", flüsterte sie.
Nachdem der Song vorbei war, stand sie immer noch still auf der großen Terrasse und streichelte den Schopf des Jungen. Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn und wiegte ihn sanft und vorsichtig in ihren Armen. Leise sang sie immer noch den Text mit geschlossenen Augen vor sich hin und ein paar Tränen liefen ihr übers Gesicht.
"Jenna, das Essen ist soweit.", rief Román ihr zu. Die junge Frau öffnete blitzartig ihre Augen und drehte sich zu ihm um. "Wir sind sofort bei dir...Komm Will, sonst wird das Essen kalt. Bist du auch so neugierig wie ich, was der liebe Onkel Román heute gezaubert hat? Wenn wir uns ganz schnell beeilen, wissen wir es."
Sie betrat das Restaurant durch die Tür, an dessen Rahmen der Mann gelehnt war, nun aber nicht mehr. Jenna suchte nach dem Tisch, an dem sie immer saßen, wenn sie hier das Mittagessen einnahmen. Als sie ihn gefunden hatte, ging sie darauf zu und setzte Will in den Babyhochstuhl, legte ihm ein Lätzchen um und setzte sich vor ihn, damit sie ihn füttern konnte. Fiodora brachte ihr noch den warmen Tee und setzte sich zu den beiden. "Hat der Kleine sehr viel Ähnlichkeit mit seiner Mutter?", fragte sie Jenna. Sie betrachtete Will mit einem mütterlichen Lächeln und nickte. "Sehr viel."
Will Tristan jauchzte in dem Kinderstuhl und ließ sich das Essen schmecken, das Román zubereitet hatte. Seine Beinchen wippten vor lauter Eifer und Aufgewecktheit. Seine kleinen Händchen verlangten mit einem freudigen Strahlen nach dem nächsten Löffel.
Hinter Jennas Rücken ertönte die Stimme von Román, der ihr einen großen Kaffee brachte. Er setzte sich für einen Augenblick zu den beiden Frauen und Will und genoss die familiäre Situation mit ihnen gemeinsam.
"Also, haben Sie über die Reben nachgedacht?", erinnerte Fiodora Jenna an das Gespräch zum Frühstück mit dem Anwalt. "Werden Sie sie weiterführen und guten Wein daraus herstellen?", fragte Román sie überrascht. Er dachte ebenfalls daran, Jenna danach zu fragen. Auch wenn es nur zwanzig Rebstöcke waren, alles beginnt mal klein und vergrößert sich mit den Jahren. "Wenn es ein guter Wein wird, könne wir ihn ja hier im Restaurant anbieten und wenn wir die Rebstöcke vermehrt haben, können wir nach außen verkaufen.", begann Román seine kleinen Rosinen im Kopf weiterzuspinnen. Er sah auf Will Tristan und lachte. "Und du hopst mit deinen Windeln in den Trauben und presst den Saft aus. Du wirst jede Menge Spaß dabei haben kleiner Mann." Die am Tisch Sitzenden begannen zu lachen. "Du traust uns das bisschen Sport wohl nicht zu, Román?" fragte ihn seine Frau und wischte sich schon die Lachtränen aus ihren Augen.
Jenna unterbrach nur ungern diese Freude an diesem Tisch und wischte Will die Essensreste mit Feuchttüchern aus dem Gesicht, die er überall verteilt hatte. "Das ist alles schön und gut...", sagte sie plötzlich und sah ihre kleine Familie an. "Ich habe keinen Ahnung von diesem Weingeschäft und ihr zwei auch nicht. Wir brauchen Fachmänner oder Frauen, die sich damit auskennen. Wir wissen nicht mal, ob die Reben gesund sind oder von irgendeinem Pilz oder so befallen sind. Das ist absolutes Neuland für mich, Leute.", gab Jenna ihnen zu verstehen.
