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Marc Vollmer

Künstliche Gerechtigkeit

Kapitel 1 (Ausschnitt)

„Geld und gute Arbeitszeiten sind für mich kein Grund, dass du in einem Online-Bordell arbeitest“, brüllte Josch ihr entgegen. In diesem Moment rebellierten seine Gefühle. Es war das erste Mal in zwei Jahren, dass er ihr gegenüber die Beherrschung verlor.
Bernadettes Blicke fokussierten erst die Ecke der Küche, dann sah sie ihn an, und er erkannte den Schreck in ihren Augen. Sie starrte an ihm vorbei, und nach einer Weile sagte sie: „Ich weiß, wie schwierig es für dich ist. Du hast es oft genug erwähnt. Aber mir war nie bewusst, wie sehr es dich belastet.“ Es folgte ein Moment der Stille, dann fügte sie hinzu: „Dennoch ist es nur ein Job.“
Josch resignierte, zu oft hatte er diese Antwort auf die eine oder andere Weise gehört. Anfangs akzeptierte er ihre Arbeit und versuchte, sie als moderne Dienstleistung zu verstehen. Mit der Zeit wuchs allerdings seine Abneigung. Je öfter er daran dachte, wie sich Bernadette den Männern zeigte, umso stärker wucherte in ihm ein Geschwür von Misstrauen und Eifersucht. Es tat ihm leid, sie derart barsch angegangen zu haben, und er sprach leiser: „Ich finde es nicht gut. Besser gesagt, ich komme damit nicht zurecht, dass du dich vor den Typen ausziehst und sie so lange antörnst, bis sie sich befriedigt haben.“
„Sie können mich nicht berühren. Sie sehen mich nur und es bedeutet mir nichts“, sagte sie, als wäre es eine Entschuldigung.
„Es ändert nichts! Jeden verdammten Tag gehst du aus dem Haus und lässt dich begaffen, keuchst und stöhnst. Spielst diesen Kerlen dein aufgeilendes Spiel vor, damit sie dich bezahlen.“ Seine Stimme war wieder lauter geworden. Es auszusprechen glich einer widerwärtigen Befreiung, die seiner lange unterdrückten Wut endlich Luft verschaffte. Er war drauf und dran, ihr all seinen Ärger, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle an den Kopf zu werfen. Doch beim nächsten Atemzug besann er sich. Sie reagierte nicht, sondern sah ihn mit einem für ihn nicht erklärbaren Blick an. Wie sehr wünschte er sich, sie hätte ihm widersprochen.
In den Sekunden ohne Worte stand die Zeit still. Mit ihren blond gefärbten Locken und dem von ersten Falten gezeichneten Gesicht saß Bernadette in ihrem grauen dünnen Rollkragenpullover vor ihm und sagte nichts. Ihr fülliger Busen hob und senkte sich mit regelmäßigen Atemzügen. Josch suchte den Blickkontakt zu den blauen Augen, die ihn oft angelächelt hatten, doch er fand den ernsten Blick einer Frau, die keine Anstalten machte, ihm entgegenzukommen. Er legte seine Hand auf die ihre und streichelte mit dem Daumen darüber. Sie zog sie weg, lehnte sich auf dem Küchenstuhl zurück und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Ich hatte damals keine andere Wahl. Mein Mann war gestorben und die kleine monatliche Witwenrente reichte nicht einmal für eine Woche. Wie sollte ich uns durchbringen? Nach dem zweiten Kind hörte ich auf zu arbeiten. Niemand wollte eine Mutter einstellen, die solange Hausfrau war. Ich bekam nur diese eine Chance, also nutzte ich sie, obwohl es mich am Anfang anwiderte. Aber ich konnte es mir nicht aussuchen, die Schulden wuchsen, und ich sah keinen anderen Ausweg.“