Einmal nach Amsterdam
Paarweise standen die Bewohner des Blocks 413 an der Haltestelle und warteten. Loïc nahm Hiras Hand schon Minuten bevor der Bus ankam. So konnte er ihr den Einstieg erleichtern, ohne dass sie um Hilfe bitten musste und ohne dass jemand merkte, wie schwach sie war. Er blickte sich um, hob den Kopf nur langsam und nur ein Stückchen. Nicht aufzufallen war die beste Überlebensstrategie.
Sein Blick blieb an der großgewachsenen Frau aus dem Erdgeschoss hängen. Sie wirkte weniger schwach. Seit einigen Wochen erst hatte sie einen neuen Partner, genauer gesagt, eine Partnerin. Loïc musterte die schlanke Frau, die liebevoll einen Arm um sie gelegt hatte. Er hatte sich für sie gefreut, als ihm aufgefallen war, dass sie nicht mehr mit diesem Spanier zusammen war, denn er hatte die blauen Flecken bemerkt. Er lächelte kaum merklich und senkte den Blick wieder zu Boden.
Es war in der Saar-Lux-Kooperative mit einigen bürokratischen Hürden verbunden, wenn man den Partner wechseln wollte. Es gab nur Doppelzimmer und die Kooperative wurde nicht müde, zu betonen, dass es für das seelische Wohlergehen der Arbeiter wichtig war, eine feste Sozialstruktur zu haben. Die Paarstruktur war das Optimum des Zusammenlebens. Dabei war es egal, ob es sich um ein Liebespaar oder eine andere Zweckgemeinschaft handelte. Jeder hatte einen Partner. Niemand war allein. Sie wollten es nicht Familie nennen, denn Kinder waren den Arbeitern der Saar-Lux-Kooperative natürlich nicht erlaubt.
Immerhin gab es die offizielle Prozedur zum Partnerwechsel. Loïc hatte sich nie wirklich damit befasst, denn für ihn kam das nicht infrage.
Er drückte Hiras Hand ein winziges bisschen fester. Er war froh, dass sie sich gefunden hatten, in all dem Chaos, bei all der schweren Arbeit. Hira war sein Lichtblick in einer herzlosen Welt. Sie war sein Beweis dafür, dass die Kooperative recht hatte, wenn sie behauptete, dass feste Sozialstrukturen den Arbeitern guttaten.
Im Bus legte sie ihren Kopf an seine Schulter. Nach einer Zwölfstundenschicht war es im Bus sehr still, besonders an einem Samstag. Auch er nutzte die 20 Minuten Ruhe für ein Nickerchen.
Als die Türen sich am Festivalgelände öffneten, hatte Loïc den Eindruck, dass Hira fest eingeschlafen war. Er wartete ab, bis alle ausgestiegen waren, bevor er sie sanft an der Schulter berührte. Die halbe Minute wollte er ihr noch gönnen. Er brachte es erst übers Herz, sie zu wecken, als der Busfahrer hupte, um die letzten Fahrgäste nachdrücklich zum Aussteigen zu bewegen.
Das allwöchentliche Festival war eine Quälerei für die meisten Arbeiter der Saar-Lux-Kooperative. Theoretisch war die Anwesenheit freiwillig. Loïc und Hira nahmen immer teil, weil es eine kostenlose Mahlzeit gab, die nicht nach Sägespänen schmeckte und die sie sich sonst nicht leisten konnten.
Loïc führte Hira zu einer Bank.
„Ich stell mich an!“ Er lächelte und griff nach ihrer ID-Karte. Hira erwiderte dankbar sein Lächeln. Vor ein paar Monaten noch hatte sie hin und wieder darauf bestanden, sich in die Schlange zu stellen. Aber ihr Stolz und ihr Wunsch nach Gleichberechtigung waren einer bleiernen Erschöpfung gewichen. Loïc versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie zuletzt das Ecstasy genommen und in die Nacht hineingetanzt hatten. Er erinnerte sich nicht. Für viele war die stimmungsaufhellende Droge, die von der Saar-Lux-Kooperative angeboten wurde, das Highlight der Woche. Aber sie waren beide nicht so richtig der Typ dafür.
