← Zurück zum Buch
J.D. Miles

The Ever Tale

Kapitel 1

»Na, wie war es?«, fragte seine Mutter, die ihn von der Praxis abholte.
Joshua stieg hinten ins Auto ein, dessen wohlige Wärme ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Er schnallte sich an und wünschte sich dabei, endlich dreizehn zu werden, damit er vorne sitzen konnte. »Ganz gut«, nuschelte er, wobei er sich bemühte, seiner Mutter nicht ins Gesicht zu bli-cken. Sie wusste immer genau, wann er log.
Doch Susan Freeman konzentrierte sich bereits wieder auf den Verkehr. Durch den vielen Regen geriet die Fahrt immer wieder ins Stocken, und sie kamen nur sehr langsam voran.
»Was gibt´s zu essen?«, fragte Joshua, der allmählich Hunger bekam. Er war gleich von der Schule zur psychiatrischen Praxis von Doktor Hudson gegangen und da der Klassenfiesling Garry Randall ihm heute Morgen mal wieder sein Pausenbrot geklaut hatte, hatte er noch nichts gegessen.
»Es tut mir leid, Spatz, ich hatte noch keine Zeit etwas einzukaufen«, antwortete seine Mutter und sah ihn entschuldigend im Rückspiegel an. »Wie wäre es, wenn wir uns etwas von Wendy`s holen?«
»Yeah!«, rief Joshua. Er liebte Hamburger, ganz besonders Cheeseburger. Die knisternde Verpa-ckung, die weichen Brötchen, der zerlaufene Käse, die lauwarmen Pommes, all das gehörte zu seinem Alltag, seit sich seine Eltern getrennt hatten.

