Skinmark
Die Nacht lag wie ein riesiges, erdrückendes Leichentuch über der Stadt. Zwischen den alten Lagerhallen blieb das fahle Licht vereinzelter Straßenlaternen in Pfützen stehen, ohne die Dunkelheit zu vertreiben. Der Geruch von abgestandenem Wasser, Öl und verrottendem Müll hing in der Luft. Irgendwo klapperte Blech im Wind und in der Ferne heulte ein Hund.
Sie wusste nicht, wie spät es war. Nicht einmal welcher Tag heute war.
Es gab keine Fenster, nur nackte Glühbirnen, die von der Decke baumelten und in unregelmäßigen Abständen flackerten. Ihr kaltes Licht ließ den feuchten Betonboden schimmern und warf lange Schatten zwischen rostige Stahlträger und aufgestapelte Holzkisten.
Sie hob den Kopf ein Stück und ein stechender Schmerz fuhr ihr in den Nacken. Die Kabelbinder um ihre Handgelenke hatten sich längst tief in die Haut geschnitten und Taubheit kroch ihre Finger hinauf.
Sie zwang sich, ruhig zu atmen.
Um sie herum saßen Frauen dicht an dicht auf dem Boden. Manche hatten die Knie angezogen und starrten regungslos ins Leere. Andere weinten. Gezeichnet von Schlägen und Tritten, die Kleidung zerrissen und schmutzig, die Armbeugen blau und entzündet von unzähligen Nadelstichen.
Niemand sprach, denn niemand wagte es.
In einem anderen Bereich der Halle saßen Kinder. Alte Kisten und Paletten standen dazwischen und erschwerten die Sicht zu ihnen. Trotzdem suchte sie die Reihen ab, konnte ihre Tochter aber nicht ausmachen.
Wo war ihr kleines Mädchen?
Schwere Stiefel hallten über den Beton und sie senkte den Blick. Drei Männer gingen langsam zwischen den Reihen hindurch, Sturmhauben verdeckten ihre Gesichter und Sturmgewehre hingen locker über ihren Schultern. Jeder von ihnen wirkte entspannt, fast gelangweilt. Einer blieb stehen, packte eine Gefangene am Kinn und drehte ihren Kopf nach links und rechts.
Ihr Magen zog sich zusammen.
Nicht hinsehen. Nicht auffallen.
Ein dumpfer Schlag ließ sie zusammenzucken. Ein Gewehrkolben traf eine Schwarzhaarige zwischen die Schulterblätter. Die junge Frau verlor das Gleichgewicht und stürzte auf den Beton. Sie keuchte, versuchte sich aufzurichten, doch der nächste Tritt drückte sie wieder zu Boden.
»¡Vamos!«, brüllte einer der Männer. »Beweg dich, maldita puta!«
Die junge Frau blieb am Boden. Niemand half ihr. Alle anderen hielten die Köpfe gesenkt und pressten die gefesselten Hände gegeneinander.
»Steh auf, pedazo de mierda!«, befahl der Mann. Seine Hand schloss sich um ihren Oberarm. Er wartete, bis sie vergeblich versuchte, allein aufzustehen, dann riss er sie hoch. Sie hing einen Moment in seinem Griff, ihre Knie zitterten und Blut rann ihre nackten Beine hinab. Er stieß sie vorwärts.
Das metallische Kreischen des Hallentors durchschnitt das Wimmern und Weinen. Kalte Luft strömte herein und ließ die Glühbirnen leicht hin und her schwingen. Kurz verdrängte sie den stickigen Geruch nach Schweiß, Schimmel und Blut. Draußen warteten zwei weiße Transporter. Schmutzig, verbeult, fensterlos. Die Hecktüren standen offen.
Wohin würde man sie bringen?
Ein Mann trat mit einem Klemmbrett in die Mitte der Halle. Er blätterte durch mehrere Seiten, zog einen Kugelschreiber aus der Jackentasche und sah zu den Bewaffneten auf.