Während er in der Schlange stand, wünschte er sich, Hira würde wieder tanzen. Was die offiziell nicht messbare Strahlung in der Cattenom-3-Zone mit ihrem Körper anstellte, wirkte sich bei Loïc eher auf das Gehirn aus. Ständig hatte er Gedächtnislücken.
Als Loïc die beiden Teller in den Händen hielt, verflogen seine negativen Gedanken. Die Kooperative hatte ihr allwöchentliches Versprechen wieder einmal wahr gemacht. Es gab echte grüne Bohnen und Kartoffelpüree.
Hira strahlte ihn an, als er ihr den Teller reichte. Es waren nicht viele Worte nötig zwischen ihnen. Sie kannten sich seit Kindergartentagen und arbeiteten seit ihrem 14. Lebensjahr in derselben Kolonne, lebten gemeinsam in einer winzigen Etagenwohnung und hatten sich geschworen, sich niemals zu trennen. Der Anblick von Hira, die mit der Plastikgabel Bohnen zum Mund führte, versetzte Loïc einen Stich ins Herz, denn er bemerkte, was niemand sah. Er bemerkte, was sie nicht zugeben wollte. Hira hatte Schmerzen.
Sie aßen langsam, kauten genüsslich. Dann saßen sie eine Stunde lang da und schauten den Tänzern zu, die sich für das Ecstasy entschieden hatten. Bei einem Lied, das Hira kannte, wiegte sie den Kopf im Rhythmus der Musik. Alles in allem war es ein guter Abend. Grüne Bohnen, kein Regen, die Aussicht auf den freien Sonntag. Was wollten sie mehr?
Loïc und Hira standen bereits in der Warteschlange für den ersten Bus mit der Nummer 413 zurück in Richtung Wohnstadt, als die Musik verstummte.
Jemand klopfte zweimal auf ein Mikrofon. „Test, Test.“ Eine Frauenstimme erklang. „Die Verwaltung der Kooperative hat großartige Neuigkeiten für euch. Es gibt eine Jobausschreibung für alle Paare, die sich für einen Ortswechsel interessieren.“
Hira drehte den Kopf in Richtung der Stimme, obwohl sie die Bühne von der Bushaltestelle aus nicht sehen konnten.
„Das ist eure Chance auf eine Reise, auf einen Tapetenwechsel, auf einen Aufbruch in eine neue Welt“, rief eine weibliche Stimme über Lautsprecher. „Wer von euch wollte immer schon mal nach Amsterdam reisen?“
Die Menge lachte. Alle wussten, dass Amsterdam bereits seit knapp vier Jahren nach einer Reihe Tsunamis und Dammbrüchen überflutet war.
„Es ist kein Scherz!“ Die Stimme übertönte die lachende Menge. „Wir suchen Taucher für Bergungsarbeiten. Es ist keine schwere Arbeit. Mindestlohn plus.“
Hira trat einen Schritt zur Seite und gab damit ihren Platz in der Schlange auf.
„Amsterdam“, flüsterte sie und zog Loïc mit sich.
Vor dem Registrierungsschalter hatte sich eine überschaubare Schlange gebildet.
„Wir müssen es versuchen“, flüsterte Hira mit eindringlicher Stimme. „Bitte, sag ja!“
„Sonntags?“ Loïc seufzte.
„Dafür stehe ich gerne etwas früher auf.“ Hira drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Bitte!“
Loïc presste die Lippen zusammen.
