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Birgit Wichmann

Die Tränen der Vergebung

IRRWEGE – ANDUZE UND MIALET

Seit 1560 hat Anduze bereits Stadtrecht und wird auch ‘Kleines Genf’ genannt. Enge Gassen durchziehen die Stadt und es herrscht ein reges Treiben. David, Catherine und Elisabeth drängen sich durch das Gewirr von Menschen. Nur nicht auffallen. Unruhig schauen sie sich um. Es wimmelt von Soldaten des Königs in der Stadt. Von Sicherheit kann keine Rede sein. Vorsichtig nähern sie sich dem Tempel der Hugenotten. Auf dem Platz vor der Kirche herrschen ein reges Treiben und ein erregtes Stimmengewirr. Was ist hier los?
Sie betreten staunend den Tempel. Für einen kurzen Moment vergessen sie ihre Situation. Der Tempel wurde bereits 1600 auf dem Boden der ehemaligen katholischen Kirche erbaut. Er verfügt nur über eine ganz einfache und doch grandiose Architektur. Er ist quadratisch und hat einen Umfang von 22,8 m². Gleich nebenan befindet sich ein Glockenturm. Im Inneren gibt es einen einzigen Rundbogen. Die Kanzel befindet sich ganz hinten im Kirchenraum und ist umgeben von den Bänken der Hauptmänner und der Räte. Im Innenraum gibt es zwei Flügel. Links sitzen die Männer, rechts die Frauen. Dieser Tempel kann zweitausend Gläubige aufnehmen. Da zieht Elisabeth am Ärmel ihres Vaters. „Papa, ich glaube, da hinten sitzt Pierre.“ Suchend schaut sich David um und tatsächlich sieht er in einem dunklen Winkel im hinteren Teil des Kirchenraumes einen Mann sitzen, der Pierre ähnlich sieht. „Unsinn Elisabeth. Calvin, Theresia und Nicolaus müssten in der Nähe sein. Doch sie sind nirgends zu sehen.“ Doch Elisabeth gibt nicht auf. „Es ist Pierre Papa. Er sieht sehr müde aus.“ Jetzt wird auch Catherine aufmerksam. „Sie hat recht David. Es ist Pierre. Lass uns zu ihm gehen.“ Schon drängen sich Elisabeth und Catherine durch die Menge der Gläubigen. David folgt ihnen, immer bemüht sie nicht aus dem Auge zu verlieren. Unbehaglich wie ihm ist, schaut er sich immer wieder um. Irgendetwas stimmt hier nicht!

Schon läuft Elisabeth auf Pierre zu und ruft: „Pierre, Pierre, schön dich wiederzusehen.“ Der mit Pierre Angesprochene schaut erschrocken auf. Elisabeth bleibt abrupt stehen. Es ist tatsächlich Pierre, aber wie hat er sich in den wenigen Stunden verändert. Sein graues Haar hängt wirr herunter und die Augen blicken leblos und traurig. Er sitzt in einer Ecke auf kaltem Stein und scheint auf das jüngste Gericht zu warten. Doch blitzt kurz ein Erkennen aus seinen Augen. Er will aufstehen, fällt aber wieder zurück. Rasch greifen ihm Catherine und Elisabeth unter die Arme. „Ganz ruhig Pierre. Nicht überanstrengen. Was ist passiert?“, fragt David ihn, während sich Catherine und Elisabeth neben ihn setzen. Mitleidsvoll schauen sie ihn an.