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J.D. Miles

The Ever Tale

Kapitel 1

Joshua wurde von hellen Sonnenstrahlen geweckt, die schräg auf seine Bettdecke fielen. Er reckte sich und stellte überrascht fest, dass er frisch und ausgeruht war. Die heftigen Schmerzen, die ihn seit der Begegnung mit den Pa`an begleitet hatten, waren zu einem erträglichen Ziehen abgeebbt. Susu, der sich neben ihm zusammengerollt hatte, schnarchte noch leise, so dass Joshua vorsichtig die Decke zurückschlug und aufstand. Yael war bereits wach und begrüßte ihn schwanzwedelnd.
»Komm, wir schauen, was es zu essen gibt«, flüsterte Joshua und ging mit der Wölfin hinüber zu dem niedrigen Tisch, der unter den vielen Speisen beinahe verborgen war. Hungrig langte er zu und fütterte Yael nebenher, der besonders der saftige Schinken zu schmecken schien. Während des Essens beschloss er nachzusehen, wo Amnaya und ihr Gefolge abgeblieben waren, als es laut klopfte. Erstaunt ging er zur Tür. Im gleißenden Sonnenlicht stand ein Junge, der etwa genauso alt war wie er selbst. Auch in Größe und Statur waren sie sich ähnlich. Mit dem einzigen Unterschied, dass der rechte Arm sowie das hellbraune Haar des anderen Jungen komplett aus Holz bestanden. Sein ovales Gesicht war braungebrannt, die mandelförmigen, grünen Augen blitzten schalkhaft und auf der geraden Nase hatte er ein paar Sommersprossen, die aussahen, als hätte sie jemand darüber gestreut.
»Hey, ich bin Kor. Meine Mutter schickt mich, damit ich dir alles zeige«, sagte der Junge und grinste Joshua an. Die Hände tief in den Taschen seiner kurzen, grasgrünen Hose, stand er da und musterte ihn neugierig. Dann blieb sein Blick an Yael hängen. »Wow, ein richtiger Wolf! Ich habe schon gehört, dass du einen haben sollst. Aber so ganz glauben konnte ich es nicht«, sagte Kor. »Kann ich ihn mal streicheln?«
Yael trat einen Schritt zurück und gab ein warnendes Knurren von sich, so dass Kor seine Hand hastig wieder zurückzog. »Wie ich sehe, passt er gut auf dich auf.«
»Muss sie das denn?«, fragte Joshua feindseliger, als er es beabsichtigt hatte.
»Keine Sorge, ich fresse dich schon nicht«, sagte Kor grinsend. »Wie gesagt, meine Mutter will, dass ich dir alles zeige und dich ein bisschen rumführe und so. Aber wenn du nicht willst, ist das auch kein Problem.« Er machte Anstalten zu gehen.
»Warte, ich komme mit«, sagte Joshua schnell, »aber ich muss noch jemanden holen.« Rasch trat er zurück ins Haus, griff sich den schlafenden Ninn und zog die Tür hinter sich zu.
Susu, der dadurch unsanft geweckt worden war, blinzelte und schnatterte verärgert.
»Was ist denn das?«, fragte Kor und betrachtete Susu, der mit zusammengekniffenen Augen immer noch ärgerlich dreinblickte.
Schnell entwand sich der Ninn Joshuas Griff und huschte ihm über die Schulter, wo er sich zitternd verbarg.
»Das ist Susu«, erklärte Joshua schon etwas freundlicher und versuchte, nach ihm zu greifen.
»Der ist ja putzig.« Kor streckte seine Hand aus, aber Susu zog sich noch weiter zurück.
Als Kor nach ihm greifen wollte, biss er ihn in die Hand.
»Autsch!« Ruckartig zog Kor seine Hand weg und lachte, als er Joshuas erschrecktes Gesicht sah. »Keine Sorge, hat nicht wehgetan.« Er hielt seine Holzhand hoch. »Ist ganz praktisch.«
Susu, der ebenfalls erschrocken war, schniefte und verbarg sein Gesicht beschämt hinter seinen Pfoten.
»Ich habe auch ein Haustier.« Kor pfiff leise und eine etwa faustgroße Libelle schlüpfte aus dem dichten Blätterdach über ihnen und flog ihm auf die Schulter. Ihre durchsichtigen Flügel schim-merten in der Sonne perlmuttfarben, während ihr schlanker Rumpf in einem hellen Blauton glitzer-te. Ihre schwarzen, nur Stecknadelkopfgroßen Augen, blickten Joshua direkt an und er hatte das untrügliche Gefühl, dass ihn das Tier aufmerksam musterte.
