Die geheimnisvolle Matroschka
Anja konnte kaum stillstehen vor Aufregung. Im Wintergarten flatterten bunte Wimpel zwischen den Apfelbäumchen und auf dem Tisch standen Limonade, Erdbeerkuchen und eine kleine Schale mit Bonbons. Ihre Freunde liefen lachend durch diese Idylle, jagten Seifenblasen hinterher und spielten Fangen.
„Alles Gute zum Geburtstag!“, rief Mascha und warf die Arme hoch in die Luft.
Anja strahlte. Heute war ihr zehnter Geburtstag und sie fühlte sich, als wäre die ganze Welt nur für sie geschmückt worden.
Da öffnete sich quietschend die Tür zum Wintergarten.
„Großmutter!“, rief Anja glücklich und lief auf sie zu.
Die alte Frau trug ein dunkles Tuch über den Schultern und hielt ein längliches Paket unter dem Arm. Langsam ging sie durch den Wintergarten, während die Kinder neugierig näherkamen.
„Für mein kluges Mädchen“, sagte sie leise und reichte Anja das Geschenk. Vorsichtig löste Anja das Papier. Zum Vorschein kam eine wunderschöne Matroschka. Sie war größer als ihre beiden Hände zusammen und mit roten Blumen, goldenen Mustern und einem freundlichen Gesicht bemalt. Die Sonne glitzerte auf dem Lack, als wäre die Puppe lebendig.
„Ohhh!“, staunten die Kinder und alle riefen durcheinander. „Mach sie auf!“ „Zeig uns die kleinen Puppen!“ „Bestimmt sind sieben drin!“
Anja wollte die Matroschka gerade öffnen, doch plötzlich legte die Großmutter ihre Hand auf die Puppe. Ihr Gesicht war ernst geworden. „Nein“, sagte sie ruhig. „Nicht jetzt.“
Die Kinder verstummten.
„Warum denn nicht?“, fragte Anja enttäuscht.
Die Großmutter sah sie lange an.
„Diese Matroschka ist etwas Besonderes. Du darfst immer nur eine Puppe öffnen. Niemals alle auf einmal.“
„Aber warum?“, fragte Mascha trotzig.
Die alte Frau beugte sich ein wenig vor.
„Weil diese Matroschka ein Geheimnis hütet.“