Voll vermöhrt!
Er stapfte in sein Labor hinter dem Laden. Hier hatte er wenigstens normale Deckenhöhe. Regale voller Glaskolben, Tiegel und Phiolen, ein Arbeitstisch voller Notizen und Kaffeeflecken, und an der Wand ein Spiegel, in dem er gerade sein erschöpftes Gesicht betrachtete. Vierzig Jahre alt, fünf davon in diesem verrückten Dorf, und sein aufregendster sozialer Kontakt war ein dauergeiler Rammler.
»Frühlingserwachen Deluxe«, murmelte er und blätterte durch seine Notizen. »Wo hab ich ... ah, hier.«
Die Formel war kompliziert. Sehr kompliziert. Und er hatte tatsächlich keine einzige der Hauptzutaten mehr.
»Liebstöckel ... aufgebraucht. Schmachtblüten ... Rambo hat die letzten genommen. Leidenschaftswurzel ... auch weg. Vermöhrt!«
Er durchwühlte seine Vorräte. Ganz hinten, hinter verstaubten Gläsern, fand er einen kleinen Notvorrat. Nicht viel, aber es musste reichen.
»Okay. Konzentration, Archibald. Du schaffst das. Ist nur ein Liebestrank. Nichts, was du nicht schon hundertmal gemacht hast.«
Er zog seinen Laborkittel enger und machte sich an die Arbeit.
Zwei Stunden später war Archibald am Ende seiner Nerven.
»Drei Tropfen Rosenessenz ... nein, vier ...« Er rieb sich die müden Augen. Die Formel verschwamm vor seinem Blick. »Vermöhrte Handschrift. Warum schreib ich nicht ordentlicher?«
Der Kessel blubberte vor sich hin und verströmte einen Duft, der irgendwo zwischen Parfümerie und Komposthaufen lag.
»Das riecht nicht richtig«, murmelte er, fügte hastig mehr Vanille hinzu und schmierte sich dabei die Hände voll. »Besser. Obwohl ... riecht Liebe nach Vanille? Rambo riecht nie nach Vanille. Er riecht nach ... nach ...«
Er erstarrte mitten in der Bewegung.
Warum zum Henker dachte er jetzt an Rambos Geruch? Der Rammler roch nach Heu und irgendwas Warmem, Wildem, das Archibald nie richtig hatte benennen können. Nicht, dass er oft darüber nachgedacht hätte. Höchstens zwei-, dreimal. Pro Woche. Maximal.
»Konzentration!«
Er griff nach der nächsten Zutat. Das Etikett war verschmiert, aber es sollte die Leidenschaftswurzel sein. Er hatte das Glas genau hier hingestellt, neben das andere Glas mit dem verschmierten Etikett ...
Moment.
Zwei Gläser mit verschmierten Etiketten?
Er hielt beide ins Licht. Das eine roch süßlich, das andere herb. Beide sahen identisch aus – feines, silbriges Pulver.
»Oh nein. Oh nein, nein, nein.« Er durchwühlte hektisch seine Notizen. »Leidenschaftswurzel – silbernes Pulver, süßlicher Geruch. Mondschattenwurzel – silbernes Pulver, herber Geruch.« Er hätte aber schwören können, es sei andersherum.
Der Kessel begann stärker zu blubbern. Dampf stieg auf.
»Ich nehm das Süße!« Er schüttete großzügig von dem Pulver in den Kessel.
Der Dampf wurde dichter, bis plötzlich eine Wolke aus dem Kessel schoss und den ganzen Raum füllte.
»Hust, hust, vermöhrt!«
Archibald wedelte wild mit den Armen, versuchte die Fenster zu öffnen, aber der Dampf war überall und ließ seine Haut kribbeln.
»Das ist nicht ... das riecht nicht nach Liebestrank ...«
Seine Stimme brach ab.
Etwas zog an seiner Wirbelsäule. Ein Gefühl wie Wachs, das schmilzt und neu geformt wird. Er schaute an sich herunter – seine Finger. Seine Finger schrumpften. Die Knöchel verschwanden, die Nägel wurden weicher, runder, und dann –
Der Laborkittel rutschte von seinen Schultern. Schultern, die plötzlich viel zu schmal waren.