»Erst die Frauen«, sagte er in gemessenem Ton. »Dann die Kinder.« Es war ein Tonfall, in dem andere eine Bestellung aufgaben.
Zwei Männer packten die erste Frau unter den Armen und zogen sie zum Ausgang. Sie leistete keinen Widerstand. Eine andere begann leise zu weinen. Der Mann mit dem Klemmbrett beachtete es nicht weiter, sondern hakte sie auf der Liste ab.
Immer mehr Frauen wurden aus der Halle geschoben. Obwohl sich die Reihen lichteten, konnte sie ihre Tochter nicht ausmachen.
War sie noch in einer der Zellen?
Hatte man sie zuvor bereits an einen anderen Ort gebracht?
Von oben erklangen Schritte und sie hob vorsichtig den Blick. Auf der schmalen Galerie stand ein Mann in einem dunklen Mantel. Seine Hände ruhten locker auf dem Geländer. Während unten seine Arbeiter schrien und fluchten, beobachtete er schweigend das Geschehen. Er prüfte eine Reihe nach der anderen, verharrte aber bei keiner der Frauen.
Schließlich hielt er einen Bewaffneten an und fragte: »Warum ist die Ware noch nicht vollständig verladen?« Seine Stimme war weder laut noch drohend, trotzdem bewegten sich alle schneller.
Frauen wurden hochgerissen, weitergeschoben und gezählt. Zahlen wurden zugerufen, Türen zugeschlagen und ein Motor sprang draußen an und verstummte wieder. Wenn die Transporter losfuhren, würde jede Spur verschwinden. Niemand würde sie jemals finden. Sie würde ihre Tochter nie wiedersehen.
Dann hörte sie das leise Wimmern eines Kindes. Sie hielt den Atem an, denn es klang vertraut. Ihre Finger krampften sich zusammen, der Kabelbinder schnitt tiefer in ihre Haut und sie hob ruckartig den Kopf, obwohl jede schnelle Bewegung gefährlich war. Zwischen den Kisten sah sie etwas Kleines am Boden. Ein heller Ärmel, dunkles Haar und ein schmaler Rücken, der bei jedem Atemzug bebte. Übelkeit stieg in ihr auf.
Bitte. Nur dieses eine Wort fuhr durch ihre Gedanken. Bitte.
Sie wollte den Namen ihrer Tochter rufen. Er lag ihr schon auf der Zunge, brannte dort und drängte nach draußen, aber sie presste die Lippen zusammen. Wenn sie rief, würde ihr Mädchen zu ihr wollen. Und dann würden die Männer sie beide holen.
Ein Mann trat in ihr Sichtfeld und verdeckte das Kind. Für einige Sekunden sah sie nur seine Stiefel, die dunklen Flecken auf dem Beton und den Saum seiner Jacke. Dann bückte er sich, packte die Frau neben ihr und zog sie grob nach oben. Die Frau gab einen erstickten Laut von sich, halb Schrei, halb Luft. Ihre nackten Füße rutschten über den Beton. Haut schabte über Staub und eingetrockneten Dreck. Die Bewegung wirbelte den Geruch von kaltem Schweiß, Urin und rostigem Metall auf. Sie sah die Beine der Frau. Die zitternden Knie und die Zehen, die Halt suchten und keinen fanden. Eine dünne Blutspur zog sich über den Boden, nicht frisch genug, um hell zu sein, aber frisch genug, um zu glänzen.
Das Kind wimmerte wieder. Für einen Augenblick hörte sie ihre Tochter – damals als die Welt noch in Ordnung war. Dieses helle, empörte Weinen, wenn der Löffel mit Brei nicht schnell genug kam. Das kleine Lachen, wenn sie die Nase in den weichen Bauch drückte. Die winzigen Finger, die sich in ihr Shirt krallten.
Ihr Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen.
Der Mann zog die Frau weiter. Seine Stiefel setzten ruhig auf, schwer und sicher. Jeder Schritt nahm ihr etwas von der Zeit, die ihr noch blieb. Dreck knirschte unter seinen Sohlen und irgendwo tropfte Wasser in gleichmäßigen Abständen. Von der Tür kam ein metallisches Klackern. Vielleicht ein Schlüssel oder der Verschluss eines Transporters.