Jenna hatte plötzlich eine Idee. "Ich kenne eine Möglichkeit, wie man den Wein unkompliziert herstellen kann. Und das wäre in Ballons. Mein Vater hat so jedes Jahr Wein aus Äpfeln, Kirschen, Himbeeren, Brombeeren und Erdbeeren gewonnen und auch Rumtöpfe daraus gemacht, aber nur für den häuslichen Gebrauch. Damit kann ich aber nicht genug herstellen, damit er hier für einkehrende Gäste angeboten werden kann. Vielleicht fünfzehn, fünfundzwanzig Ballons bekommt man da heraus, je nachdem was die ernte einbringen wird. Flaschen kann ich jetzt noch nicht sagen, aber das wird sicher nicht reichen für die Einheimischen oder für die Touristen, die hier tagtäglich einkehren und auf den Geschmack des hausgemachten Weines gekommen sind.", erklärte Jenna ihnen nachdenklich und besorgt über das neue Vorgehen, dass sie eine Winzerin werden und somit ihren Job als Ärztin wohl im Krankenhaus an den Nagel hängen könnte. Allein die Vorstellung, jede Menge Überlegungen deshalb auf sich zukommen zu lassen, versetzte sie in Angst und Panik, sich für Neues zu öffnen. Aber wenn das für sie alle hier die Zukunft bedeuten sollte, sollten sie gemeinsam diesen Schritt wagen. Vielleicht fanden sie jemanden, der damit schon Erfahrung hatte.
"Haben wir denn genügend Platz für die Möglichkeit, dass der Wein in den Ballons ordentlich ruhen, gären und vor sich hin reifen kann?", stellte Jenna die Frage in den Raum. Da betrat der Anwalt Jackson Carlson das Restaurant.
Román winkte ihn zu sich an den Tisch. "Genau zur rechten Zeit.", sprach Fiodoras Mann zu ihm. "Zur rechten Zeit? Für was?", fragte er verdutzt. "Wir überlegen uns der Weinherstellung anzuschließen und fragten uns gerade, ob wir hier irgendwo eine Möglichkeit haben, dies zu verwirklichen, mit Keller, Winzer, Maschinen und so weiter.", erleuchtete Román ihn. Der Anwalt sah Jenna erstaunt an, die Will Tristan in den Wagen gelegt hatte und ihn in den Schlaf hin und her schob.
Jackson zückte einen Ordner hervor und legte ihn auf den Tisch. Alle sahen gespannt darauf. "Was ist das?", fragte Jenna als Erste.
"Ich wollte mich eigentlich häuslich in dem Cottage einrichten und fand dabei ein paar verschlossene Kartons. Ich habe einen von denen geöffnet und fand das hier." Er schlug ihn auf und drehte ihn so, dass die anderen hinein schauen und lesen konnten.
"Wem gehört der Karton?", fragte Jenna verwirrt.
"Der Name- Jack - stand oben drauf.", antwortete der Anwalt. "Über den zwei Räumen gibt es einen kleinen Dachstuhl mit einer Klappe. Da sich da oben der Stromkasten befindet, musste ich mit einer Leiter da hinauf. Die Klappe befindet sich außen hinter dem Cottage. Leider musste ich einen Busch nieder sägen, sonst wäre ich nicht an die Klappe heran gekommen, um sie zu öffnen. Jack hat dort oben bereits ein kleines Büro bereits eingerichtet."
Jenna sah ihn mit großen Augen an und setzte sich. Das wusste sie nicht. Sie dachte immer, dieser weiße Kasten am Huas sei die Stromversorgung. Dieser Kasten war jedoch verschlossen und ise hatte keinen Schlüssel dazu. Sie übergab Fiodora den Wagen zum Weiterschieben.
Die Ärztin zog den Ordner interessiert zu sich heran und blätterte vor und zurück und zurück und vor darin.
Dann sah sie auf und alle starrten sie gespannt an.
Wörter: 1288
*****
Kapitel 24
"Zweifelhafte Gedanken - Sein großes Erbe"
Alle sahen Jenna gebannt an. Ihr angespannter Gesichtsausdruck sprach Bände...Traurigkeit durchfuhr ihren Körper. "Was ha...?", fragte ihre Haushälterin, doch schwieg gleich wieder.
Jenna sah alle, die um sie herumstanden verzweifelt und verwirrt an. "...Deswegen wollte Jack nach den USA zurückfliegen...deswegen starb er. Er wollte ins Winzergeschäft einsteigen. Ganz ehrlich? Nun bin ich mir nicht mehr so sicher, ob wir es wagen sollten.", verkündete sie mutlos.
"Herrscht denn wirklich so viel Rivalität unter den Winzern?"
Jackson sah sie fragend an. "Und was dich betrifft, Jen: Du gibst schon auf? Wir haben noch gar nicht damit begonnen.", entgegnete er schließlich.
Román meldete sich zu Wort und meinte: "Ich werde mich mal schlau machen und herumhorchen, ob sich in Florenz jemand damit auskennt. Somit können wir den Wunsch von Jack erfüllen und seinem Wein Berühmtheit geben."
