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Stefan Emmerichs

BLUTBOTSCHAFT

Kapitel 2

Die meisten Kollegen in der Zentrale hatten sich bereits in den Feierabend verabschiedet. Nur vereinzelt brannte noch Licht in der Abteilung der Mordinspektion. Es war halb zehn, als William Green von der Schreibmaschine aufsah und zu der Uhr an der Wand blickte. Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt, so lange auf der Arbeit zu bleiben, aber der Chief hatte ihm schon am Vormittag einen solch großen Berg an Papierkram bringen lassen, dass er sein Büro den ganzen Tag über kaum verlassen hatte. Seine Augen waren gereizt von dem Licht der Schreibtischlampe, die Luft war angereichert mit Zigarettenrauch. Sein Aschenbecher quoll über, ähnlich wie sein Schreibtisch. Er tippte noch einen Punkt hinter den Satz, dann lehnte er sich zurück und streckte die Arme in die Luft. Sein Rücken tat weh von dem stundenlangen Sitzen und seine Knöchel knackten unangenehm, als er die Finger dehnte.
Was ein langweiliger, zäher Tag. Aber irgendjemand musste die Arbeit erledigen. Und heute musste wieder er sich durch die Papierberge kämpfen.
Müde und ausgelaugt rieb er sich mit der Hand über das ölige Gesicht und den Stoppelbart, den er trug. Dabei lauschte er dem prasselnden Regen, der gegen die Fenster seines kleinen Büros schlug, bis ihn das Klopfen an der Tür ablenkte.
Er räusperte sich.
»Herein?«
Die Tür öffnete sich und Officer Simon Markham streckte sein dunkelhäutiges Gesicht durch den Türspalt.
»Guten Abend, Detective Green. Ich hoffe, ich störe nicht?«
»Abend, Officer, was gibt es?«
»Ich habe hier den Bericht fertig, den Sie von mir wollten«, sagte der Officer und hielt eine braune Mappe in die Höhe. »Zu dem Mord in Haborough, Sie erinnern sich?«
»Richtig.« William nickte. In Wirklichkeit hatte er es vergessen, aber bei der Menge an Arbeit, mit der er seit Wochen überhäuft wurde, war das wohl auch kein Wunder.
Und bei Markham konnte er sich immerhin sicher sein, dass die Arbeit, die man ihm auftrug, auch erledigt wurde. Gerade deswegen zählte er den Officer seit nun schon fünf Monaten zu seinen besten Leuten.
Er gähnte.
»Legen Sie den Bericht einfach irgendwo ab, wo Platz ist. Ich sehe ihn mir dann an, wenn ich hiermit fertig bin.«
Der Officer tat wie geheißen und legte die Mappe an die Tischkante, die einzig freie Stelle auf seinem Schreibtisch. Doch der Ordner geriet ins Wanken und drohte, eine Lawine aus Papieren auszulösen.
»Oh, Vorsicht!«
William griff nach dem Ordner, bevor dieser den Boden berühren konnte. Es half nichts, zwei weitere Papiere und sein Feuerzeug landeten auf dem Boden.
»Verzeihung, Detective!«
»Schon gut, Markham.« William hob die heruntergefallenen Dinge vom Boden auf. »Danke für den Bericht. Machen Sie bald mal Feierabend, ich brauche Sie morgen wieder in alter Frische, wenn dieser Berg hier irgendwann einmal schrumpfen soll.«
Der Officer tippte sich kurz an die Mütze.
»Habe verstanden, Detective. Dann einen schönen Abend.«
William nickte ihm zu, dann schloss Markham die Tür zu seinem Büro hinter sich. Er schaute auf den Bericht in seiner Schreibmaschine und auf die Unordnung in seinem Büro. In den letzten Wochen kam es ihm immer öfter so vor, als wäre er vom Detective zu einem Ablagestapel degradiert worden. Ein Stapel, auf dem der Chief einfach alle nervigen Aufgaben ablegen konnte, die sonst niemand in der Abteilung übernehmen wollte. Doch sich darüber aufzuregen, half jetzt wenig. Er musste diesen Bericht fertigbekommen. Daher zündete er sich noch eine neue Zigarette an und begann wieder zu tippen.
Es waren keine fünf Minuten vergangen, da klopfte es erneut an seiner Tür.
»Ja?«, fragte William, ohne von der Schreibmaschine aufzublicken.
Die Tür öffnete sich und wieder war es Officer Markham, der vor ihm erschien.
»Was gibt es denn noch, Markham?«
Er bemerkte, dass das Gesicht des Officers bleich geworden war. Etwas stimmte nicht.
»Wir … wir haben einen neuen Tatort, Detective«, stotterte der Officer.
William seufzte und erhob sich von seinem Stuhl, die Zigarette hing in seinem Mundwinkel. Den ganzen Tag hatte er auf etwas Abwechslung gehofft und jetzt, wo sie endlich da war, wollte er am liebsten in den längst überfälligen Feierabend gehen. Aber er war noch im Dienst und das bedeutete, dass er auch der Tatortmeldung nachgehen musste. Egal, dann würde er den Bericht eben erst morgen fertigbekommen. Das würde der Chief schon verstehen.
»Was ist es denn dieses Mal? Haben sich zwei Gangster in Oldbridge wieder gegenseitig die Köpfe eingeschlagen?«
Er wusste nicht, dass er diesen Scherz im nächsten Augenblick bereuen würde.
Markham schüttelte den Kopf.
»Nein, es ist Detective Harper. Seine Leiche wurde soeben in einer Gasse in High Castle gefunden.«