Die Tränen der Vergebung
Die Legrandes gehen zu ihrem Haus zurück. Wortlos umarmt Elisabeth erst ihre Mutter und dann ihren Vater. „Viel Glück, mein Kind“, geben die beiden ihr noch mit auf den Weg. „Euch auch. Wir sehen uns in Mons.“ Dann ergreift sie die beiden bereitstehenden Taschen und verlässt gesenkten Kopfes das Haus. Sie hat einen dicken Kloß im Hals. Doch sie dreht sich nicht mehr um. Als sie an der Mühle ankommt, wartet Calvin schon auf sie. Er bittet sie auf dem Karren Platz zu nehmen und versteckt die beiden Taschen unter dem Sitz. Zur Tarnung packt er zwei Mehlsäcke darauf. Dann ergreift er das Halfter des Esels und führt ihn von der Mühle Richtung Süden fort. Endlich taucht vor ihnen die Brücke auf, über die sie die Rhone überqueren wollen. Und damit steht auch die erste Herausforderung an, denn Dragoner bewachen die Brücke. Calvin sieht kurz auf Elisabeth. Doch die nickt nur kurz zurück und so geht das Gespann auf die Brücke zu. Als sie die Brücke überqueren wollen, werden sie barsch angehalten.
Dragoner: „He da, wohin des Wegs?“
Calvin: „Mehl ausliefern nach Mons. Der Händler wartet bereits. Wir sind spät dran.“
Dragoner: „Mehl ausliefern also. Was habt ihr auf eurem Wagen?“
Calvin: „Mehlsäcke und etwas Proviant. Bitte Herr wir haben einen weiten Weg. Lasst uns passieren. Wenn ich nicht pünktlich liefere, kauft der Händler woanders.“
Den Karren begutachtend geht der Dragoner betont langsam um ihn herum. Doch er findet nichts Auffälliges. Elisabeth sitzt mit einem Bündel auf den Mehlsäcken, unter denen sich ihre Taschen befinden.
Dragoner: „Und die Frau da. Wer ist sie?“
Calvin, sich an den Dragoner wendend, flüstert ihm vertrauensvoll ins Ohr: „Sie ist sehr eifersüchtig. Deshalb muss ich sie ab und zu mitnehmen. Es ist die meinige. Ihr versteht.“ Dabei zwinkert Calvin mit einem Auge dem Dragoner zu. Der Dragoner lacht hell auf. Dann ruft er laut: „Ihr könnt passieren.“
Erleichtert greift Calvin wieder zum Halfter des Esels und führt ihn über die Brücke. Elisabeth hält den Kopf gesenkt. Sie sehen sich nicht mehr um. Als die Dragoner nicht mehr zu sehen sind, wendet sich Calvin an Elisabeth.
Calvin: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut funktioniert. Du?“
Elisabeth schüttelt den Kopf. „Nein, ich dachte, sie machen uns mehr Schwierigkeiten. Große Mühe, den Wagen zu durchsuchen, haben sie sich nicht gegeben. Wie ist dein Plan für diese Reise?“
Calvin: „In spätestens drei Tagen sind wir in Mons. Wir werden in keiner Herberge übernachten, sondern im Wald. Es gibt viele Pinienwälder, die ziemlich undurchdringlich sind. Ich bin oft mit meinem Vater hier entlang gefahren und kenne die Plätze. Zu essen haben wir genug. Wenn nicht noch mehr Dragoner unterwegs sind, wird es eine angenehme Reise Elisabeth.“
Elisabeth: „Nehmen meine Eltern den gleichen Weg?“
Calvin: „Nein, sie nehmen die Nordroute. Erst Richtung Lyon und dann über die Rhone, um anschließend nach Süden und dann wieder nach Osten zu ziehen. Man muss kleine Haken schlagen, um seine Absichten zu verschleiern. Unsere Route ist leichter. Ruh dich aus. Du wirst deine Kräfte noch brauchen.“
Elisabeth: „Calvin, ich habe noch eine Frage. Was macht so eine Zofe eigentlich?“
Calvin muss sich das Lachen verkneifen, dann antwortet er spöttisch: „Keine Ahnung Elisabeth. Ich war noch keine.“