Skinmark
Das Motel lag wie ein fauler Zahn zwischen zwei Gebäuden, die ebenfalls bessere Jahrzehnte hinter sich hatten. Ein niedriger, zweistöckiger Betonbau mit außen liegenden Gängen, leeren Fensterhöhlen und einer Fassade, auf der Farbe, Staub und Graffiti um Vorherrschaft kämpften. Irgendwann hatte jemand Sperrholz vor Türen und Fenster genagelt, doch Wind, Sonne und Menschen hatten es wieder aufgebrochen.
Ein verblasstes Schild hing schief über der Einfahrt. Dean konnte den Namen kaum lesen. Zwei Streifenwagen standen am Straßenrand, gelbes Absperrband spannte sich vom verrosteten Zaun bis zu einem verbogenen Metallpfosten. Dahinter lag der Innenhof, übersät mit Müll, Glasscherben, Matratzen, Spritzen und Einkaufswagen ohne Räder. Ein alter Fernseher lag mit dem Bildschirm nach unten im Staub, als hätte er vor Jahren beschlossen, diese Stadt nicht länger sehen zu wollen.
Dean parkte hinter Álvaros Wagen. Sobald er ausstieg, schlug ihm der Geruch entgegen. Urin, Müll, verbrannter Kunststoff und darunter etwas Süßliches, Schweres, das nicht mehr zu den Lebenden gehörte. Er atmete durch den Mund und ging zur Absperrung.
Álvaro wartete auf dem Bürgersteig, eine Hand in der Hosentasche und die andere an einem Kaffeebecher. Er sah müde aus. Nicht so müde wie Dean, aber nahe genug, dass es auffiel.
»Diese Anlage verursacht bei mir jedes Mal eine Gänsehaut«, sagte Álvaro.
»Du hättest Russel schicken können.«
Álvaro verzog den Mund. »Der arbeitet noch an der Schießerei von letzter Woche.«
»Wer hat die Leiche gefunden?«
»Anonymer Anruf einer männlichen Person bei der Hollywood Division. Klang laut den Kollegen nicht nüchtern. Hat nur gesagt: Zimmer 214, da fault was.«
Dean duckte sich unter dem Band hindurch. »Wie lange liegt sie schon?«
»Gibson sagt Wochen.«
Dean blieb stehen. »Wochen?«
»Sí.«
Sie gingen durch den Innenhof. Ein Uniformierter hielt sich am Rand der Absperrung auf und schrieb Namen auf, die vermutlich niemand freiwillig hergab. Zwei Männer in schmutzigen Jacken saßen auf der Bordsteinkante, beide mit diesem leeren Blick von Menschen, die längst gelernt hatten, dass Aufmerksamkeit gefährlich ist. Eine Frau mit Plastiktüten an beiden Handgelenken schimpfte auf einen Officer ein, weil sie ihre Decke aus Zimmer 106 holen wollte.
Dean stieg über ein umgestürztes Fass und folgte Álvaro die bröckelnde Außentreppe hinauf. Jede Stufe gab unter seinem Gewicht ein trockenes Knirschen von sich. Oben roch es schlimmer. Hitze hatte sich unter dem Dach des Ganges gesammelt und hielt den Gestank fest. Vor Zimmer 214 standen zwei Uniformierte. Einer war blass um die Nase. Der andere tat so, als wäre er es nicht.
»Lieutenant«, grüßte der Blasse.
Dean grüßte stumm zurück und fragte: »Wer war drin?«
»Mein Partner und ich, Dr. Gibson, Detective Ruiz. Sonst niemand.«
»Gut. Ab jetzt bleibt das so.«
Die Tür war halb aus den Angeln gerissen und das Schloss fehlte. Im Inneren war es dämmrig, obwohl draußen die Sonne schien. Jemand hatte das Fenster mit Pappe und Klebeband geflickt. Durch den Riss fiel ein schmaler Lichtstreifen, in dem Staub schwebte.
Der Raum war klein und enthielt ein Bettgestell ohne Matratze, einen zerrissenen Schlafsack in der Ecke, leere Flaschen, Spritzen und schwarze Flecken an den Wänden – vielleicht Schimmel, vielleicht Ruß. Ein Geruch, der sich nicht mehr in Bestandteile zerlegen ließ, dominierte das Zimmer. Auf dem nackten Metallrahmen des Bettes lag der Körper einer Frau. Der Tod hatte hier länger gearbeitet. Die Haut war verfärbt und eingefallen, an manchen Stellen dunkel gespannt. Das Gesicht hatte seine Konturen verloren. Haare klebten an Schädel und Hals. Ein Arm hing über das Gestell, die Finger gekrümmt. Dean blieb im Türrahmen stehen. Nicht aus Ekel, sondern aus Respekt vor der ersten Sekunde. Man betrat solche Räume nicht hastig, man ließ den Toten den Vortritt.