Apokalypse per Post
Der Lautsprecher krächzte. „Ralphobius Quirion Simpus der Siebenundzwanzigste, melden Sie sich im Kontrollraum!“
„Ralph, die meinen dich!“ Sein Kollege Hampert vom Planeten Achtillion kickte Ralph ans Schienbein.
Er nestelte mit einem Seufzer die Kopfhörer aus den Ohren. „Was ist los?“
Kimpo schlug sich mit einem Fühler gegen den Kopf und kicherte. „Ralphobius? Ernsthaft?“ Er lachte prustend. „Der Siebenundzwanzigste? Bist du ein König oder was?“
„Ich bin nicht …“ Ralph unterbrach sich. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um seinen Kollegen zu erklären, dass es auf Buskopan, seinem Heimatplaneten, Sitte war, möglichst umständliche Namen über möglichst viele Generationen hinweg weiterzugeben. Ralphs Mutter Hildegarda Klumpus Vidonk die Vierundachtzigste war eine traditionsbewusste Frau gewesen.
Hampert setzte zum Sprechen an, wurde aber von der nächsten Lautsprecheransage unterbrochen. „Ralphobius Quirion Simpus der Siebenundzwanzigste, melden Sie sich sofort im Kontrollraum!“ Es knackte. „Das bedeutet jetzt!“
„Hoppla.“ Ralph sprang auf und eilte in Richtung Kontrollraum. Alle starrten ihn an. Einige warfen ihm mitleidige Blicke zu. Andere zuckten mit den Schultern, sofern sie welche hatten. Die Durchsage erklang erneut.
„Is ja schon gut“, flüsterte Ralph und fragte sich zum wiederholten Mal, warum die Stellar-Silkroad Inc. selbst im 223. Jahrhundert noch diese Art Lautsprecher nutzte. Die mussten 200 Jahre alt sein. Qualitätsprodukte, dachte er, die gehen einfach nicht kaputt. Er öffnete die Tür zum Kontrollraum und hing noch dem Gedanken nach, dass sich Stellar-Silkroad Inc. problemlos die modernsten Lautsprechersysteme leisten könnte, die es auf dem Markt gab. Schließlich war die Firma das führende Transportunternehmen in diesem Teil der Galaxie. Es gab da diese grandiosen winzigen Dinger, die Nachrichten nur denjenigen zukommen ließen, die sie hören mussten, und zwar in der jeweiligen Sprache und Lautstärke, die der entsprechenden Spezies am angenehmsten war.
„Da sind Sie ja endlich“, fauchte ein kleiner Kerl, der ein wenig an ein Krokodil erinnerte. Ralph hatte ihn schon lange mal fragen wollen, von welchem Planeten er kam. Jetzt war aber wohl nicht der richtige Zeitpunkt. Also nickte er nur.
Bei Stellar Silkroad Inc. waren die Hierarchien so flach, dass Anweisungen eigentlich immer seitwärts weitergegeben wurden. In der Frage war es, anders als bei der Lautsprechertechnologie, ein sehr modernes Unternehmen. Man konnte seine Vorgesetzten nicht kennen.
„Sie müssen das reparieren“, sagte der Krokodilkerl und deutete auf seinen gebogenen Plasmabildschirm, der vor ihm über dem Tisch waberte wie eine Blase in einer Lavalampe. Mit einer Kralle tippte er hier und da auf dem ergonomisch perfekt an seine Spezies angepassten Bildschirm. Das, was darauf erschien, ließ Ralph schlucken. Nahezu nichts, was messbar war, lief in den gewünschten Parametern. Hoffentlich war es nicht seine Schuld.
Verdammt. Er rümpfte die Nase. „Wir haben ein kleines Problem, so wie es aussieht.“
Der Krokodilmann – Ralph konnte sich beim besten Willen nicht an seinen Namen erinnern, obwohl er sich sicher war, dass der Kerl hin und wieder mal wichtig war – zeigte unbeirrt auf den Bildschirm.
„Haben Sie eine Erklärung dafür?“
„Das sieht aus wie das perfekte Chaos“, meinte Ralph und wollte nicht einmal einen Witz machen.