„Amsterdam“, flüsterte Hira noch einmal. „Ich wollte immer schon einmal nach Amsterdam!“
Natürlich wusste Loïc, dass sie seit ihrer Kindheit davon geträumt hatte, nach Amsterdam zu reisen. Während die anderen Kinder von Amerika oder von den bunten Spielkasinos in Hongkong geträumt hatten, sich an den Schauplätzen der japanischen Cartoons sahen oder die letzten Regenwälder in Borneo und Venezuela besuchen wollten, hatte Hira von den Kunstmuseen in Amsterdam geschwärmt. Wahrscheinlich war diese eigenwillige Sehnsucht ein Grund dafür, dass Loïc Hira so faszinierend gefunden hatte. Sie war ein seltsames Kind gewesen.
Während die anderen Kinder auf den Müllhalden kaputtes Spielzeug sammelten und notdürftig reparierten, las Hira in alten Kunstmagazinen, die sie in einem Bunker gefunden hatte. Damals schon hatte Loïc von ihr erfahren, was der Unterschied zwischen Expressionismus und Impressionismus war und warum sich Van Gogh ein Ohr abgeschnitten hatte. Allein die Tatsache, dass er ihr zuhörte, machte wohl auch aus ihm ein seltsames Kind.
„Einverstanden. Wir hören es uns an. Aber wir unterschreiben erst einmal nichts“, sagte er streng.
„Klar“, sagte Hira schnell und hopste wie ein ungeduldiges Kind.
„Wir müssen das Angebot sehr gründlich prüfen“, betonte Loïc, während sie sich in die Schlange der Interessenten einreihten. Es war nicht das erste Mal, dass es neue Jobangebote gab. Sie alle hatten einen Haken. Die wirklich attraktiven Angebote wurden gar nicht erst an die normalsterblichen Arbeiter weitergegeben.
„Klar“, wiederholte Hira.
„Ich will bloß nicht, dass du dir zu große Hoffnungen machst.“
„Mache ich nicht“, beteuerte Hira.
Als sie später im Bus nach Hause saßen, saß Hira aufrecht und erzählte ihm etwas über Rembrandt.
Er blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Wir sollten uns erst mal keine zu großen Hoffnungen machen.“
„Ich weiß“, sagte sie.
Aber Loïc wusste es besser. Und er konnte es ihr nicht einmal verübeln. Ihr Leben war geprägt von Resignation, um nicht zu sagen Hoffnungslosigkeit. Sie fieberten während sechs Tagen mit Zwölfstundenschichten einem dämlichen Tanzabend und einem Sonntag entgegen, den sie meist verschliefen. Die Kooperative bestimmte, welche Freizeitaktivitäten sie ausübten, wo sie wohnten, was sie einkauften und wie ihre Familienplanung aussah – beziehungsweise wie nicht. Eine Ausreisegenehmigung aus der Cattenom-3-Zone zu bekommen, war aussichtslos. Nicht einmal Menschen, die Angehörige außerhalb hatten oder schwer krank waren, erhielten eine solche Genehmigung.
Angehörige hatten Loïc und Hira ohnehin nicht. Beide waren im Arbeiternachwuchsprogramm aufgewachsen und wussten nicht, wer ihre biologischen Eltern waren.
Deshalb hielt sie aber auch nichts hier in diesem hässlichen Industriequartier, dessen Reststrahlung von einem Reaktorunfall aus längst vergangenen Zeiten wahrscheinlich auch ohne die täglichen Pillen dafür gesorgt hätte, dass sie keine Kinder bekamen.
„Amsterdam“, flüsterte Hira noch einmal, als hätte sie seine Gedanken verfolgt.
Nichts hielt sie hier.
Hira stand vor dem Wecker auf, den sie auf zehn Uhr gestellt hatte. Sie bewegte sich vorsichtig und deshalb tat Loïc so, als schlafe er noch.