»Das ist Pin«, sagte Kor stolz und strich der Libelle leicht über die Flügel. »Sie ist eine Lubris, aber sie ist noch ein Baby. Wenn sie einmal ausgewachsen ist, wird sie so groß sein, dass ich auf ihr reiten kann. Alle Hasta haben eine Lubris, weißt du?«
Joshua schaute die Libelle fasziniert an.
Pin hatte den zierlichen Kopf ein wenig zur Seite geneigt und erwiderte seinen Blick. Amüsiert hielt Joshua Susu zurück, der seinen Schrecken inzwischen vergessen hatte, und Anstalten machte, nach der kleinen Lubris zu greifen. »Ich habe einen Oc als Reittier«, sagte Joshua. »Aber er musste mit den anderen unten bleiben.«
»Ich habe zwar überhaupt keine Ahnung, was ein Oc ist, aber wenn du willst, dann zeige ich dir einen Weg nach unten, damit du nach ihm sehen kannst.«
Gemeinsam mit Susu, Yael und Pin begannen Joshua und Kor auf den breiten Ästen der Bäume entlang zu laufen und das zwergartige Dorf der Hasta zu erkunden.
Hier und da befanden sich helle Lichtpfützen auf den holzigen Ästen, die sie wie die verschrumpelte Haut eines Riesen aussehen ließen. Es roch nach frischen Kräutern, Seife, heißen Pfannkuchen und etwas Süßem, das Joshua nicht recht einordnen konnte. Die Luft um sie herum war von Leben erfüllt. Vögel sangen und zwitscherten ihre Melodien in den Bäumen. Grazile Tiere, die wie Eichhörnchen aussahen, sprangen von Ast zu Ast, wobei ihr Fell aufleuchtete, sobald das Licht auf sie fiel. Und überall waren die Hasta dabei, ihren täglichen Aufgaben nachzugehen.
Während sie an den Häusern vorbeispazierten, erzählte Kor Joshua etwas von seinem Volk. »Wir kümmern uns um die Baumpflege, aber auch um die Tiere des Waldes. Als Ortus, das Tor der ver-lorenen Dinge, noch funktionierte, war es unsere Aufgabe die Sachen zu reparieren und sie wieder zurückzuschicken. Doch seitdem Morgran das Tor versiegelt hat, kommt hier nichts mehr an.« Kors Gesicht hatte sich verdüstert und ein trotziger Zug lag um seinen Mund, als er fortfuhr zu erzählen. »Mein Volk ist sehr klein, wie du sicherlich schon bemerkt hast, aber wir können gut mit Pfeil und Bogen kämpfen und die Lubris sind schnell und können weit fliegen. Doch das alles nützt uns nur sehr wenig, denn einmal im Jahr fallen wir für einige Wochen in einen tiefen Schlaf. Etwa so, wie Tiere ihren Winterschlaf halten. Dann sind wir wehrlos und ungeschützt. Jedes Jahr kommen mehr von Morgrans Schergen und rauben unsere Geschwister, Neffen und Cousins. Letztes Jahr hat er Bram, meinen ältesten Bruder, entführt. Meine Mutter hat zwei Wochen lang nur geweint.« Mittlerweile hatte Kor beide Hände zu Fäusten geballt und sein Gesicht war vor Schmerz ganz verzerrt.
Joshua, der gut nachempfinden konnte, was in dem anderen Jungen vorging, spürte, dass auch ihn von neuem der Zorn auf Morgran packte. Egal, wohin er in Orasyen kam, überall war die finstere Gegenwart des Despoten spürbar. Es schien keinen Ort in dieser Welt zu geben, an dem nicht wenigstens ein Wesen unter Morgrans Schreckensherrschaft litt.
Inzwischen waren sie an einem besonders dicken und hohen Baum angekommen. Kor pfiff eine komplizierte Melodie und es dauerte nicht lange, da wurde einer der Weidenkörbe hinuntergelas-sen.
Stumm fuhren sie nach unten, denn Joshua fiel nichts ein, was er Kor hätte Tröstendes sagen können.