Jenna wurde ungehalten und zeigte ihre Angst, die damit verbunden war. "Was ist, wenn es schief läuft? Der ganze Aufwand für umsonst ist? Ich meine was den Ertrag und den Geschmack angeht. Ist das hier auch die richtige Lage, um so ein großes Unterfangen in Betracht zu ziehen und uns damit weiter zu entwickeln, um davon leben zu können?", warf Jenna all ihre verzweifelten Gedanken mit nervöser Stimme in den Raum.
"Ergibt das überhaupt Sinn? Jack ist dafür gestorben, nicht nur er, sondern auch ein Teil seiner Familie. Wenn wir das durchziehen und es nicht funktionieren wird und sich alles damit Verbundene im Sand verlaufen wird, wird Jack mir das nie verzeihen.", schluchzte die junge Frau im Kreis ihrer Verbliebenen.
Jackson atmete auf und trat auf sie zu. Er nahm ihre Hände in seine und sah sie an. "Ich denke nicht, dass Jack darauf verzichtet hätte, wenn er wieder lebend zurückgekehrt wäre. Er hätte alles dafür getan, um sich damit einen Namen zu machen. Du wärst so stolz auf ihn gewesen. Lass ihn nun stolz auf dich sein, Jenna.
Es sind nur zwanzig Pflanzen. Für den Anfang hat das noch nichts zu bedeuten. Betrachten wir es alle erstmal als ein kleines Hobby, okay?" Die anderen um sie herum stimmten ihm zu. "Es ist ein kleiner Anfang, der sich vielleicht zum großen Erfolg erkenntlich zeigen wird", fügte er hinzu und sah Jenna warmherzig an.
Ihr Blick fiel auf Will Tristan, der wieder ruhig in seinem Wagen lag und zufrieden darin schlief, die Decke bis zu seinen Hüften gelegt und sein kleines Eichhörnchen - Plüschtier zwischen seinem Kopf und seiner kleinen Hand ruhend. Sie griff danach und streichelte sie sanft. "Ich muss darüber nachdenken. Dieser Schritt ist sehr gewagt und wird eine große Veränderung für uns alle mit sich bringen." Sie strich dem Jungen über seine zarte Wange und sprach: "Vor allem für Will. "
"Wie meinen Sie das?", fragte ihre Haushälterin und trat neben den Kinderwagen, um die Heimreise zur Villa anzutreten.
Jenna deckte Will etwas weiter bis zur Brust zu und während sie ihn dabei ansah, antwortete sie darauf: "Es wird sein großes Erbe sein, das er eines Tages antreten wird." Jenna packte Wills Sachen zusammen und legte sie in den Korb unter dem Wagen hinein.
Jackson nickte zustimmend und lächelte darauf weichherzig. "Wenn der Wein floriert und Will übernimmt vielleicht eines Tages dieses Geschäft, so wird man ihn finden. Das versuche ich eigentlich zu vermeiden."
"Aber nicht unter diesem Namen, den er jetzt trägt.", gab ihr Jackson zu verstehen. Jenna sah ihn an. "Bennett ist nicht mein richtiger Nachname, Jackson. Ich bin eine Coleman, verdammt.!", fluchte sie "Ich habe Fiona versprochen, ihn zu beschützen und ihn von den Menschen fern zu halten, die seine Mutter umgebracht haben. Ich will das Versprechen hiermit nicht brechen müssen, nur weil ein paar Reben hinter dem Haus stehen.", erklärte sie weiter. Sie griff nach dem Wagen und fuhr ihn an. Will schlief noch tief und fest. "Ich möchte zurück, solange die Temperaturen nicht zu hoch gestiegen sind. Die Villa ist kühl und erfrischend um die Mittagszeit. Will kann in der Hitze nicht schlafen.", erwähnte Jenna nachdenklich, die Augen auf den schlafenden Jungen gerichtet und fuhr mit dem Wagen hinaus ins Freie.
Fiodora schaute ihr betroffen hinterher und verabschiedete sich von Jackson, der Jenna zur Villa begleiten wollte. "Ich bleibe noch im Restaurant und helfe meinem Mann. Bringen sie Mrs. Bennett nach Hause. Aber bitte erwähnen sie das Wort - Weinberge - nicht mehr. Ich glaube, in ihrem Kopf arbeitet es sehr. Wenn wir das alle wirklich auf die Beine stellen und Jacks Wein wirklich vermarkten wollen, wird sie das jeden verdammten Tag an ihn erinnern. Auch wenn es erstmal die wenigen Reben sind, die wir haben. Aber es werden danach nicht nur die paar Rebenstöcke bleiben. Es werden stetig mehr werden, um mehr zu produzieren und herzustellen, damit er verkauft werden kann...und wenn wir erstmal damit hier beginnen, um seine Qualität zu testen."