Wenig später saßen sie im Fastfood Restaurant. Joshua biss herzhaft in seinen Burger hinein, wäh-rend seine Mutter lustlos in ihrem Salat herumstocherte. Die Neonbeleuchtung brachte die dunklen Schatten unter ihren Augen zum Vorschein und Joshua stellte fest, dass sie stark abgenommen hatte.
»Manchmal bist du deinem Dad wie aus dem Gesicht geschnitten«, bemerkte sie und riss ihn aus seinen Gedanken. »Dein Haar und deine Augen haben das gleiche Braun und auch das Grübchen am Kinn hast du von ihm geerbt. Eines Tages wird aus dir ein gutaussehender, junger Mann werden.«
Joshua blickte verlegen auf den hellen Resopaltisch, dessen Oberfläche völlig zerkratzt war.
»Darf ich dich etwas fragen?« Sie betrachtete ihn über den Tisch hinweg.
Er nickte stumm.
»Was genau sind das für Wesen, die du siehst?«
Joshuas Kopf zuckte hoch und er sah seine Mutter erstaunt an. Bisher war dieses Thema immer Auslöser für einen Streit zwischen ihnen gewesen und nach einer Weile hatte er es aufgegeben ihr etwas erklären zu wollen. »Willst du das wirklich wissen? Und du wirst mich auch nicht anschreien?«, hakte er misstrauisch nach.
»Versprochen«, antwortete sie und kreuzte zum Beweis die Finger.
Joshua holte tief Luft, während ihm klar wurde, dass seine Mutter ihm möglicherweise glauben würde, wenn sie erst einmal alles wusste. Dass er dann vielleicht nie mehr zu Doktor Hudson in die Praxis musste. »Es hat angefangen, als Kate krank wurde«, begann er hastig zu erzählen und vergaß den Cheeseburger, den er nach wie vor in der Hand hielt. »An dem Nachmittag ging es ihr von der Chemotherapie sehr schlecht. Sie hat viel geweint und du bist rausgelaufen, um einen Arzt zu suchen.«
Joshua erinnerte sich wieder an den Tag, der genauso grau und trostlos gewesen war, wie der, den er heute erlebt hatte. Er sah sich selbst am Krankenbett seiner neunjährigen Schwester sitzen, nicht wissend, was er ihr sagen oder wie er sie trösten sollte. Er hatte still dagesessen und inbrünstig gehofft, dass ein Wunder geschehen und es ihr bald wieder bessergehen würde, als plötzlich ein kleiner grüner Wicht auf der Bettdecke erschienen war. Joshua dachte schon, er hätte sich das eingebildet, da fing das Männchen an zu sprechen. »Hey, du da! Weißt du, wo es hier etwas zu essen gibt?«
»Keine Ahnung«, antwortete Joshua perplex.
Der kleine Kerl war keine fünf Zentimeter groß und war von Kopf bis Fuß so grün, wie der Frosch, den er und Kate letzten Sommer in den Ferien gefangen hatten. Das Männchen hatte kurze, borstige Haare auf dem Kopf und stechend violette Augen. Das Komische an ihm war, dass er uralt und gleichzeitig wie ein Kind aussah.
»Mit wem redest du denn da?«, fragte Kate und sah sich um.
»Siehst du ihn nicht?«
»Nein, wen denn?«
»Na, das kleine grüne Männchen da«, sagte Joshua und zeigte auf den Gnom.
»Hey, ich bin nicht klein!«, protestierte dieser lautstark, während er seine dünnen Ärmchen drohend in die Luft reckte.
»Verzeihung«, murmelte Joshua.
»Ich sehe aber nichts«, sagte Kate. Ängstlich starrte sie auf ihre Bettdecke. »Ist das wieder so ein doofer Streich von dir?«
Joshua blickte sie sprachlos an. Klar und deutlich konnte er das grüne Männchen sehen, das nach wie vor auf kurzen Beinen auf der Bettdecke stand und ihn zornig anfunkelte. »Bevor ich es Kate erklären konnte, bist du wieder zurückgekommen«, beendete er seine Erzählung. »Ein Arzt folgte dir und ich musste rausgehen, damit er Kate untersuchen konnte. Draußen im Flur habe ich gehört, wie sie immer wieder gefragt hat, ob ihr ein kleines grünes Männchen sehen könnt.«
»Ich erinnere mich«, sagte seine Mutter traurig lächelnd. »Wir glaubten, dass es eine Nebenwirkung von den starken Medikamenten sei. Halluzinationen oder etwas in der Art. Natürlich sind wir nicht darauf gekommen, dass du damit etwas zu tun haben könntest.«
Joshua biss sich auf die Zunge. Beinahe hätte er erwidert, dass sie ihn damals die meiste Zeit eh nicht bemerkt hatten. Kates Leukämie war es gewesen, über die sie sich Tag und Nacht unterhalten hatten. »Danach kamen immer mehr Geschöpfe dazu«, erzählte er weiter. »Feen und Wirdos, das sind geflügelte Wesen, Kobolde, Wichte und viele andere. Ich kann sie sehen und sie sehen mich. Manche verstehe ich, andere sprechen Sprachen, die ich noch nie gehört habe. Die meiste Zeit versuche ich einfach nicht hinzusehen. Dann wer-den sie wütend und schimpfen, aber ich habe mich daran gewöhnt. Irgendwann lassen sie mich in Ruhe. Nur Élodie, die Wunschfee, ist ganz nett zu mir. Sie weiß viele Dinge über Kinder. Sie hat mir auch etwas über Doktor Hudsons Tochter Alice erzählt. Doktor Hudson fand das aber nicht so toll.« Joshua verstummte abrupt und ritzte mit seinem Daumennagel die Kerben auf dem Tisch nach. Er traute sich nicht, seiner Mutter ins Gesicht zu sehen. »Glaubst du mir?«, fragte er leise.
»Ich weiß es nicht, Josh, ich weiß es einfach nicht«, antwortete sie zögernd.
Joshua drückte seinen Daumennagel so stark in die Kerbe, bis es wehtat und sich seine Augen mit Tränen füllten. Wenn seine eigene Mutter ihm schon nicht glaubte, wer sollte es sonst tun?
»Das hört sich alles so ungewöhnlich an, ich kann mir das nicht vorstellen«, sagte sie unsicher. »Vielleicht siehst du diese Wesen ja wirklich, vielleicht ist es deine Art mit den Dingen umzugehen. Ich weiß es nicht. Ich würde dir so gerne glauben.«
»Dann tu es doch einfach!«, schrie Joshua und konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. »Ich sage die Wahrheit!«
Noch bevor seine Mutter ihm antworten konnte, rannte er hinaus. Er wollte einfach nur weg. Weit weg, wo ihn niemand mehr komisch ansah und dachte, er sei verrückt geworden.