»Was –«
Seine Ohren. Sie wuchsen. Er konnte es fühlen, dieses irrsinnige Ziehen am Schädel, während sie sich streckten und streckten, höher und höher, bis sie nicht mehr menschlich waren. Und seine Beine – die Knie bogen sich falsch herum, die Füße wurden länger, schmaler, pelzig.
Etwas Flauschiges spross aus seinem unteren Rücken. Es wippte.
Erst jetzt fand seine Stimme zurück.
»Oh Scheiße«, erklang eine fremde, höhere Stimme.
Vorsichtig hoppelte er zum Spiegel. Hoppelte. Weil Gehen nicht mehr funktionierte, weil sein Körper plötzlich andere Regeln hatte.
Eine schneeweiße Häsin starrte zurück.
Aber nicht irgendeine Häsin. Diese Häsin war ...
»Das kann nicht –«, hauchte Archibald.
Sein Fell war schneeweiß und glänzte wie Seide. Die Ohren waren lang und elegant, mit perlmuttfarbenen Innenseiten. Er drehte sich vor dem Spiegel, und seine Taille – sie war nicht mehr gerade. Sie schwang ein. Und dann wieder aus.
»Habe ich ...« Er legte vorsichtig eine Pfote an seine Seite, fuhr die Kontur nach. »Habe ich Hüften?«
Er drehte sich zur Seite. Der verdammte Puschel wippte bei jeder Bewegung.
»Heilige Karotte.« Er zwang sich, ruhig zu atmen. Ruhig. Logisch. Er war Wissenschaftler. »Okay. Analyse. Spezies: eindeutig ... eindeutig Hase.«
Seine Pfote wanderte wie von selbst zu seiner Hüfte. Fuhr die Kurve nach. Da war etwas, das vorher nicht existiert hatte.
»Geschlecht: zweifelsfrei ...«
Seine Stimme versagte. Er starrte in den Spiegel. Die Häsin starrte zurück, und in ihren Augen stand nackte Panik.
»Verfassung«, flüsterte er, »absolut vermöhrt.«
Er wollte zu seinen Regalen laufen – und machte stattdessen einen unkontrollierten Satz, der ihn fast gegen das Regal schleuderte. »Wo ist ... wo hab ich ...«
Die Gläser waren plötzlich alle so hoch. Er musste sich auf die Hinterpfoten stellen, balancieren, mit den Vorderpfoten nach den Gläsern tasten.
KRACH!
Drei Gläser fielen herunter und zerschellten am Boden.
»Vermöhrt! Vermöhrte Hasenpfoten!« Er versuchte, die Scherben aufzusammeln, aber ohne Daumen war das unmöglich. »Okay, beruhigen. Nachdenken. Ich brauche die Gegenmittelformel!«
Er hoppelte zu seinen Notizen. Versuchte zu blättern. Die Seiten rutschten unter seinen Pfoten weg, zerknitterten, zerrissen.
»Das kann nicht wahr sein!« Seine Stimme klang verzweifelt. »Ich bin ein Zauberer! Ich kann das rückgängig machen! Ich muss nur –«
KLOPF-KLOPF-KLOPF!
»Schmachtbert? Bist du da drin? Ich hab was vergessen!«
»Äh ... GESCHLOSSEN!«
»Ich hör dich da drin! Und was war das für ein Krach? Alles okay?«
»Alles bestens! Geh weg!«
»Du klingst komisch. Bist du krank?«
»Nein! Ich meine, ja! Sehr krank! Sehr ansteckend!«
»Ansteckend womit?«
»Mit ... äh ... Dingen! Schlimmen Dingen!«
»Ich komm rein.«
»NEIN!«
Aber Archibald hörte schon, wie die Ladentür aufging. Rambo kannte den Weg ins Labor. Er kam immer her, wenn er »nur mal schauen« wollte.
Panik. Er konnte nicht ... Rambo durfte ihn nicht so sehen ...
Die Labortür ging auf.
Rambo stand im Türrahmen.