"Sie haben recht Fiodora, es wird sie jeden Tag an Jack erinnern. Doch Will wird derjenige eines Tages sein, der den Wein und seine Herkunft berühmt machen wird...als Will Tristan Bennett...nicht aals Will Tristan Adams, Sohn von Fiona Adams.", entgegnete der Anwalt.
Fiodora nickte. "Sie hat es mir auf dem Weg hierher anvertraut und dieses Geheimnis wird bei mir in meinem Herzen verschlossen werden, Mr. Carlson. Sie trägt eine große Bürde, wenn Sie mich fragen. "Fiodora hatte Jenna und dem Kleinen nachgesehen. Sie murmelte vor sich hin: "So klein und schon so ein großes Erbe wird auf seinen Schultern lasten...der arme Junge."
"Ein gefährliches Erbe, Fiodora.", brummte der Anwalt und verließ das Restaurant. Er folgte Jenna und dem Kinderwagen und ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen, was gerade besprochen wurde und seine Gedanken schweiften zu Fiona.
*****
"Onkel Jackson, wenn ich mal groß bin, werde ich auch eines Tages Weintrauben pflücken wie die da draußen. Es muss doch riesigen Spaß machen sie danach im Zuber zu zermatschen und das auch noch barfuß...hihi.", lachte die damals Zehnjährige auf.
*****
Sie hatten ein Weingut besucht in der Nähe von Kalifornien. Fiona war damals hin und her von seiner Größe gerissen. Jeden Sommer war er mit ihr danach dorthin gefahren, damit sie an den Ernten teilnehmen konnte. Es war manchmal in der prahlenden Sonne gar nicht so einfach, doch die Hitze hielt Fiona damals nicht auf.
Dann...dann lernte sie ihn kennen: Tristan Brooklyn. Seine Mutter war die Besitzerin dieser großen Reben und des weltweit bekannten Weinunternehmens. Fiona gab sich damals als Arbeiterin aus, damit sie ihre Liebe zu Tristan verstecken konnte. Sie trafen sich stets heimlich, doch wurden eines Abends im Weinkeller der Brooklyns unter der Villa entdeckt.
Fiona war da bereits schwanger, wusste es bis dahin noch nicht. Erst eine Woche später hatte sie die Gewissheit und verließ Tristan ohne eine Nachricht oder einen Anruf. Sie verschwand spurlos aus seinem Leben.
Tristan suchte sie überall, tauchte sogar in seiner Kanzlei auf. Doch Jackson konnte ihm keine Antwort darauf geben, da er selbst nicht wusste, wo sich Fiona aufhielt. Sie tauchte erst ein paar Tage vor der Verfolgung bei ihm auf, verängstigt und hochschwanger. Er wollte sie bei sich aufnehmen, sie lehnte jedoch ab. Sie hatte das Gefühl verfolgt zu werden, erzählte sie schließlich ihrem Onkel. Er nahm diese Vermutung sehr ernst. Denn er hatte über die Familie Brooklyn recherchiert und fand nichts Gutes heraus. Er selbst hatte Fiona vor dieser Verbindung gewarnt, doch sie wollte nicht auf ihn hören. Sie liebte Tristan über alles...und er sie ebenfalls.
Wörter: 1202
*****
Kapitel 30
"Ein wundervoller, italienischer Abend"
Jenna stemmte die Hände in ihre Hüften und blies sich die Strähnen aus dem Gesicht. "Also gut! Fünf Minuten! Ihr gebt ja doch keine Ruhe, bis ich mich umgezogen habe. Aber nur euch beiden zuliebe.", murmelte sie. Sie nahm die Sachen von der Mauer, schnappte den leeren Wagen mit den Basilikumsträngen, Gartenhandschuhen und der Gartenschere darin und fuhr damit zur Villa.
Jackson und Karen wechselten einen verschwörerischen Blick, als sie Jenna in der Villa ankommen sahen. Gleichzeitig klatschten sie sich grinsend ab. "Mission erfüllt!", flüsterte Karen zufrieden. Dann blieb sie vor Jackson stehen, betrachtete sein Gesicht und sagte schließlich: "Ich...geh dann mal... und...werd ihr helfen."
Jackson steckte seine freie Hand in die Taschen, sah zum Boden und lauschte der Musik. Unwillkürlich begann sein Fuß im Takt mit zu wippen. "Na dann wollen wir mal feiern.", murmelte er und tanzte beinahe beschwingt mit Will auf seinem Arm die Treppen hinauf ins Kinderzimmer.
