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Birgit Wichmann

Die Tränen der Vergebung

MONTPELLIER 1686 – DIE FLUCHT

Die Nacht ist schwarz. Am Himmel ist kein Stern zu sehen und auch der Mond ist von Wolken verhangen. Kein Laut durchbricht die Stille. So bemerkt auch niemand die vier Gestalten, die lautlos durch die Straßen von Montpellier huschen. Ihre Gesichter sind durch die schwarzen Kapuzen ihrer Umhänge verdeckt. Schon verschwinden sie in ein Haus und schließen lautlos die Tür.

Erleichterung macht sich breit. Die ältere der beiden Frauen löst ein kleines Buch aus ihrem Haarknoten und versteckt es schnell in dem Geheimfach eines Hockers. Dann geht sie in die Küche. Die beiden Männer und die jüngere der beiden Frauen gehen in den Wohnraum. Der ältere Mann richtet sein Wort an das junge Mädchen. „Elisabeth, geh Maman beim Abendessenmachen zur Hand.“ Das Mädchen nickt gehorsam und geht dann in die Küche. Die zurückgebliebenen Männer unterhalten sich leise. Der Wortwechsel wird heftiger. Die Augen des jungen Mannes blitzen vor Zorn und seine Hände sind vor unterdrückter Wut geballt. Er kann sich offenbar nur mühsam beherrschen. Beschwichtigend redet der Ältere auf ihn ein. Doch der junge Mann läuft aufgeregt im Raum hin und her. Der Raum ist nur schwach beleuchtet und die Schatten an der Wand sind die einzige Zierde. Da stehen auch schon die beiden Frauen in der Tür. „David und Johannes, bitte zu Tisch“, sagt die Ältere, die einen dampfenden Topf in der Hand hält. Elisabeth steht mit den Tellern und den Löffeln schüchtern hinter ihr. „Ja, mon Coeur, ich hole nur noch schnell ein Baguette aus dem Laden.“ Rasch entfernt sich der Mann. Der mit Johannes angesprochene setzt sich an den einfachen Holztisch mitten im Raum. Die Mutter stellt den Topf auf den Tisch und nimmt den Deckel ab. Schnuppernd beugt sich Johannes über den Topf. „Eine Gemüsebouillon Maman. Genau das Richtige bei diesen kalten Temperaturen.“ Die Mutter will ihn, mit einem Lächeln im Gesicht, vom Topf wegdrängen. „Johannes warte bis Papa mit dem Baguette wieder da ist.“ Mit einem vorgetäuschten schuldbewussten und gleichzeitig verschmitzten Lächeln antwortet dieser: „Jawohl Maman.“ Die Mutter fährt ihm mit der Hand kurz durch das Haar: „Kindskopf.“ Elisabeth verteilt still Teller und Löffel auf dem Tisch. Dann setzt sie sich und hält den Kopf gesenkt. Schon betritt der Vater den Raum und legt das Baguette auf den Tisch. Dann setzt auch er sich. Catherine folgt ihm nach. Die nun eintretende Stille ist unheimlich. Die vier sitzen nach außen hin stumm am Tisch. Die Hände sind gefaltet. Niemand, der von außen durch die Fensterladen hereinsieht, würde bemerken, dass diese Personen ein Tischgebet sprechen. Still bekennen sie sich zu ihrer Religion des Herzens. Sie tragen schwarz, also die klassische Hugenottentracht und beten stumm als Zeichen der entritualisierten häuslichen Andacht. So leisten sie passiven Widerstand, weil ihr öffentliches Religionsbekenntnis verfolgt und eine Gefahr für Leib und Leben darstellen würde. Da tönt auch schon ein leises „Amen“ aus vier Kehlen. Der Vater greift zum Brot, bricht sich ein Stück ab und legt das abgebrochene Stück dann neben sich. Er reicht das Brot an die Mutter, diese gibt es an Johannes und er schließlich an seine Schwester Elisabeth. Sie bröckeln das Brot in die Suppe und beginnen, diese zu essen.