Die geheimnisvolle Matroschka
Nur noch zwei Märchenfiguren waren im Zimmer. Die Matroschkas standen ordentlich nebeneinander auf dem Tisch. Ihr roter Lack glänzte warm im Licht der Kerze. Anja betrachtete die Puppen lange. Jetzt verstand sie endlich, warum ihre Großmutter sie gewarnt hatte.
„Ich weiß nun, weshalb ich niemals alle Puppen gleichzeitig öffnen soll“, sagte sie leise.
Wassilissa blickte sie freundlich an.
Buratino hörte ebenfalls aufmerksam zu.
„Wenn alle Matroschkas auf einmal geöffnet werden, entsteht nur Chaos“, erklärte Anja nachdenklich. „Die Märchen geraten durcheinander und niemand hört richtig zu, weil sie keinen Sinn ergeben.“
Buratino nickte sofort.
„Das stimmt. Kolobok hat dauernd dazwischengequatscht.“
Anja musste lachen.
„Doch wenn man jede Puppe einzeln öffnet“, sagte sie weiter, „kann jede Figur ihre eigene Geschichte erzählen.“
Wassilissas Augen leuchteten warm.
„Genau dafür wurde die Matroschka geschaffen.“
Anja sah staunend zu ihr auf. Die schöne Wassilissa setzte sich langsam neben die Puppen ans Fenster. Ihr goldenes Kleid schimmerte im Kerzenlicht wie die Sonnenstrahlen.
„Du kannst die Matroschkas öffnen, wann immer du möchtest“, erklärte Wassilissa ruhig. „Jede Puppe wird dir immer wieder neue Geschichten erzählen.“
Anjas Augen wurden groß. „Wirklich?“
Wassilissa nickte lächelnd. „Manche Märchen verändern sich sogar mit der Zeit.“
Buratino grinste schief. „Vor allem meine.“
Wassilissa warf ihm einen strengen Blick zu.
Anja betrachtete die Matroschkas voller Staunen. Plötzlich wirkten die Puppen nicht mehr unheimlich, sondern kostbar. Wie kleine Türen in eine andere Welt. „Das ist wunderschön“, flüsterte Anja.
Wassilissa lächelte sanft. „Geschichten verschwinden niemals ganz, solange jemand bereit ist zuzuhören.“
Draußen glitzerte der Schnee im Mondlicht und die Kerze warf goldene Schatten durch das Zimmer. Inzwischen war es wieder sehr gemütlich in Anjas Zimmer.
Anja wartete neugierig.
Buratino lehnte sich ebenfalls vor.
„Nun möchte ich noch ein Märchen erzählen“, sagte Wassilissa leise. Ihre Stimme klang ruhig und warm wie Musik. „Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf ein Mädchen namens Milena.“
Anja hörte aufmerksam zu.
„Milena war weder reich noch besonders schön. Viele Menschen bemerkten sie kaum.“
Buratino verzog überrascht den Mund. „Das ist aber traurig.“
Wassilissa nickte langsam. „Doch Milena besaß etwas Wertvolleres als Gold.“
Die Kerze hüpfte aufgeregt hin und her.
„Sie konnte Hoffnung schenken.“