Das Dorf hatte sich verwandelt. Bunte Lampions spannten sich wie kleine Sterne zwischen den Häusern. Olivenzweige schmückten in Kränze gewunden die Eingänge und viele Frauen trugen sie als Haarschmuck. Über dem Platz lag der Duft von gegrilltem Fleisch, frischem Brot und Rosmarin. Aus großen Holzfässern wurde Wein, Bier und Whiskey ausgeschenkt und Gläser klirrten aneinander. Die Kinder liefen lachend zwischen den Tischen hindurch, während auf der Tanzfläche Jung und Alt gemeinsam tanzten.
Vor der Terrasse erklangen Tarantella, Walzer und traditionelle italienische Lieder. Selbst für die Kleinsten hatte das Dorf Spiele und kleine Wettbewerbe vorbereitet.
Später am Abend tauchte Tristan mit seiner Mutter und ein paar Gefolgsleuten auf dem Rebenfest auf. Sie war eine der Sponsoren des heutigen Abends. Deshalb verbrachte sie einige Tage in Tristans Villa. Er hätte liebend gerne auf diesen Auftritt verzichtet und hätte den Abend lieber zu Hause verbracht. Doch seine Mutter bestand darauf, dass er sie als Vertreter der Familie begleitete. Als Hauptsponsorin des Rebenfestes wollte sie sich den Dorfbewohnern zeigen und ihr Sohn hatte gefälligst an ihrer Seite zu stehen.
Karen hatte an diesem Abend schon drei große Gläser Wein getrunken und löste sich aus der Familiengruppe, um auf die Tanzfläche zu gehen. Es war ihr gerade egal, ob sie dort oben allein mit sich selbst tanzte, während andere Paare sich an ihr vorbei schlängelten. Fiodora folgte ihr mit ihrem Glas Rotwein in der Hand und tanzte ebenfalls ausgelassen. Román lachte und schickte seiner Frau einen Kussmund hinterher, den sie auffing. Jackson genoss seinen ersten italienischen Wein und Will saß bei Jenna auf dem Schoß und spielte mit seinem Nuckel - Kettchen.
"Liebe Gäste, auch die Band braucht mal eine kleine Pause. Wir sind in einer Stunde wieder für euch da. Solange wird der DJ für euch Tanzmusik auflegen.", kam die Durchsage von der Terrasse eines Bandmitgliedes.
"Oh, mein Stichwort!", sagte Jackson darauf. Er entschuldigte sich kurz, stand von seiner Bank auf und ging zur kleinen Bühne auf der Terrasse. Dort wartete bereits ein Mitglied der Band auf ihn und übergab ihm mit einem Lächeln das Mikrofon. "Einen wunderschönen guten Abend zusammen!", räusperte der Anwalt ins Mikro hinein, um die Aufmerksamkeit der Dorfbewohner auf sich zu lenken. "Während unsere Band eine kleine Pause einlegt, darf ich euch musikalisch durch die nächste Stunde begleiten. Wer einen Musikwunsch hat, darf jederzeit zu mir kommen. Ich freue mich auf einen wunderbaren Abend mit euch."
Während Jackson nach einem Song in seiner Hitliste suchte, schaukelten Karen und Fiodora schaukelten leicht beschwipst Arm in Arm die Treppen der Terrasse hinunter.
"Na? Amüsiert ihr euch?", fragte Karen, die inzwischen leicht gerötete Wangen hatte. Sie schenkte ihrem Glas nach und prostete allen zu, bevor sie einen Schluck daraus nahm. Dann forderte sie Jenna zum Tanzen auf. "Ich höre keine Musik, Karen.", verweigerte sie die Bitte ihrer großen Schwester.
"Du bist ein Spielverderber, weißt du das, Jenna Bennett?", jammerte Karen gespielt enttäuscht.
"Ich möchte nach Hause gehen. Will ist müde und gehört ins Bett. Er braucht seinen Schlaf. Er ist noch klein.", antwortete Jenna auf die Spielverderber - Ansage ihrer großen Schwester. Will lag mittlerweile auf ihrem Arm und war mit dem Nuckel im Mund eingeschlafen. Er lag friedlich in ihrer Armkuhle und ließ sich an dem ganzen Lärm um ihn herum nicht stören.
