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N. J. Ewald

Wings of War

Leseprobe 2 – Der Fall

Das Summen der Bastion hatte sich verschoben wie ein Ton, der die Farbe wechselt und die Höhe hält. Das Feld darum arbeitete dichter. Der Stein unter den Fundamenten wartete.
Der Körper hatte die Jahre in Wintern und Schlachten gezählt, doch in all diesen Jahren hatte der Stein nie gewartet.
Mit einem tiefen Schlag legte sie sich in die nächste Verdichtung.
Die Verdichtung war nicht da.
Ein Flügel fuhr durch Luft, die nichts hielt. Der Körper sackte weg wie ein morscher Ast, der unter dem Gewicht wegbricht.
Dann war das Feld zurück und trug. Von der Lücke blieb nichts.
Syph ließ sich tragen. Zwischen den Schulterblättern waren die Muskeln noch hart. In 253 Jahren hatte die Luft unter ihr nie gefehlt.
Sie spürte es in der Membran, bevor sie es verstand.
Ein Zug glitt über die Unterseite des rechten Flügels, zupfte und ließ los. Kein Wind zog so. Das Feld gab nach und schloss sich wieder. Danach war nichts mehr davon zu spüren.
Syph legte den Kopf zur Seite. Das Summen war dichter geworden und warm wie Luft aus lange verschlossenen Räumen. Dasselbe Summen, das sie bei jedem Überflug als Fremdkörper im Gefüge der Welt gespürt hatte.
Die Verdichtung bog sich nach unten. Etwas zerrte an den Rändern des Feldes. Es war langsam. Was so zieht, hat Zeit. Die Membran spannte sich anders. Der Winkel an der Spitze stimmte um eine Fingerbreite nicht mehr. Ein menschlicher Körper hätte den Unterschied nie gespürt. Sie las ihn nach Jahrhunderten wie ein Gesicht.
Tief im Stein unter ihr griff es zu. Sie konnte es nicht sehen, doch das Feld zog sich zusammen, bis die Verdichtungen ihre Form verloren. Die Luft unter den Flügeln wurde schwerer, als sie sein durfte. Die Flügel trugen noch, aber das Tragen hatte sich verändert wie ein Boden, der unter den Füßen nachgibt.
Sie zog den Kreis enger.
Der Kreis trug sie zurück über die Bastion. Darunter, wo das Summen saß, arbeitete etwas, ohne sie zu meinen. Das Feld bog sich darum wie Wasser um einen schweren Körper.
Dann öffnete sich der Griff.
Noch blieb alles wie vorher, der Wind hielt, der Aufwind stieg und das Feld antwortete.
Stille.
Sie kam nicht aus der Luft. Sie saß im Stein und in dem Summen, das seit Jahrhunderten unter allem gelegen hatte und jetzt zum ersten Mal schwieg. Der Takt setzte aus.
Syph kannte diese Stille von Schlachtfeldern, wenn die Vögel verstummen und die Welt schon weiß, was kommt.
Ihre Finger schlossen sich um den Schaft des Speers. Das Feld unter ihren Flügeln lag still.
Aus einer Tiefe weit unter dem Stein, für die sie kein Gewicht kannte, kam es zurück.
Stärker.
Diesmal fragte es nicht.
Das Feld riss von unten auf, von innen, aus dem Stein. Ein Stoß fuhr durch jede Verdichtung wie ein Faustschlag durch dünnes Holz. Was Jahrhunderte eingeschliffen hatten, zerbrach sofort: Mulden, Aufwinde, die Linien, an denen die Membran Halt fand.
Syph taumelte.
Der rechte Flügel griff ins Leere. Die Membran spannte sich, fand nichts und spannte sich weiter. Der linke schlug mit aller Kraft gegen das Fallen zu. Die Luft gab nach.
Der Gegendruck war fort.
Sie fiel.
Der Himmel drehte sich. Das Vorfeld sprang unter ihr nach oben. Bastion, Mauer und Banner standen an der falschen Stelle. Der Wind, der sie eben getragen hatte, zerrte jetzt an Flügeln und Schultern.
Sie schlug beide Flügel gleichzeitig. Die Wucht stemmte die Schulterblätter gegen die Gelenke. Die Flügel fanden nichts.
Auf der Mauerkrone hörte ein Lichtpunkt mitten im Sprung auf. Der Spiegel dahinter rührte sich nicht mehr. Ein Posten legte den Kopf in den Nacken und presste die Augen zu.