Dunkel konnte er sich an seinen Traum erinnern, in dem er gemeinsam mit Hira in einem Laden gestanden hatte, der Holzschuhe verkaufte. Sie hatten wunderschön ausgesehen. Bunte Tulpen und Windmühlen waren darauf gemalt. Aber als Loïc die Holzschuhe anprobieren wollte, funktionierte das nicht. Es war eine dieser merkwürdigen Traumszenen, in denen einfachste alltägliche Bewegungen schwerfallen. Wie durch Pudding bewegte er seine Beine und Arme, schaffte es aber nicht, die Schuhe anzuziehen.
Jetzt, da er mit geschlossenen Augen da lag, kam er sich dumm vor, weil er im Traum nicht gleich erkannt hatte, dass es sich um einen Traum handelte. Dann aber dachte er über Holzschuhe, Tulpen und Windmühlen nach. Das waren die Klischees, die Hira aus einem Kinderbuch über Amsterdam und Holland kannte. Sie hatten es als Kinder gemeinsam gelesen. Ob es tatsächlich noch Tulpen dort gab?
Als er Hira in der Küche rumoren hörte, öffnete er die Augen. Die Küche, die gleichzeitig Wohnzimmer und Esszimmer war, hatte keine Tür. Deshalb hörte er, dass Hira den Unterhaltungsbildschirm anstellte. Auf der leisesten Stufe, um Loïc nicht zu wecken.
Nun konnte Loïc sie am Küchentisch hantieren sehen. Während sie eine Packung Frühstücksbrei anrührte, der angeblich nach Zimt und Haferflocken schmecken sollte, schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Hatte sie auch von Amsterdam geträumt? Das Lächeln war ein gutes Zeichen.
Im Unterhaltungsprogramm lief wie jeden Sonntagvormittag eine Reihe von alten Cartoons, unterbrochen von Nachrichtensendungen. Auf den anderen Kanälen hatte sie die Auswahl zwischen historischen Tierdokumentationen und Sportsendungen.
Als Loïc schließlich aufstand und sich zu Hira gesellte, umarmte sie ihn ungewohnt kräftig.
„Guten Morgen, mein Sternchen“, sagte er und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Ich war nicht mehr müde.“
„Weil du es nicht abwarten kannst und du die erste sein willst.“
Hira kicherte. Er hatte sie durchschaut. „Weil du mein Partner bist und ich dich liebe“, sagte sie mit gespielt beleidigtem Blick.
Dann hopste sie die zwei Schritte durch die Küche in den etwa einen Quadratmeter großen Flur, von dem aus vier Türen abgingen. Bis auf die Eingangstür der Wohnung waren alles Schiebetüren. Wer auch immer sich die Architektur dieser Arbeiterwohnungen ausgedacht hatte, war akribisch gewesen. Kein Millimeter war verschwendet.
Hira verschwand im Bad. Loïc aß den Frühstücksbrei und ertappte sich dabei, wie er über eine alberne Cartoon-Szene im Unterhaltungsprogramm lachte. Offenbar tat auch ihm dieser kleine Funken Hoffnung gut.
Hira schlüpfte mit gekämmten Haaren ins Schlafzimmer und überließ ihm das Bad. Loïc gähnte ausgiebig, bevor er die Zahnbürste in seinen Mund schob. Mit einer Hand putzte er die Zähne, mit der anderen schob er seine Unterhose zurecht, um in die Toilettenschüssel zu urinieren, die so perfekt zwischen Dusche und Waschbecken angebracht war, dass sich nur eine Person gleichzeitig in dem Raum aufhalten konnte.
„Ob die Badezimmer in Amsterdam auch so eng sind?“, fragte Hira.
Loïc spuckte den Zahnpastaschaum ins Waschbecken und warf ihr einen tadelnden Blick zu.
„Ich weiß“, murmelte Hira. „Keine Hoffnungen machen.“
Loïc spülte den Mund aus, wischte sich mit einem Handtuch durch das Gesicht. „Wir nehmen den Bus um eins.“