Wings of War
Kael sprintete los.
Seine Stiefel hämmerten auf den Boden und ließen Funken im trockenen Staub verglühen. Jeder Schritt fuhr als harter Stoß durch die Beine, ein unerbittlicher Takt, der die Kontrolle über seinen Körper übernommen hatte. Der Stein antwortete mit Splittern und Knacken unter der Sohle. Am Rand der Tiefe stieß er sich ab und stand schwerelos in der Luft.
Dann verschluckte ihn die Schlucht.
Tote Fassaden schossen vorbei, aufgebrochene Waben aus Stein und Stahl, geschwärzt von einstigen Feuern. Ausgeweidet und stumm standen die Türme im Rauch wie senkrechte Friedhöfe. Am Rand seines Blickfelds jagten leere Fensterhöhlen hinauf, der Wind heulte durch Risse und verlassene Hallen. Verbogene Streben stachen wie geborstene Rippen aus dem bröckelnden Fels, gebrochene Brücken ragten mit schartigen Kanten in die Leere. Auf der Zunge lagen Eisen und Asche, der Geschmack einer Stadt ohne Atem. Die Schlucht wurde zum Trichter. Die Türme links und rechts verschwammen zu einer einzigen Wand aus Schatten.
Der Fall packte ihn und zerrte ihn immer schneller in die Tiefe, bis der Bauch absackte und sich die Eingeweide verkrampften. Luft peitschte gegen Gesicht und Kehle, presste ihm die Lider zu und schnitt den Atem ab. Sein Körper spannte sich auf der Suche nach Halt und fand keinen. Je tiefer er sank, desto stärker drängte es unter der Haut. Ein Pochen, das tiefer als der Puls saß und schwerer wog, griff durch Muskeln und Glieder. Der Körper wurde ihm zu eng. Unwillkürlich zuckten seine Muskeln. Schicht um Schicht erwachte ein lange ruhendes Arbeiten, bis er es in den Zähnen spürte.
Er presste die Kiefer zusammen. Unter der Haut pulsierten die Adern hart. Das Beben drängte fordernd von innen, doch er ließ es warten.
»noch nicht …«, flüsterte er gegen den Sturm.
Normalerweise sprang er aus Lust am Fallen, am Fliegen. Heute musste er.
Ein letzter heißer Atemzug, solange der Körper ihn noch hielt, prall gefüllt mit allem, was er gleich hergeben würde.
Dann ließ er los.
Die Verwandlung kam als Sturm. Keine einzelne Ader, alle auf einmal: Ein Netz aus Glut flammte unter der Haut auf, pulsierend wie flüssiges Erz. Es verzweigte sich, bildete Knoten und markierte jene Punkte, an denen der Körper seine alte Ordnung gegen eine neue eintauschte.
Dann kam der Fels, wie ein Guss. Die Haut verhärtete sich, baute Widerstand und Dichte auf, bis das Menschliche nachgab und sich die Poren schlossen. Wärme stieg in Stößen auf und lag schwer auf den Rippen.
Tief im Inneren zogen sich Fugen zusammen: Absinkende Masse wurde schwerer und zwang sich in eine starre Form. Sein Rücken krümmte sich. Sein Gesicht brach auf und formte sich neu. Linien wurden zu Kanten und Schatten zu groben Graten, kompromisslos und ohne Rücksicht auf seine einstigen Züge. Selbst der Atem klang anders: rau und fremd wie Stein, der über Stein strich.
Was als Schrei herausdrang, war keiner mehr: Ein tiefes, altes Grollen rollte durch den Wind. Dann kamen die Flügel.
Unter den Schulterblättern wölbte sich die Oberfläche nach außen, riss auf und gab die Flügel frei. Schmerz gleißte auf wie eine Klinge und tauchte sofort wieder ab, begraben unter schierem Gewicht. Dunkle Schwingen entfalteten sich, durchzogen von arbeitenden Glutadern.
Die Luft wirbelte in Spiralen um ihn und schlug Funken aus dem Staub, der noch an ihm hing. Winzige helle Punkte verglommen hinter ihm. Der Sturz verlangsamte sich, die Luft stemmte sich gegen die neue Spannweite. Seine Schwingen peitschten und trieben Staub aus den Ruinenwänden. Er öffnete die Augen. Sie glühten goldrot wie geschmolzener Stahl.