Sie roch Leder und Tabak. Und etwas Scharfes, Chemisches, das hinten im Hals kratzte.
Die Frau begann zu betteln. Die Worte waren kaum verständlich, verschluckt von Angst und einem trockenen Mund. Der Mann antwortete nicht, sondern zog sie weiter, als wäre sie ein Sack. Etwas Lästiges. Etwas ohne Namen. Mit jedem Schritt, den er die Frau weiter zu dem Transporter schleifte, schrumpfte auch ihre Zeit.
Sie presste die Lider zusammen und versuchte, das Bild ihres Kindes festzuhalten. Die runden Wangen, den kleinen Mund, die Falte zwischen den Augenbrauen, wenn es träumte. Dieses Lachen, das immer kam, bevor sie selbst lachen musste.
Sie durfte es niemals vergessen.
Das Kind gab einen hohen, erschrockenen Laut von sich und der Mann ließ von der Frau ab.
Nein!
Sie ruckte vor, nur wenige Zentimeter, und sofort presste sich der Lauf eines Gewehrs an ihren Kopf. Umgehend erstarrte sie. Der Mann auf der Galerie sah zu ihr. Seine Aufmerksamkeit blieb einen Herzschlag zu lange auf ihr liegen. Sie begann zu zittern. Langsam und gehorsam senkte sie den Kopf, so wie sie es nach unzähligen Schlägen gelernt hatte.
Ein Schrei vom Tor zog jegliches Interesse auf sich. Eine der Frauen war von der Laderampe gesprungen und zwei Männer brüllten. Weitere Männer liefen aus der Halle und setzten ihr nach. Sie würde nicht weit kommen, doch das war ihre Chance.
Jetzt sah niemand in ihre Richtung und mehr brauchte sie nicht. Langsam schob sie sich auf die Knie. Der Beton war kalt und rau unter ihren Knien. Sie drückte sich hoch, ihre Beine zitterten, doch sie biss die Zähne zusammen und zwang sich weiter. Zwischen zwei Frauen hindurch, die nichts mehr mitbekamen, und vorbei an einer umgekippten Kiste.
Niemand bemerkte sie.
Noch nicht.
Sie suchte nach dem Ärmel, dem schmalen Rücken, irgendeinem Hinweis auf ihr kleines Mädchen. Die Bewaffneten schrien und weitere Frauen versuchten ebenfalls zu fliehen. Neben einem Stapel Holzpaletten huschte etwas Helles vorbei und sie wurde schneller.
»Hey!« Der Ruf durchschnitt die Halle. Sie duckte sich instinktiv und stolperte weiter. Hinter ihr wurden Schritte laut und jemand stieß einen Fluch aus. So schnell sie konnte, lief sie weiter.
Wo ist sie? Wo ist Naomi?
Hektisch suchte sie die Umgebung ab.
Da! Eine kleine Hand!
»Naomi«, entwich es ihr als heiseres Flüstern. Doch ehe sie einen weiteren Schritt setzen konnte, schlang sich von hinten ein Arm um ihren Hals und riss sie zurück. Ihr Rücken prallte gegen eine breite Brust. Sie wand sich, trat nach hinten aus und traf irgendetwas Weiches. Der Mann fluchte, aber ließ nicht los.
»Wohin, hm?« Sein Mund war dicht an ihrem Ohr. »Suchst du was?«
Ihr Körper erstarrte.
Konnte er es wissen?
Sie zwang sich, den Blick zu senken, den Atem zu beruhigen und die Panik in sich einzuschließen. Der Mann stieß sie nach vorn und sie fiel auf die Knie. Schmerz jagte durch ihre Beine. Hände packten sie an den Oberarmen und zogen sie wieder hoch.
»Die hier in den ersten Wagen«, befahl jemand.
Nein!
Der Mann hinter ihr lachte leise und schob sie in Richtung Tor. Sie waren keine drei Schritte weit gekommen, da krachte es draußen.