„Ich freue mich, dass Sie das Problem so schnell erkannt haben. Sie reparieren das“, sagte der Mann. Es war keine Frage. „Fordern Sie formlos die nötigen Ressourcen an.“
Ralph nickte und verließ den Kontrollraum. Das würde ein langer Arbeitstag werden. Unter Umständen auch eine lange Arbeitswoche.
Wenige Stunden später hatte Ralph herausgefunden, dass es eine massive Störung im Lieferprogramm gab. Na gut, das hatte er schon in dem Moment gewusst, als er auf den Bildschirm im Kontrollraum geschaut hatte. Aber nun wusste er einiges mehr über die Art der Störung. Sie war geradezu episch. Schuld daran war entweder ein Hackerangriff oder ein Virus. Vielleicht auch beides.
Stellar Silkroad Inc. war weiterhin in der Lage, Bestellungen zu empfangen, aber nahezu alle Schritte danach waren gestört. Das gesamte KI-gesteuerte Logistiksystem schien verrückt zu spielen. Die falschen Dinge wurden falsch verpackt, mit falschen Adressen und falschen Rechnungen versehen und auf der falschen Route vom falschen Lieferanten an noch falschere Adressaten ausgeliefert.
Ralph hätte zu gerne ein Programm laufen lassen, um herauszufinden, wie verschwindend gering die Wahrscheinlichkeit war, dass etwas aus Zufall an die richtige Adresse verschickt wurde. Wahrscheinlichkeitsrechnung war seit frühester Kindheit eines seiner Hobbys. Aber das musste wohl oder übel warten, denn auch wenn er, dem barmherzigen Homba sei Dank, höchstwahrscheinlich nicht für das Chaos verantwortlich war, so war es leider seine Aufgabe, es wieder in Ordnung zu bringen.
Ein Virus im KI-System? So etwas war seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen. Nicht, seit Ralph für Stellar Silkroad Inc. arbeitete. Er war einer der Spezialisten für die Koordination des KI-Logistiksystems. Die allermeisten Prozesse waren KI-gesteuert. Selbst die eigentlichen Lieferungen wurden von hochentwickelten Drohnen und vollautomatischen Frachtschiffen durchgeführt, die ihrerseits KI-gesteuert waren. Der letzte lebende Packer war vor Jahrzehnten in Rente geschickt worden. Die meisten Frachter liefen mit Autopilot. Schiffskapitäne gab es natürlich weiterhin, denn auf vielen Welten waren vollautomatische Frachtschiffe verboten und den Titel Kapitän fanden alle reizvoll, gerade in diesem Zeitalter, wo damit kaum noch Arbeit verbunden war.
Ralph beschloss, erst einmal Kaffee zu kochen. Dieses eigenartige Getränk von einem kleinen Planeten namens Erde war gerade der letzte Schrei und man bekam überall Dinge, die sehr ähnlich schmeckten. Während er dabei zusah, wie das heiße Wasser durch den Kaffeepulverersatz tröpfelte, konnte er am besten nachdenken. Er würde eine Diagnoseschleife laufen lassen, um erst einmal herauszufinden, in welchem System das Problem seinen Ursprung hatte. Noch während der Kaffee durchlief, startete er auf seinem Computerinterface eine erste Serie von Schleifen. Er rührte eine ungesunde Menge Süßschnupfi in seine Tasse und nippte an der heißen, dunklen Flüssigkeit, die beinahe genauso roch wie Kaffee.
Piep. Der Computer hatte die Diagnoseschleifen 1 bis 712 beendet. Das Ergebnis war mehr als erstaunlich: „Es ist alles in bester Ordnung, lieber Ralph.“
„Was du nicht sagst!“ Ralph stellte seine Tasse ab und starrte auf den Bildschirm.
Er tippte einige Befehle ein und bat den Computer höflich, aber bestimmt, eine Selbstdiagnose durchzuführen.
Die Antwort blieb dieselbe. „Es ist alles in bester Ordnung, lieber Ralph.“