Kurz darauf landete der Korb im wadenhohen Gras, das so grün schimmerte, dass Joshua unwill-kürlich die Augen zusammenkniff.
Yael, die anscheinend froh war, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, trabte zum Rand der Lichtung und hielt ihre Nase in den Wind.
Susu indessen hatte sich aus Joshuas Armen gewunden und jagte hinter Pin her, die flink vor ihm herflog und ihn auszulachen schien. Immer wieder stellte sich der Ninn auf die kurzen Beine und langte nach der zierlichen Lubris, nur um festzustellen, dass sie nicht zu fangen war.
Die beiden Jungen schlenderten zum Lager der Kie-Krieger, die, wie schon zuvor in der Wüste, ihre Zelte aufgebaut hatten, die jetzt in einem großen Kreis zusammenstanden. Auch hier herrschte geschäftiges Treiben: Während einige Krieger ihre Schwerter polierten oder miteinander verschiedene Kampftechniken übten, kümmerten sich andere um die Feuer und Verpflegung. Ein durchdringender Duft nach saftigem Fleisch hing in der Luft und hier und da hörte man dröhnendes Gelächter.
»Mann, das sind die hässlichsten Viecher, die ich je gesehen habe!«, entfuhr es Kor plötzlich und Joshua, der bisher die Krieger beobachtet hatte, wandte sich in seine Richtung.
An einer Gruppe von jungen Bäumen standen etwa fünfzig angebundene Ocs. Sie drängten sich eng zusammen und das weiche Gras unter ihren kleinen Fingern schien ihnen sichtliches Wohlbehagen zu bereiten.
»Sequi!«, rief Joshua und lief eilig auf seinen Freund zu, der ihn gehört hatte und nun an seiner Leine zerrte, um zu ihm zu kommen. Liebevoll umarmte Joshua ihn und streichelte die haarlose Haut seines Reittieres. Sequis Ohren zuckten freudig in alle Richtungen und er stieß einen quietschenden Laut aus.
»Oh«, sagte Kor nur, der in sicherer Entfernung stehen geblieben war.
Joshua wandte sich zum Hastajungen um und grinste. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er sich gefühlt hatte, als er den Oc das erste Mal gesehen hatte. »Keine Angst, er sieht nur so furchterregend aus. Komm, streichele ihn mal, es fühlt sich wirklich toll an.«
Langsam, und mit bedächtigen Schritten, kam Kor näher. Zögernd streckte er seine Hand aus und berührte leicht die nackte Haut des Ocs. Obwohl er merklich zusammenzuckte, versuchte er, sich seine Scheu nicht anmerken zu lassen. Da Sequi keinerlei Anstalten machte ihn zu beißen, wurde Kor mutiger und begann, ihn an den kurzen Ohren zu kraulen.
Der Oc genoss diese Streicheleinheiten sichtlich und als Kor ein wenig nähertrat, begann ihm Sequi über die Wange zu lecken.
»Iiih, mach mal halblang«, beschwerte sich Kor halbherzig.
»Hast du Lust auf einen kleinen Ausritt?«, fragte Joshua. »Ich glaube, er könnte ein wenig Be-wegung vertragen.«
Kor war sofort begeistert. Gemeinsam sattelten sie Sequi und Joshua lieh einen zweiten Oc für Kor aus.
Doch Kor bestand darauf, den Oc ohne Sattel reiten zu wollen. »Für die Lubris brauchen wir auch keine Sättel. Du bekommst am besten ein Gefühl für das Tier, wenn du es ganz nah bei dir spürst.«
Joshua, der sich noch lebhaft an seinen ersten Ausritt mit dem Oc erinnern konnte, versuchte Kor zu überreden, aber der Hastajunge beharrte darauf, ohne Sattel auszureiten. So gab Joshua nach und wies Kor kurz in die Befehle ein, um den Oc lenken zu können. Nachdem Joshua Yael zu sich gerufen hatte, machten sie sich auf den Weg. Joshua und Kor ritten Seite an Seite, während sie immer tiefer in den Wald gelangten.
»Man sagt, dass Lurdas so groß ist, dass noch kein Wesen ihn von einem bis zum anderen Ende durchquert hat«, erzählte Kor. »Zu viele Gefahren lauern auf dem Weg. Es gibt zum Beispiel riesige Erdlöcher, die die Luufen graben.«
»Was sind Luufen?«, hakte Joshua nach.