Ein Schuss.
Für einen Atemzug bewegte sich niemand.
Sie haben die Frau erschossen.
Der Mann, der sie zum Transporter schieben sollte, hielt inne. Sein Griff blieb um ihren Oberarm geschlossen, doch der Druck veränderte sich.
Blaues Licht flackerte über die Wände. Es schnitt durch die offenen Tore und zerhackte die Dunkelheit.
»LAPD!«
Mit dem Ruf brach die Hölle los.
Die Männer in der Halle brüllten durcheinander. Automatische Waffen eröffneten das Feuer und die Frauen warfen sich zu Boden. Einige krochen hinter Kisten, andere blieben einfach liegen. Kinder schrien und weinten. Schmerzlaute mischten sich unter den Lärm.
Der Griff um ihren Oberarm verschwand. Sie hörte den Mann noch zwei, drei Schritte weit, irgendwo rechts von ihr, dann nicht mehr. Sie ließ sich fallen und schob sich auf allen vieren hinter den nächsten Kistenstapel.
Im Kugelhagel achtete keiner der Männer darauf, wohin er feuerte. Frauen und Kinder wurden von Querschlägern getroffen oder lagen bereits reglos am Boden.
Hinter einer Kiste kauernd, drehte sie den Kopf vorsichtig zum Eingang der Halle. Dort tauchten immer mehr Männer in Westen und mit Helmen auf. Sie hatten ihre Waffen im Anschlag und verteilten sich neben den Lastwagen. Einer von ihnen hob die Hand. Vielleicht um jemanden zurückzuhalten, vielleicht um einen Befehl zu geben. Im selben Moment traf ihn eine Kugel. Sein Körper zuckte, er fiel auf die Knie, kippte nach vorn und blieb halb im Licht, halb im Schatten liegen. Eine Polizistin schrie seinen Namen, machte einen Schritt und jemand riss sie zurück. Mündungsfeuer blitzte von der Galerie, von den Seitenwänden, hinter den Kistenstapeln. Glas zerbarst und Betonsplitter flogen von den Wänden. Funken sprangen von einem Stahlträger ab und erloschen, bevor sie den Boden berührten.
Sie presste sich flach gegen die Kiste. Es war laut – viel zu laut. Ihr Atem ging stoßweise und der Geschmack von Staub legte sich auf ihre Zunge. Irgendwo brannte Plastik oder Gummi, ein bitterer Geruch, der ihr den Magen umdrehte.
Wo war Naomi?
Die Vorstellung, dass eine Kugel sie getroffen haben könnte, riss jeden klaren Gedanken fort. Kugeln schlugen über ihr in die Wand, sodass Putz auf ihre Haare regnete. Ein Mann rannte an ihr vorbei, stolperte, fiel und stand nicht wieder auf. In der Halle vermischten sich die Rufe der Polizisten, die Schreie der Frauen und Kinder und das Kreischen von Metall. Sie wusste, dass sie in Deckung bleiben musste, trotzdem kroch sie blind vor Angst los. Ihre gefesselten Hände rutschten über feuchten Dreck. Hinter ihr schrie jemand. Vor ihr fiel eine der Glühbirnen von der Decke und zerplatzte auf dem Beton.
Sie kam nur wenige Meter weit, dann schlug etwas in den Stahlträger über ihr ein. Ein metallisches Kreischen drang durch den Lärm der Schüsse. Rost rieselte herab und kleine Splitter landeten in ihrem Nacken.
Sie blieb liegen.
Vor ihr bewegte sich etwas im dichten Rauch. Sie hob den Kopf und blinzelte gegen das Brennen in ihren Augen an. Da. Unter einer umgestürzten Palette kauerte ein Kind. Heller Ärmel, dunkles Haar. Mehr konnte sie nicht erkennen. Sie wollte rufen, da hörte sie es.