Die neue Form prüfte ihn. Stumpfes Gewicht drückte von innen gegen die Kanten, bis es in ihm knirschte. Er hielt stand.
Die Leere erzitterte unter der Wucht und spaltete sich, statt zu weichen. An den Flügelkanten glühten Funken auf, sprangen als kleine, heiße Sterne ab und sanken wie brennender Staub in die Tiefe. Jeder Schlag donnerte durch die Luft und rieb sich am Widerstand, bis der Fall mit jedem Schwung zu Flug wurde. Sein Körper hatte eine Antwort gefunden, die trug.
Unter ihm lag die Welt in Rauch und Staub, durch die Formen nur in Fetzen drangen: Ruinen, Schatten, das matte Glimmen von Feuerstellen, getrübt vom Grau. Er breitete die Flügel ganz aus und legte sich in den Wind.
Das Gewicht verlagerte sich in Schultern und Rücken, verteilte sich neu, bis es reinem Schweben wich. Dann kam das Echo.
Fern erklang kaum mehr als ein Zittern im Sturm. Es kam tief aus dem Inneren der Ruinen durch Stein und Rauch herauf. Er schwebte über der Leere. In dieser Ruhe spürte er, wie der Klang durch seine Platten lief. Ein Summen setzte sich in den Fugen fest und schwang dort nach, als der Laut längst verweht war.
Dann hörte er es wieder. Es waren viele. Schreie mischten sich mit dem Grollen und dem schweren Schlag von Schwingen.
Kael wandte den Blick. Dort, wo Staub und Rauch den Himmel verschlangen, brachen Schatten hervor, erst Schemen im Drecklicht, dann Masse: kantige Körper aus uraltem Gestein, von Hitze geformt, von Kälte gehärtet. Flügel schnitten wie Klingen durch die Luft und zogen Asche mit sich. Sie zerfetzten den Qualm in Bahnen, ließen die Sonne aufblitzen und erstickten sie sofort wieder.
Einer nach dem anderen stürzten sie aus der Höhe und schossen durch Rauch und Glut. Als sie den Sturz brachen, sprengten sie den Himmel auf.
Einer scherte aus und schoss knapp über dem Boden dahin. Die Kanten seiner Flügel schnitten die vorderste Reihe der Brut entzwei. Hier Beine, dort Rümpfe.
Sie kamen, weil das Gewicht in ihrer Brust sie trieb. Kael erkannte sich in ihnen. Jeder anders: andere Narben, andere Kanten, andere Glutadern, andere Schwingenwinkel.
Doch dieselbe wütende Form trugen sie alle, denselben Griff nach Luft und Fall. Sie waren:
GARGOYL.
Ein Brüllen brach als roher, ungefilterter Ruf aus seiner Brust. Die anderen antworteten sofort. Der Himmel dröhnte unter einem einzigen gemeinsamen Atem, getragen vom Wind. Dann fiel einer.
Einer, dessen Glutadern nur noch ein warmes Nachleuchten ausstrahlten, das mehr Erinnerung als Feuer war. Trotzdem flog er. Seine Schwingen arbeiteten sauber, aus reiner Gewohnheit.
Dann schlugen seine Flügel ein letztes Mal.
Ein helles, kurzes Aufflackern lief durch die Adern, dann erloschen sie. Grau kroch aus ihrem Muster in den Stein. Ein Laut erklang, als ein Riss den toten Bahnen folgte. Dann zerbarst die Statue. Splitter regneten durch die Luft, Stein, nur Stein, der trocken zu Boden fiel.
Unter ihnen lag die Frontlinie: Stahl gegen Hülle, dort, wo die Banner in die Ruinen drückten.
Und hinter der Linie, tiefer in der toten Stadt, wirkte es wie Zufall und war doch reine Berechnung.
Die Brut hatte sich zusammengezogen: Schluchten aus Leibern, dazwischen Gassen, die einluden. An den Flanken wartete der Hinterhalt. Wer es von oben sah, erkannte das tödliche Muster. Wer unten steckte, sah nur ein erstickendes Meer aus Klingen und Leibern, das von allen Seiten kam.