Sein Kiefer klappte nach unten. Langsam, wie in Zeitlupe. Kein Grinsen. Kein Spruch. Zum ersten Mal, seit Archibald ihn kannte, schien dem Rammler die Sprache abhanden gekommen zu sein.
Sie starrten sich an. Archibald, als schneeweiße Häsin, noch halb in den Überresten seines Laborkittels verheddert. Rambo, dessen Mund immer noch offen stand.
»Du bist nicht Schmachtbert.« Rambo klang, als hätte er einen Frosch im Hals. Oder einen Kloß aus Fell.
»Ich ... äh ... nein! Natürlich nicht!« Archibald versuchte verzweifelt, seine Stimme zu verstellen. »Ich bin ... äh ...«
Er schaute sich panisch im Raum um. Mörser. Destillierkolben. Staubwedel in der Ecke.
»Ich bin Mörs ... äh, Desta ... DUSTINE! Dustine ... äh ... Schmachtbert!«
»Dustine Schmachtbert«, wiederholte Rambo langsam.
»Cousine!« Archibalds Stimme überschlug sich. »Ich bin ... Dustine. Aus der Stadt. Ganz weit weg. Metropole. Riesenlöffel-City.«
Rambo kam näher. Archibald wich zurück, bis er gegen den Arbeitstisch stieß.
»Dustine«, sagte Rambo, und der Name klang ungewohnt weich. »Du riechst ...«
»Nach Zaubertrank? Ja, Arbeitsunfall! Passiert ständig!«
»Nein.« Rambo war jetzt so nah, dass Archibald seinen Atem spüren konnte.
Und dann war da wieder dieser Geruch. Heu und Wärme und etwas darunter, das ihn plötzlich schwindelig werden ließ. Seit wann roch Rambo so? Hatte er immer so gerochen, und Archibald hatte es nur nicht –
Sein Schwanz zuckte. Von selbst.
Nein, nein, nein.
»Du riechst nach Vanille«, sagte Rambo leise. »Und nach Archibald. Aber besser. Viel besser.«
»Das ... das bildest du dir ein!«
»Wo ist er?«
»Verreist! Spontan! Familiennotfall!«
Rambo legte den Kopf schief. »Und hat dich hiergelassen? Allein? In seinem Labor?«
»Ich soll ... aufpassen. Auf die Tränke. Sehr wichtige Tränke.«
»Aha.« Rambo kam noch einen Schritt näher. Archibald presste sich gegen den Tisch. »Weißt du, Dustine, du bist ...«
»Was?«
»Wunderschön.«
Hitze. Überall Hitze, die in seinen Kopf stieg und – brannten seine Ohren? Er konnte es fühlen, dieses verräterische Glühen in den langen, empfindlichen Dingern, die jetzt zu seinem Körper gehörten.
»Das ... das ist ... du kannst nicht einfach ...«
»Hast du heute Abend schon was vor?«
»WAS?«
Rambo grinste, aber es war anders als sonst. »Ich dachte, ich könnte dir vielleicht das Dorf zeigen? Wenn du aus der Stadt kommst, kennst du dich hier sicher nicht aus.«
»Ich ... äh ... ich muss Tränke brauen!«
»Die können warten.« Rambo streckte eine Pfote aus. »Komm schon, Dustine. Ein kleiner Spaziergang. Als Willkommensgruß.«
Archibald starrte auf die ausgestreckte Pfote. Er sollte nein sagen. Er musste ein Gegenmittel finden. Er musste ...
Rambo roch so verdammt gut.
Und seine Pfote sah so stark aus.
Und diese neuen Hasengefühle machten alles so intensiv.
»Eine Stunde«, hörte er sich sagen. »Mehr nicht.«
Rambos Lächeln war ehrlich und warm. »Eine Stunde. Versprochen.«
Als ihre Pfoten sich berührten, durchfuhr ihn ein Kribbeln, das in den Zehenspitzen begann und nicht mehr aufhören wollte.
Das hier war falsch, dachte er, während Rambo ihn aus dem Labor führte. Vollkommen falsch.
Aber sein neuer Körper glaubte ihm kein Wort.