Ein Zischen. Leise, so leise, dass es fast im Pfeifen ihrer Ohren verschwand. Sie hielt inne, während der Lärm um sie herum weiterging. Schüsse, Schreie, Befehle, das Krachen von Holz. Aber unter all dem lag dieses andere Geräusch – gleichmäßig und unbeirrbar. Langsam drehte sie den Kopf. An der Wand neben ihr, halb verborgen hinter einem verbeulten Regal, verlief ein gelbes Rohr. Etwas hatte es aufgerissen. Ihr wurde übel. Sie wusste nicht viel über solche Dinge, aber sie kannte diesen Geruch.
Scharf und falsch. Gas.
Ein weiterer Feuerstoß schlug in die Wand und Beton platzte ab. Eine der Glühbirnen schwang wild an ihrem Kabel und warf Licht über das gelbe Rohr. Vor der beschädigten Stelle trieb austretendes Gas Staub durch die Luft. Einer der Bewaffneten starrte ebenfalls dorthin.
»Raus!«, brüllte er, aber niemand reagierte.
Die Polizisten drängten weiter vor. Einer zog eine Frau hinter eine Betonstütze, während ein anderer ihm Deckung gab. Von der Galerie fiel ein Körper schwer auf die Metalltreppe.
Das Zischen wurde lauter oder vielleicht hörte sie es nur deutlicher, weil sie die Gefahr dahinter erkannt hatte. Sie sah wieder zu dem Kind und kroch weiter. Der beißende Geruch füllte ihre Kehle, ihre Augen tränten und die Welt wurde schmal, reduziert auf die Lücke unter der Palette.
Hinter ihr rief jemand. Diesmal glaubte sie, eine Frauenstimme zu hören.
»Naomi!« Sie streckte die gefesselten Hände aus und das Mädchen hob den Kopf. Einen Herzschlag lang sah sie ein staubverschmiertes Gesicht, aber keine Einzelheit klar genug, um Gewissheit zu haben. Irgendwo flackerte ein Licht. Es war nicht das Blau der Polizei, nicht das müde Gelb der Glühbirnen, sondern ein kleiner, heller Funke.
Der Funke hing in der Luft. Winzig und harmlos – fast schön.
Dann holte die Halle Luft.
Es gab keinen richtigen Knall, nicht zuerst. Nur einen Druck, so gewaltig, dass er jedes Geräusch vor sich herschob und ihr den Atem aus der Brust riss. Licht fraß sich durch den Raum. Erst weiß, dann gelb und sobald es rot wurde, zerplatzte ihre Welt.
Ihr Körper wurde vom Boden gerissen und für einen Sekundenbruchteil verlor alles Gewicht. Beton, Holz, Metall, Menschen. Sie sah die umgestürzte Palette, sah Staub und Feuer, sah einen Arm, eine offene Hand und dunkles Haar.
Dann schlug sie irgendwo auf.
Zuerst war da nur Stille.
Die Welt hatte ihre Geräusche verloren. Etwas Warmes lief ihr über das Gesicht. Sie blinzelte, doch die Luft war voller Asche und jeder Versuch, die Augen zu öffnen, brannte. Über ihr gab es keine Decke mehr, nur Nacht. Flammen leckten an verbogenen Stahlträgern. Das blaue Licht der Einsatzwagen flackerte durch den Nebel.
Sie wollte sich bewegen, aber ihr Körper gehorchte nicht.
Ihr Mädchen.
Der Gedanke fuhr durch sie hindurch und war stärker als alles andere. Wie in Zeitlupe drehte sie den Kopf – nur ein wenig. Schmerz schoss in pulsierenden Wellen durch ihren Körper und entriss ihr einen erstickten Schrei. Sie suchte die Palette, die dunklen Haare, die kleine Hand.
Aber da waren nur Rauch, Feuer und Trümmer.
Nein.
Sie versuchte, den Namen ihrer Tochter zu rufen, aber sie bekam keinen Laut heraus.
Ihre Sicht verschwamm.
Bitte.
Es war kein Gebet, nicht einmal ein Gedanke, nur ein Rest von ihr, der sich weigerte, loszulassen.
Bitte leb.
Dann brach die Dunkelheit über ihr zusammen.