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Stefan Emmerichs

JAGD AUF MR. JONES

Kapitel 2

Der Streifenwagen raste über den Asphalt.
Eigentlich hatte William Green gehofft, an diesem Abend zur Abwechslung einmal keine Überstunden schieben zu müssen, doch dann war natürlich wieder alles anders gekommen.
»Wagen 3 für Wagen 12.«
William warf seinem Beifahrer einen Blick zu. Dieser verstand und nahm das Funkgerät in die Hand.
»Wagen 3 hört«, sagte Lucas Kane.
Es knackte im Lautsprecher, dann erklang erneut die Stimme des Officers.
»10-84, wir stehen bereit.«
»Wagen 3 verstanden.« Damit hängte er das Funkgerät wieder ein.
»Jetzt wird es noch einmal spannend«, sagte er und rückte sich die Brille auf der schmalen Nase zurecht.
William hielt den Blick stur auf die Straße gerichtet.
»Der ganze Abend ist schon spannend genug.«
Ursprünglich war alles nach Plan verlaufen. Die beiden Detectives hatten nach wochenlangen Ermittlungen endlich den Täter eines Raubmorddelikts ausfindig machen können und wollten ihn nun mithilfe eines Einsatzteams aus seinem Apartment holen und vor Gericht bringen. Doch der Schuldige, Harold Turner, war natürlich getürmt. Seitdem lieferte er sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Bisher hatte Turner es geschafft, jede Sperre, welche die Polizei aufgestellt hatte, entweder zu umfahren oder zu durchbrechen, noch bevor die Einsatzkräfte Nagelplatten auslegen konnten. Jetzt aber schien sich sein Glück endlich zu verabschieden. Zumindest fiel William kein Weg ein, von einer Brücke zu entkommen, auf der sich ein ganzes Bataillon an Polizisten bereithielt. Es sei denn natürlich, der Idiot versuchte zu springen. Aber dann würde er vermutlich in dem eisigen Wasser des Harlow Rivers erfrieren.
Nein, er war sich sicher, diese Jagd würde gleich ein Ende haben.
Der Chevrolet bog an der nächsten Kreuzung nach rechts auf die Highwater Bridge ab. William riss das Lenkrad herum und folgte dem Wagen auf die Brücke. Schon von hier aus konnte er die Blaulichter der Blockade erkennen, die sich auf der Fahrbahn aufgestellt hatte.
Harold Turner musste sie ebenfalls gesehen haben. Doch anstatt anzuhalten, raste er weiter auf die querstehenden Polizeiwagen zu.
Die Nagelplatten auf dem Boden bemerkte er zu spät. Als das Gummi der Reifen auf die Nägel traf, knallte es mehrfach laut. Sein Fluchtauto geriet ins Schleudern und krachte schließlich gegen die nächste Leitplanke.
»Na endlich«, seufzte William erleichtert und stoppte den Streifenwagen abrupt.
Er und sein Kollege sprangen heraus und griffen nach ihren Dienstwaffen. Sie richteten die Läufe auf den Wagen und warteten, bis Turner sich regte. Dann wurde die Fahrertür geöffnet.
»Steigen Sie langsam aus!«, rief William.
Turner gehorchte. Ihm lief Blut aus der Nase, und seine Schritte waren wackelig.
»Und jetzt die Hände über den Kopf!«
Turner hob die Hände, doch dann klappte er plötzlich zusammen wie eine Marionette, der man die Schnüre durchtrennt hatte.
Sofort lief William zu ihm und fing ihn auf.
»Wir brauchen hier Sanitäter!«, rief Lucas den Kollegen hinter der Absperrung zu. Zwei der Notärzte eilten herbei, brachten eine Trage und luden Turner auf. William steckte seine Dienstwaffe zurück ins Holster und strich sich eine Strähne seines dunklen Haars aus dem Gesicht, die in der Hektik verrutscht war. Jetzt konnte Turner nicht mehr weglaufen. Die Sanitäter kümmerten sich um ihn und ließen die Detectives neben dem demolierten Wagen stehen.
»Gute Arbeit«, sagte Lucas neben ihm. »Auch wenn es anders lief als ursprünglich geplant.«
»Sehe ich auch so. Endlich haben wir diesen Mistkerl.«
Die beiden gratulierten sich mit einem festen Handschlag. Seit mehr als sieben Jahren arbeiteten sie nun schon zusammen. Kennengelernt hatten sie sich auf der Akademie und begannen nach ihrem Abschluss gemeinsam im Streifendienst. Mittlerweile waren sie beide zum Detective aufgestiegen.
Officers in dicken Winterjacken kamen auf sie zu, um ihnen die Hände zu schütteln. Die Presse, die sich hinter der Polizeiabsperrung gesammelt hatte, begann, Fotos zu schießen.
William sah, wie Turner auf seiner Trage in den Krankenwagen geladen wurde und die Sanitäter die Türen schlossen. In Begleitung zweier Streifenwagen entfernte sich die Ambulanz.
»Ich glaube, ich verdrück mich«, sagte er, als die Fahrzeuge davonfuhren. »Ich muss nicht länger als nötig im Rampenlicht stehen. Noch auf einen Drink im Five Bells? Den Rest können auch die Officers hier erledigen.«
»Danke, aber ich bleibe noch. Irgendjemand muss denen da hinten ja ihre Fragen beantworten.«
»Das können doch auch die Pressesprecher in der Zentrale morgen übernehmen.«
»Ich bleibe trotzdem.«
»Enthaltsam wie immer.«
»Richtig. Aber wir sehen uns ja morgen. Um acht auf einen Kaffee in der Zentrale?«
William nickte und ging zu dem Streifenwagen zurück, mit dem sie die Verfolgung bestritten hatten.
»Und viel Glück!«, rief er seinem Kollegen zu und deutete mit einer Kopfbewegung zu den Blitzlichtern der Kameras.
Er stieg ein und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Dann griff er nach den Zigaretten, die sich in seiner Manteltasche befanden, und steckte sich eine Kippe an.
Bevor er den Motor startete, warf er einen Blick aus dem Seitenfenster. Von der Brücke aus hatte man einen guten Blick auf die Skyline von Wayside. Im Finanzbezirk von High Castle ragten die Wolkenkratzer in den Nachthimmel hinauf. Die mächtigen Bollwerke aus Beton, Glas und Stahl erhoben sich wie Türme einer Festung. Ihnen voran stand die City Hall. Aus dem Rathausgebäude ragte ein hoher Turm, auf dessen Spitze eine bronzene Engelstatue ihre Flügel über die Stadt ausstreckte.
Für ihn war es kein neuer Anblick mehr und so startete William den Wagen, bevor die Reporter doch noch auf die Idee kamen, ihn mit Fragen zu bombardieren.