BLUTBOTSCHAFT
Sie waren alle tot.
Doch selbst nach all diesen Jahren ließen ihm die Geister der Vergangenheit keinen Frieden. Immer wieder krochen sie aus den dunkelsten Ecken seines geschändeten Bewusstseins hervor und begannen, in seinem Kopf zu wüten. Sie hämmerten von innen gegen seinen Schädel, tausendmal lauter und intensiver als ein Presslufthammer. Mit langen Krallen zerrissen sie das letzte bisschen Verstand, welches ihm über die Jahre geblieben war, und ließen nur blutige Fetzen zurück.
Auch diese Nacht war nicht anders.
Den Kopf in die Hände gelegt, starrte er auf den Boden des alten, schimmligen Apartments, welches er sein Zuhause nannte. Wie tief er doch über all die Jahre gefallen war. In seinem Kopf hörte er wieder ihre Stimme. Die Stimme seines Engels, den er verloren hatte.
Diese verkommene Welt hatte sie ihm entrissen.
Er blickte auf die Uhr an seinem Arm.
Es war Zeit.
Langsam erhob er sich. Seine müden Knochen machten sich bemerkbar, als er durch das Zimmer ging. Er zog sich Handschuhe, Mantel und Schuhe an und ging in die Küche. Dort nahm er das Messer aus der Halterung und steckte es in die große Außentasche seines Mantels.
Dann verließ er das Apartment und trat in die Nacht hinaus.
Er zog durch die Gassen und Nebenstraßen der Stadt, abseits vom Licht der Hauptstraßen und des Lebens.
Dies war seit jenem Tag seine Welt. Eine Welt der Schatten.
Das gleichmäßige Prasseln des Regens, der von dem wolkenverhangenen Nachthimmel fiel, klang wie Trommelschläge für ihn. Ein Teil von ihm wünschte sich, dass der Regen all die Geister, all die Erinnerungen und all den Wahnsinn wegspülen würde. Er wünschte sich, dass nach dieser Nacht die Wolken am Himmel und in seinem Kopf endlich zerbersten würden. Damit er im Licht der aufgehenden Sonne neugeboren würde, dass er all die Grausamkeiten, die er in diesem Leben gesehen hatte, vergessen könnte. Doch er wusste, dass es keinen Sonnenaufgang für ihn gab.
Nicht in dieser Welt und schon gar nicht in dieser Stadt.
Das Messer wog schwer in seinen knochigen Händen. Sein Körper war nur noch eine Hülle. Mitgenommen wie ein Fels, der über Jahrzehnte von den Gezeiten geformt worden war. Nicht viel mehr als ein Haufen Knochen, über die man einen großen Hautfetzen gezogen hatte.
Er betete, dass all dies bald ein Ende haben würde. Dass sie ihn finden würden, bevor er sein Ziel erreicht hatte. Denn dann wüsste er, dass nicht alles aussichtslos war.
Es war alles vorbereitet.
Uhrzeit und Aufenthaltsort seines Opfers hatte er genaustens einstudiert. Wie ein Geier ließ er den Mann nicht aus den Augen, der dort auf der anderen Straßenseite aus der Bar trat und an seiner Zigarette zog. Er sah ihm dabei zu, wie er den Stummel in einen Mülleimer schnippte und mit den Händen in der Jackentasche über die Straße lief. Dann bog der Mann in die Gasse ein, in der er auf ihn wartete.
Er drückte sich an die Hauswand und verschmolz mit der Nacht, als er an ihm vorbeiging. Die Schritte des Mannes beschleunigten sich automatisch in der Dunkelheit der Gasse. Sie liefen eilig über den nassen Asphalt. Sie wollten die Dunkelheit hinter sich lassen. Wollten wieder ins Licht. Doch er ließ es nicht dazu kommen.
Er glitt aus den Schatten, hob das Messer und vollführte sein Werk. Sein Opfer stieß einen Schrei aus, als er seine Hand auf den Mund des Mannes presste und das Messer ansetzte. Warmes Blut spritzte auf seinen Mantel und seine Handschuhe, doch es störte ihn nicht. All das Blut, das er über die Jahre gesehen hatte. Ein paar Liter mehr machten keinen Unterschied.
Gurgelnd erschlaffte der Körper des Mannes und fiel zu Boden.
Mit all seiner Kraft zog er den Leichnam hoch und zerrte ihn zur nächsten Hauswand. Mit der blutverschmierten Klinge zerschnitt er die Kleidung, bis die nackte Brust seines Opfers vom Regen benässt wurde.
Erneut setzte er das Messer an und vollendete sein Werk.