Voll vermöhrt!
Als Archibald erwachte, wusste er sofort, dass etwas nicht stimmte.
Erstens war alles viel zu intensiv. Das Stroh unter ihm roch nach Sommer, Erde und getrocknetem Klee, die Luft nach Tau und ... Nachbar Mümmelmann, der drei Häuser weiter Kaffee kochte?
Zweitens war sein Bett verboten gemütlich.
Er öffnete ein Auge. Archibald lag in einer perfekten Mulde. Kein hartes Menschenbett, keine kalten Füße, die über die Kante hingen.
»Oh nein.«
Die Erinnerung traf ihn wie ein nasser Waschlappen. Die Verwandlung. Rambo. Dieser verdammte Spaziergang. Rambo hatte das alte Bett gesehen, war entsetzt gewesen und hatte Archibald quasi dazu gezwungen, in diesem Meisterwerk der Hasen-Architektur zu schlafen.
Er schüttelte heftig den Kopf. »Hasenhormone!«, sagte er laut in die Stille des Labors. »Biochemische Fehlzündungen!«
Er wollte aus dem Bett steigen wie ein Mensch – Beine über die Kante schwingen und aufstehen. Stattdessen ruderten seine Hinterpfoten wild in der Luft, fanden keinen Halt, und er kugelte unelegant aus der Strohmulde. Der Versuch, sich aufzurappeln, endete in einem Satz, der ihn fast bis zur Decke beförderte. Er hatte die Kraft seiner Hinterläufe völlig unterschätzt. Immerhin landete er vor dem Spiegel.
Eine Häsin starrte zurück. Zerzaust, aber unverschämt niedlich. »Analyse«, murmelte er. »Spezies: Hase. Würde: nicht existent.«
Sein Magen gab ein Geräusch von sich, das wie ein grollendes Gewitter klang. Ein nagender Hunger überfiel ihn. Aber nicht nach Toast oder Rührei. Sein Blick fiel auf die Fensterbank. Dort stand seine jahrelang vernachlässigte Grünlilie. Ihre langen, hellgrünen Blätter hingen herab und an den Spitzen baumelten kleine Ableger, die wie saftige, grüne Pralinen aussahen. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er wollte hineinbeißen.
»Nein!« Er schlug sich mit den Pfoten auf die Wangen. »Du isst nicht die Bürodeko! Konzentriere dich!«
Er musste arbeiten. Das Gegenmittel. Sofort.
Er hechtete zum Arbeitstisch und beugte sich über die Notizen.
»Was zum ...«
Die Buchstaben waren nur verschwommene schwarze Kleckse. Er kniff die Augen zusammen. Nichts. Er ging näher ran. Schlimmer. Er machte einen Schritt zurück. Die Kleckse wurden zu Linien. Noch ein Schritt. Die Linien wurden zu Wortfragmenten. Er hoppelte rückwärts durch das halbe Labor, bis sein Puschel gegen die Wand stieß. Plötzlich war das Wort »Mondschatten« gestochen scharf zu lesen – aus drei Metern Entfernung.
»Weitsichtig?« Er starrte entsetzt quer durch den Raum auf das Blatt. »Ich bin weitsichtig? Wie soll ich denn so Tränke brauen? Mit einem Fernglas?«
Er drehte den Kopf, um den Rest des Raumes zu sehen, und bemerkte, dass er den Kopf gar nicht drehen musste. Seine Augen saßen seitlich. Er konnte fast hinter sich sehen, ohne sich zu bewegen, hatte aber direkt vor der Nase einen blinden Fleck. Großartig. Ein Rundumblick, aber das Wichtigste direkt vor der Schnauze sah er nicht.
Er ließ sich auf den Puschel plumpsen. Das war eine Katastrophe. Eine weitsichtige, hungrige Katastrophe.
KLOPF-KLOPF-KLOPF!
»Dustine? Bist du wach?«
Archibald zuckte so heftig zusammen, dass er fast vom Tisch fiel.
»Äh ... ja! Aber ich bin ... nackt!«
»Wir sind Hasen, Dustine. Wir sind immer nackt.«
»In der Stadt nicht!«, schrie Archibald panisch. »Da tragen wir ... Westen! Und Hüte!«
»Hüte?«
»Ja! Und Tweed! Viel Tweed! Sehr kratzig, aber modisch!«
»Okay ...« Rambo klang amüsiert. »Ich hab Frühstück.«
Archibalds Magen grollte erneut. Er ignorierte den Gedanken an die Grünlilie, leckte sich hastig über das Fell an der Brust – wobei er sich sofort dafür hasste – und öffnete die Tür.
Rambo hatte keine Mühen gescheut. Hinter dem Labor, auf der kleinen Wiese, lag eine karierte Decke. Darauf ausgebreitet: ein Festmahl aus Grünzeug, eine Vase mit Gänseblümchen, und Rambo, der in der Morgensonne glänzte wie ein frisch polierter Kastanienkern.
»Das ist ...« Archibald suchte nach einem Wort, das nicht romantisch war. »... effizient.«
»Nur das Beste für den Stadtgast.« Rambo klopfte auf die Decke. »Setz dich. Sofern deine städtische Mode es zulässt.«
»Ha ha.« Archibald ließ sich vorsichtig nieder und achtete penibel darauf, seinen Puschel sittsam zu platzieren.