Das Feld arbeitete, aber nicht für sie. Es sammelte sich tief im Stein an einer einzigen Stelle und zog alles dorthin wie ein Strudel, der die Oberfläche leer saugt.
Wieder schlugen beide Flügel. Die Haut spreizte sich, bis die Ränder zitterten. Den halben Aufwind von vorhin hätte sie so gefasst.
Der Aufwind war weg.
Der Boden kam zuerst langsam und dann viel zu schnell. Das Vorfeld rückte heran. Aus der Fläche wurden einzelne Zelte, Feuerstellen und Rauch, der greifbar wurde.
Ein Pferd hob den Kopf. Ein Knecht blieb mitten im Schritt stehen. Das Wasser schwappte ihm über den Eimerrand auf die Stiefel. Er horchte.
Ihre Augen wechselten ohne Übergang. Das Blau erlosch. Rot brannte durch, ein Rot, das keine Zeit mehr hatte zu schlafen.
Sie faltete die Flügel halb. Offen wären sie in diesem Sturz gebrochen. Die Luft schnitt an den Kanten.
Den Boden zählte sie in Baumlängen. Bei der letzten, die noch reichte, warf sie die Flügel auf.
Ein einziger harter Schlag folgte. Der Schwingmuskel trieb den Flügel herunter, der Rücken hielt dagegen. Die Membran blähte sich, nahm die Luft und presste.
Einen Schlag lang fand sie Halt. Das Feld erinnerte sich, dass sie da war. Den Schwingmuskel würde sie morgen spüren.
Es war nicht genug.
Baumkronen kamen ihr viel zu nah. Sie sah die Äste und die Blätter, die sich darin drehten.
Noch einmal schlugen beide Flügel. Der Schlag ging durch den ganzen Körper, von den Fingerspitzen der Membran durch die Schultern in die Wirbelsäule.
Dann traf sie die Kronen. Äste schlugen gegen die Unterseite, als das Holz unter ihrem Gewicht splitterte. Rinde blieb an der Haut hängen. Aus den Bruchstellen trat Harz und klebte, wo es sie traf. Der Geruch des aufgebrochenen Baums stieg mit ihr hinunter.
Das Feld antwortete zögernd und einen halben Schlag daneben.
Wie eine Hand, die zu spät zupackt.
Es reichte.
Eine Baumlänge wurde eine halbe. Die Kronen lagen über ihr, gebrochene Äste fielen nach. Das Rascheln verhallte, während sich das Feld unter den Flügeln straffte und suchte, bis es fand.
Es trug.
Dicht über dem Boden schlug sie langsam und flach. Der Körper hing.
Der Fall war vorbei.
Syph zitterte im Nachklang. Nach 253 Jahren war das neu: nicht zu wissen, ob sie sich fangen würde.
Sie hielt die Flügel still und weit. Jede Bewegung wäre jetzt gefährlich gewesen. Unter ihr tastete sich das Feld zurück, die Verdichtungen standen schief. Die Linien sortierten sich neu wie ein Tier, das nach einem Schlag auf die Beine kommt.
Es trug wieder, aber es trug anders: Etwas darin fehlte. Es hatte keinen Namen.
Der Nachklang saß in den Muskeln und der Griff in den Schultern. Ein Splitter Rinde löste sich von ihrer Haut und segelte in die Tiefe.
Vorsichtig stieg sie, bis die zerbrochene Krone unter ihr lag. Das Feld hielt, der Atem ging tiefer. Der Körper fing an zu glauben, dass es vorbei war.
Dann war der Boden wieder fort, den er gerade erst wiedergefunden hatte.
Es kam von überall gleichzeitig, aus dem Stein wie aus dem Himmel und aus einer Stelle in ihr, von der sie nicht gewusst hatte, dass es sie gab. Die Welle hatte keine Richtung. Sie kam aus dem Zentrum von allem.
Ihr Ton war zu tief für Ohren und lag unter allen Tönen. Er entstand im Stein, lief durch das Feld, fuhr durch die Membran in ihre Knochen und schwang dort weiter. Der Schrei darin war zu tief für Stimmbänder. Etwas war so lange stumm gewesen, dass das Schweigen selbst zersprang.
Syphs Rücken bog sich durch. Ihre Flügel schlugen instinktiv nach, um sie in der Luft zu halten, sodass es ihr hart durch den Körper fuhr und der Speer aus den Fingern glitt. Zwei Mannslängen tief fiel er, dann fing das Feld ihn auf. Er hing schräg im Feld und schwang nach. Das Feld trug sie noch.
Dann fuhr der Ton in sie.