Román brachte gerade eine neue Flasche und eine Schale Erdnüsse an den Tisch von Karen, Jenna und Fiodora und dem Anwalt. "Setz dich zu uns Liebes.", forderte seine Frau ihn liebevoll mit einem Kuss auf die Wange auf. "Tut mir leid, mein Schatz, so gern ich das auch möchte. Ich muss mich um die hungrigen Gäste kümmern. Später vielleicht." Román küsste Fiodora noch einmal und stellte sich wieder hinter den Grill auf dem das Spanferkel über dem Feuer sich drehte und gegrillt wurde.
"Deine Rede war großartig!", lobte Karen den Anwalt, als er an den Tisch zurück kam. "Du bist der geborene DJ. Du solltest das nebenberuflich ausführen. Du wirst sehen, die buchen dich überall hin.", lallte sie ein klein wenig hocherfreut.
"Darauf trinke ich einen Schluck. Würdest du mit mir auf den heutigen Abend anstoßen, Karen?", fragte er sie und füllte beide Gläser. "Auf unsere Freundschaft, Karen."
"Auf unsere...ach, was soll's." Sie drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Prost!", lallte sie und trank das Glas leer. Jackson beobachtete sie und schmunzelte. Dann leerte auch er sein Glas.
Jenna horchte plötzlich auf und hielt in ihrer Bewegung inne. Irgendetwas erhielt ihre volle Aufmerksamkeit. Ihre Augen wanderten langsam zur Terrasse, dort oben tat sich etwas. Sie hörte die ersten Töne eines Liedes. Ihr Herz setzte für einen Moment aus. "Würdest du mir bitte Will abnehmen?"
Wörter: 905
*****
Kapitel 31
"Sie ist es"
Tristan unterhielt sich gerade mit ein paar Leuten aus dem Dorf, als er die vertraute Melodie hörte, die durch die Boxen kam. Er hielt in seinem Satz inne, den er gerade beenden wollte und ließ die Menschen um sich stehen. "Mr. Brooklyn! Was ist los? Wir waren uns noch nicht einig.", sagte einer der Männer zu ihm, der gerade dabei war ein Geschäft mit Tristan abzuwickeln.
"Sie entschuldigen mich, meine Herren!", begann Tristan und ließ sogar seine Mutter stehen. "Wo willst du hin, Junge? Du kannst doch nicht einfach...", protestierte sie. "Übernimm du die Sponsoren. Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen, Mutter." Er ließ sie mit offen stehendem Mund zurück. Tristan war es egal, was sie ihm nachrief. Er hatte gerade etwas Besseres im Sinn. Er schob sich durch die stehenden Menschen auf dem Platz in Richtung Bühne. Er hörte diesen Song, er kannte ihn. Er blieb etwas abseits der Bühne stehen. Er bemerkte die junge Frau, die wie gebannt und in Trance die Treppen hinauf ging und in der Mitte der Terrasse stehen blieb. Ihr Körper begann sich zu dem Lied zu bewegen. Noch konnte er die junge Frau nicht erkennen, da sie sich mit dem Rücken zu ihm befand. Er beobachtete sie und lauschte der Musik, an die sich die Frau zu klammern schien.
Langsam drehte sie ihm ihr Gesicht zu. Ihre Augen waren geschlossen. Jetzt erkannte er sie. Sie ist es. Die Frau aus dem Krankenhaus. Die Frau, die schon einmal allein auf der Terrasse tanzte und die den Kaffee heute Morgen allein getrunken hatte.
Jenna genoss diesen Song, der sie in diesem Moment in ihre Vergangenheit gleiten ließ. Sie sah ihren Ehemann Jack wieder vor sich, der sie barfuß um diesen Tanz in ihren Flitterwochen bat. Sie konnte ihn lächelnd auf sich zukommen sehen. "Jack" flüsterte sie und ihre Freudentränen rannen ihr über ihre Wangen und tropften ihr auf ihre nackte Haut, die von ihrem Kleid unbedeckt war. "Du bist hier.", sagte sie zu ihm. Jack trat lächelnd auf sie zu. Er legte seine Hände an ihre Hüften, genauso wie damals auf dieser Terrasse. Für einen kurzen Augenblick war alles wie früher.
