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Marc Vollmer

Künstliche Gerechtigkeit

Kapitel 13 (Ausschnitt)

Mit jedem Tag in der Einzelzelle wuchsen in Lilli die Zweifel, ob ihre Anwältin es schaffen würde, sie aus dem Gefängnis herauszuholen. Die Betonwände, die sie einsperrten, die Gitter, die ihr die Freiheit raubten und das niederschmetternde Gefühl ausgeliefert zu sein, zerrten an ihrem Selbstwertgefühl. Wegen ihres Geburtsgeschlechts war sie vor drei Tagen in eine Haftanstalt für Männer eingewiesen worden. Da sie sich in Untersuchungshaft befand, stand es ihr frei, die Anstaltskleidung anzuziehen. Der Gefängniswärter, der die Kleidung ausgab, hatte sich verständnisvoll gezeigt und rief den Friseur der Anstalt an. Der ältere Herr hatte sie für einen Moment gemustert, hatte anschließend ihr schulterlanges Haar betrachtet und schlug ihr dann einen kurzen Haarschnitt vor, der für Männer und Frauen gleichfalls passend war. Lilli bedankte sich - nicht nur für den Schnitt. Seither trug sie den Overall, der ihr zwei Nummern zu groß war, aber ihre weibliche Figur verbarg.
Bei jedem Zähneputzen sah sie etwas in dem kleinen Spiegel ihrer Zelle, was sie glaubte abgelegt zu haben. Für sie fühlte es sich falsch an, hier als Mann zu existieren. Sie verlor sich und alles, was sie als Frau erreicht hatte. Tage zuvor hatte sie ein Team souverän geleitet, hatte keine Auseinandersetzung gescheut und führte erfolgreich ihr Unternehmen. Das zählte in diesen Mauern nichts. Ohne ihr Smartphone oder einem Internetzugang war sie wie alle anderen ein Verbrecher, der auf sich allein gestellt war. Die Monotonie des Nichtstuns setzte Lilli zu. Sie hoffte, nach ihrem ersten Hofgang unter freiem Himmel wäre das alles leichter zu ertragen. Doch der Hof von der Größe eines halben Fußballfeldes war von zwei Wänden der Haftanstalt umgeben, und denen gegenüber türmten sich meterhohe Mauern. Ein Grau wechselte sich mit dem anderen ab und sogar der triste Himmel setzte dem nichts entgegen. Die einzige Farbe war das Türkisblau der Overalls von ihren Mitgefangenen. Um jeden möglichen Kontakt zu vermeiden, schlenderte sie immer in die weniger besuchten Bereiche. Sie spürte die Blicke und hörte die Sprüche von den anderen Gefangenen, die sie als Frischfleisch bezeichneten. Lilli wusste, wenn sie einer von denen als Frau erkannte, hatte sie mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Am folgenden Tag lief sie auf dem großen Hof im langsamen Zickzackkurs von einer Seite zu anderen, damit sie keinem Inhaftierten zu nahe kam. Die erste halbe Stunde gelang ihr das noch, aber dann heftete sich ein älterer Mann mit der Konstitution eines Bären an ihre Hacken und spazierte kurz darauf neben ihr. „Hi, ich bin Konrad“, sagte er zu ihrer Erleichterung recht freundlich. Lilli musterte ihn kurz und dachte sich, dass er die typische Erscheinung eines Rausschmeißers hatte.
„Hallo, ich bin Leopold.“
„Deine Chancen sind ziemlich mies, hier wieder rauszukommen.“
Lilli blieb stehen und sah ihm in die Augen. „Woher willst du das wissen?“
„Ich weiß mehr über dich, als du ahnst.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir kennen uns nicht und ich habe dich nie zuvor gesehen.“
„Vielleicht solltest du wissen, dass ich hier ein Privileg besitze. Jeden Tag darf ich für eine Stunde ins Internet.“ Mit einem verschrobenen Schmunzeln sprach er weiter: „Für Gefangene gibt es natürlich Beschränkungen. Manche Seiten sind gesperrt und das sogar bei Wikipedia. Aber die Sicherheitsmaßnahmen sind ziemlich mau. Schon nach zwei Stunden konnte ich die meisten davon umgehen.“
„Konrad, was willst du mir damit sagen?“
„Ich weiß, was ihm Darknet gegen dich abgeht.“