Die Schlacht dort unten rief nach ihnen. Ein letzter Schlag ihrer Flügel, dann kam der Himmel herunter. Sie stießen hinab, stürzten genau dorthin, wo die Falle klaffte, und hieben die verdichteten Flanken auf, bevor sie zuschnappen konnten. Schwingen schnitten im Sturz durch die Reihen, Kanten scharf wie geschliffener Basalt. Was sie trafen, zerschellte unter der Wucht: Knochen splitterten, Rümpfe platzten auf, Köpfe sprangen von den Hälsen und rollten leblos in die Masse.
Leere Augenhöhlen ruckten nach oben, der Wärme entgegen. Die Schlacht verstummte. Dann brach sie neu aus, als die Gargoyls durch die Brut pflügten.
Steinklauen hackten Hüllen auf und zerrten heraus, was darunter lag: Stränge, Masse, Klumpen, die noch zuckten, als sie auf den Boden klatschten. Einer packte einen Brutling an beiden Seiten und zog ihn auseinander wie morsches Holz. Die Hälften fielen nach links und rechts, das Innere hing in Fäden dazwischen.
Hüllensplitter flogen wie Geschosse durch Rauch und Leiber. Der Gestank hing über allem: warmes Metall und verbranntes Fett, dick genug, dass man ihn auf der Zunge schmeckte.
Die Soldaten der sieben Völker pressten sich gegen Barrikaden aus Schutt und gebrochenen Leibern, manche davon Kameraden, erkennbar an den Fetzen, die noch an ihnen hingen. Schulter an Schulter und Schild an Schild standen die Valari stumm in der Mitte und kannten keine Wut. Links stemmten die Targ Gewicht gegen Gewicht, bis die eigenen Rippen brachen. Rechts trieben die Lunari Klingen in Spalten und schlossen Lücken, bevor die Brut sie nutzen konnte.
Als eine Linie barst, schloss sich die zweite und trat in das, was unter ihr lag: Knochen, die nachgaben, Stoff, der an den Sohlen klebte, ein Gesicht, das nach oben starrte und unter dem nächsten Stiefel verschwand. Die Linie hielt.
Pfeile zeichneten dunkle Linien durch den Qualm, prallten von den Platten ab und fielen als krumme Splitter in den Dreck. Selbst ein Pfeil, der durchkam, hätte nur Fleisch gefunden, das keinen Nerv und keinen Schmerz kannte. Es war Druck gegen Druck. Und die Brut hatte mehr davon.
Dann stand ein Gargoyl reglos inmitten der Brut. Vier, fünf Klauen schlugen in seinen Rücken und bohrten sich hinein. Er ließ sie gewähren, ließ sie wühlen und sich immer tiefer in den Stein graben. Als sie tief genug saßen, verdichtete er sich. Der Körper schloss sich um alles, was in ihm steckte. Er zermahlte es.
Schwarze Brühe quoll aus den Fugen und lief in warmen Fäden an seinen Flanken herab. Zwischen seinen Platten knackte es wie nasses Holz im Feuer. Und die Schlacht ging weiter.
Kael brach mitten hindurch. Seine Klaue traf zuerst Panzerung und dann nachgiebige, nasse Masse, ein falsches Fleisch, das Leben spielte, warm und pulsierend und doch so vergänglich. Sie fuhr durch einen Rumpf und kam auf der anderen Seite triefend wieder heraus.
Unter ihm zerplatzten Körper, abgetrennte Gliedmaßen bedeckten den Boden. Der Schlamm war so weich, dass seine Klauen bei jedem Schritt Halt suchten.
Sein Atem brannte in der Brust, sein Herz hämmerte. Tief in ihm sang ein uralter Instinkt, den nur der Lärm der Schlacht entfachte.
Dort im Mahlstrom aus Rauch und Flammen, wo der Himmel barst, die Erde Funken spie und mächtige Schwingen den Horizont zerteilten, fiel ein Name als Urteil über die Welt, ein Name, der in jeder folgenden Schlacht nachhallen würde.
Sie waren die:
WINGS OF WAR.