"Darf ich?", hörte sie weit entfernt eine männliche Stimme. Sie öffnete die Augen und die Realität brach wieder über sie herein. Es war nicht Jack, der sie um diesen Tanz bat...er war es...der junge Mann aus dem Krankenhaus. Er stand ein wenig entfernt von ihr, als er ihr die Frage stellte. Er wartete geduldig auf ihre Antwort. Noch zögerte sie, ehe sie mit einem stummen Nicken zustimmte. Er hob seine rechte Hand und wartete. Erst als Jenna selbst näher trat, legte er vorsichtig seine Hand an ihre Taille. Jennas Herz klopfte so laut, dass sie Angst hatte, dass er es hören konnte. Sie atmete beinahe unruhig oder war es vor Aufregung? Ihr Blick lag gesenkt auf den Brettern der Terrasse. Die Wärme seiner Hand ließ sie erschrecken. Nicht, weil sie Angst hatte, sondern weil sie vergessen hatte, wie sich die Berührung eines Mannes anfühlte. Seit Jacks Tod hatte sie kein anderer Mann mehr berührt. Er hob ihr Kinn an und ihre Blicke trafen sich. Langsam begannen sie zu diesem Song zu tanzen, vorsichtig, fast fremd wiegte er sie und ließ seinen Blick starr auf sie gerichtet. Auch er verspürte dieselbe unsichtbare Anziehungskraft.
Sie redeten kaum miteinander, bis er die Stille brach. "Wir kennen uns doch irgendwoher."
Jenna öffnete leicht ihre Lippen und antwortete: "Aus dem Krankenhaus."
Er übernahm die Führung des Tanzes auf der Bühne. Mal rollte er sie aus der Umarmung, mal rollte er sie wieder ein und unverhofft lag ihre Hand auf seinem muskulösen Oberkörper. Sie zog ihre Hand schnell wieder zurück und legte sie um seinen Nacken. Er schweifte einen Moment von ihren Augen ab und zwischen all den Menschen konnte er das grimmige Gesicht seiner Mutter entdecken, die wütend zu ihm herauf sah. Doch das interessierte ihn nicht. Für ihn gab es diesen einen einzigen Augenblick. Er hielt sie in seinen Armen und ihr Duft aus Jasmin und Magnolie vermischte sich mit dem abendlichen Duft aus Kräutern und den ersten Regentropfen eines leichten Sommerregens, der gerade über ihnen langsam herabfiel.
Der Song endete. Jenna ließ ihn abrupt los und räusperte sich ihm gegenüber. "Danke für...für..." Sie wandte sich von ihm ab und lief schnell die Treppen der Terrasse herab. Sie blieb am Tisch ihrer Familie stehen und nahm Fiodora Will aus ihren Armen und drückte ihn sich.
Ihr Blick haftete auf dem Mann, mit dem sie gerade getanzt hatte.
Er war ihr mit seinen Augen gefolgt, die auf Jenna ruhten. Ihre Blicke trafen sich erneut. Er nickte ihr zu, und wischte sich ein paar Regentropfen mit der Handinnenfläche aus seinem Gesicht. Seine Aufmerksamkeit wurde auf den kleinen schlafenden Jungen in ihren Armen gelegt, den sie liebevoll an sich gedrückt hielt. Irgendetwas an seinem Gesicht kam ihm seltsam vertraut vor. Er wusste nicht warum.
Diese vertraute Idylle wurde durch die rufende Stimme seiner Mutter gänzlich zerstört. Er wandte seinen Blick in ihre Richtung. Ihre Aura ließ sein Lächeln verblassen und in ihm begann es zu brodeln.
Ehe er die Bühne verließ, suchte er nach der jungen Frau und dem Jungen. Doch sie hatten bereits das Fest verlassen.
Wörter: 857
*****
Kapitel 32
"Noch brennendes Licht"
"Was bitte schön war das da heute Abend mit dieser Frau?", fragte seine Mutter ihn empört, als sie sein Büro nach dem Rebenfest betreten hatte. Er war ohne sie heim gefahren. Er brauchte Zeit zum Nachdenken.
Seine Mutter warf ihren Mantel über die Couchlehne und nahm sich einen Whiskey aus der Bar. "Du bist mir eine Erklärung schuldig, Tristan!", fuhr sie ihren Sohn an, der am Fenster breitbeinig stand, seine Hände in den Hosentaschen vergraben und hinunter ins Dorf blickte.
Er senkte etwas seitlich sein Haupt nach links und sprach mit ernster Miene. "Ich bin dir gar nichts schuldig, Mutter."
Sie trat dicht vor ihn. "Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!...Du hast mich heute Abend bei unseren Sponsoren lächerlich gemacht und hast mich obendrein mit denen allein stehen gelassen...wegen dieser Frau?"
"Das dürfte dich wohl kaum etwas angehen, Mutter! Wir haben nur getanzt...Mehr nicht, wenn es dich beruhigt." Auch er nahm sich einen Drink aus der Bar.
"Wer ist sie? Kennst du sie?", fragte sie ihn bedrängend.