»Also«, Rambo schob ihm einen Teller hin. »Erzähl mir von der Stadt. Und wie du mit Archibald verwandt bist.«
Archibald nahm einen Bissen Löwenzahn. Ein Stöhnen entwich ihm. Himmlisch. Knackig. Saftig. Vierzig Jahre seines Lebens hatte er an Steak verschwendet, wenn er das hier hätte haben können.
»Mhm?« Er schluckte. »Cousine. Ich bin seine Cousine.«
Rambo runzelte die Stirn. »Moment mal. Archibald ist ein Mensch. Du bist eine Häsin.«
»Ja?«
»Wie kannst du dann seine Cousine sein?«
Archibald erstarrte. »Äh ... das ist ... also ... ich bin ... adoptiert!«
»Adoptiert?«
»Ja! Ich wurde von Menschen adoptiert! Als Baby! Baby-Häsin! Sehr klein!«
»Und die haben dich Schmachtbert genannt?«
»Das ist ... ein sehr beliebter Hasenname! In der Stadt! Bei adoptierten Hasen!«
Rambo legte den Kopf schief. »Aber wenn du von Menschen adoptiert wurdest, wärst du dann nicht seine Schwester? Nicht seine Cousine?«
»Nein! Weil ... weil ...« Archibald suchte verzweifelt nach einer Erklärung. »Seine Eltern und meine Adoptiveltern sind Geschwister! Also bin ich quasi ... ähm ... artübergreifend verwandt!«
»Artübergreifend verwandt?«
»Genau! Das gibt's! In der Stadt! Paragraph 17b der städtischen Adoptionsverordnung! Sehr modern!«
Rambo beobachtete ihn. Sein Blick war warm, aber verdammt scharfsinnig.
»Du isst übrigens genau wie er.«
Archibald erstarrte, ein halbes Kleeblatt im Mund. »Wie bitte?«
»Du knabberst erst die Ränder ab. Im Kreis. Bis nur noch die Mitte übrig ist. Archibald macht das mit seinem Toast auch so.«
»Das ist die Essschule!«, schoss es aus Archibald heraus.
»Die was?«
»Die städtische Essschule. Internat. Da lernt man effiziente Nahrungsaufnahme durch Rand-Zentrierung. Das ist Standard!«
Rambo blinzelte langsam. Ein Grinsen zuckte um seine Mundwinkel.
»Du lügst, dass sich die Balken biegen, Dustine.«
»Tue ich nicht!«
»Doch, deine Ohren zucken.«
»Das ist der Wind!«
»Es ist windstill.«
»Dann sind es nervöse Ticks! Spätfolgen der Essschule! Die Lehrer waren sehr streng!«
Rambo rutschte näher. »Weißt du, es ist schon komisch. Gestern Abend war Archibald noch da, und dann tauchst plötzlich du auf. Und er ist verschwunden.«
»Ich hab dir doch gesagt, Familiennotfall!«
»Ohne seine Sachen zu packen? Ohne mir Bescheid zu sagen?«
»Warum sollte er ausgerechnet dir Bescheid sagen?«
»Wir sind ... so was wie Freunde. Ich meine, ich nerve ihn gern, und er tut so, als würde es ihn stören, aber ...«
»Es stört ihn wirklich.«
»Nein, tut es nicht.« Rambo klang sehr überzeugt. »Seine Ohren zucken immer, wenn er lügt. Und jedes Mal, wenn er behauptet, dass ich nerve, zucken seine Ohren wie verrückt.«
Archibald fühlte, wie seine Ohren wieder zu zucken begannen. »Das ... das bildest du dir nur ein.«
»Tu ich nicht.«
Rambo rutschte näher. Zu nah.
»Dustine ...« Rambo hob eine Pfote und strich sanft über die Innenseite von Archibalds langem Ohr.
Die Berührung jagte einen Blitzschlag direkt in Archibalds Kniekehlen. Hasenohren waren verdammt empfindlich.
»Du bist so weich«, flüsterte Rambo. »Und du riechst so gut. Wie Archibald, nur ... süßer.«
Er beugte sich vor. Archibald vergaß zu atmen. Rambo war jetzt so nah, dass Archibald die goldenen Sprenkel in seinen Augen zählen konnte. Rambo neigte den Kopf und stieß ganz sanft mit seiner Nase gegen Archibalds Schnauze. Samt auf Samt. Ein Hasenkuss.
»NOTFALLÖFFNUNG!«
Er riss sich los, stolperte rückwärts über den Picknickkorb – diese verdammten Hinterläufe gehorchten ihm immer noch nicht –, rappelte sich auf und rannte los.
»Dustine, warte!«
»Dringende Geschäfte! Inventur! Steuererklärung!«
Er flüchtete in den Laden, knallte die Tür zu und lehnte sich schwer atmend dagegen. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen.
»Beruhige dich«, keuchte er. »Du bist Archibald Schmachtbert. Seriöser Geschäftsmann. Mensch.«
Er schloss die Augen. Und sah sofort Rambos golden gesprenkelte Augen vor sich.
»Scheiße«, flüsterte er in die Stille des Ladens. »Ich brauche sofort dieses Gegenmittel!«