"Nein!", antwortete er nach einem Schluck. "Du kennst sie nicht und tanzt mit ihr?", fragte sie ihn ungläubig und abweisend.
"Ja!", antwortete er ihrer Frage entspannt. "Du kennst ihren Namen nicht und..."
Seine Mutter wurde rot im Gesicht. "Und du lässt mich ihretwegen allein bei diesen alten Männern stehen?"
"Ja!"
"Sie ist unter deinem Stand, Junge."
"Ist das so?..." Er drehte sich von der Bar weg. "Du glaubst doch von jeder Frau, die mir gefällt, dass sie nicht gut genug ist für mich."
Sie warf das Glas gegen den Kaminsims. "Weil es so ist, Tristan. Sie sind alle nur auf dein Geld aus, falls du es noch nicht bemerkt hast...und diese Frau, mit der du heute Abend getanzt hast, wird es genauso so sein...Du hast aus Fiona nichts gelernt. Sie hat nichts als Probleme gemacht..."
"Rede nicht so von ihr!", knurrte er. "Bist du fertig?"
Tristan war auf sie schnell zugegangen und drohte ihr. "Lass Fiona da raus. Du weißt nichts! Du weißt gar nichts über Fiona oder über die Frau heute Abend!" Er ging ein paar Schritte rückwärts. "Du hast schon einmal geglaubt, über mein Leben bestimmen zu können. Ich habe es dir schon einmal gesagt...und ich werde es wieder sagen: Halte dich aus meinem Leben raus." Tristan trank sein Glas leer, stellte es ab und ging zur Tür. Seiner Mutter blieb der Mund offen stehen. Sie suchte nach weiteren Argumenten, doch sie ließ ihre laute Stimme hinter ihm durch das Büro erschallen. Tristan reagierte nicht und verließ schleunigst sein Büro, deren Tür schwer ins Schloss fiel.
Seine Mutter blieb regungslos stehen. Ihr Blick ruhte auf der Tür. Dann ging sie langsam zur Bar, goss sich einen neuen Whiskey ein und nahm einen Schluck. Sie lächelte nicht, nein, sie war einfach nur...entschlossen. Sie verließ das Büro durch die Balkontür und schaute ihrem Sohn nach, der sich in sein Auto setzte und mit quietschenden Reifen davon fuhr.
Sie zückte ihr Handy aus ihrer kleinen Handtasche und wählte eine Nummer. Eine Männerstimme erklang am anderen Ende, der sie den Auftrag gab.
"Marco?"
"Ja, Madam?"
"Ich brauche Informationen über eine junge Frau?", begann sie ins Handy zu säuseln.
"Name?", fragte der Teilnehmer am anderen Ende.
Sie blickte in der Dunkelheit den roten Rücklichtern nach, die rasant von dem Landsitz davon jagten. "Den kenne ich nicht." Es herrschte für einen Moment Stille auf dem Balkon.
"Sie war heute Abend auf dem Rebenfest. Sie hat mit meinem Sohn getanzt." Es erfolgte eine kleine Pause. "Finden Sie heraus, wer sie ist."
"Natürlich Madam!". Die Frau beendete das Gespräch und legte auf. Langsam drehte sie das Whiskeyglas in ihrer Hand und lachte. "Mal sehen, wer sie wirklich ist."
Tristan fuhr nach dem Streit mit seiner Mutter ziellos umher, ehe er merkte, dass er die Weinfabrik angefahren hatte. Er betrachtete das große Gebäude und stellte fest, dass im Büro seiner Mutter noch Licht brannte. "So viel zum Thema - Ruhe finden.", murrte er vor sich hin, bevor er die Scheinwerfer löschte und den Rest im Dunkeln zum Parkplatz vorfuhr, sein Blick immer zum Bürofenster seiner Mutter gerichtet.
Er zog den Schlüssel aus dem Zündschloss, stieg aus und betrat die Fabrik. Zwischen den Weinfässern, Maschinen und dem Geruch von Holz fühlte er sich stets wohler, als in seiner eigenen Villa, wenn seine Mutter zu Besuch bei ihm in ihrem Teil des Anwesens wohnte, ehe sie wieder zurück in die Staaten fuhr. Als er durch das Verwaltungsgebäude ging, brannte immer noch Licht. Er runzelte die Stirn. Es war schon spät. Was machte seine Mutter schon wieder hier? War sie nach ihrem gemeinsamen Streit hierher gefahren?
Tristan öffnete leise die Tür und trat ein. Doch es war nicht seine Mutter, die am Tisch saß und am Laptop arbeitete.
Wörter: 763