Schatten über der Adria - Wenn Blicke keine Ruhe lassen
Isabelle
Die Hitze in Kroatien war anders als alles, was ich aus dem grauen, rastlosen Berlin kannte. Sie lag nicht nur auf meiner Haut, sondern sank tiefer. Schwer vom Salz der Adria, durchzogen vom herben Duft der Pinien.
Als Clara und ich die Terrassentür unseres Apartments aufstießen, war sie sofort da, massiv und ohne Vorwarnung, kein langsames Ankommen, einfach da, unnachgiebig. Für einen Moment blieb ich stehen, halb im Schatten des Zimmers.
Doch mein erster Reflex galt nicht dem Meer. Wie automatisch griff ich in meine Tasche, zog mein Handy hervor und entsperrte den Bildschirm. Nichts. Keine Nachricht. Kein verpasster Anruf. Ich wartete trotzdem einen Moment länger. Es war genau die Stille, die mich unruhig machte. Stille bedeutete bei Sven nur eins: Er wartete.
Ich hatten ihn überall blockiert, Nummern, Social Media, selbst die Profile seiner Freunde. Ich hatte jede Tür geschlossen, jede Verbindung gekappt, so gründlich, wie es mir möglich gewesen war. Aber Sven war niemand, der Grenzen akzeptierte. Wenn ein Weg verschwand, suchte er sich einen neuen: Anonyme Nachrichten, Anrufe ohne Nummer, dieses leere Klingeln mitten in der Nacht, das mich wachriss, ohne dass am anderen Ende jemand sprach.
Ein neues Handy hätte nichts geändert. Er war mein Teamleiter, er wusste, wann ich arbeitete, wann ich online war, wann ich verschwand. Berlin hatte irgendwann aufgehört, ein Ort zu sein. Es war ein System geworden, in dem er immer einen Schritt voraus war.
Ich merkte erst, dass ich nicht atmete, als der Schmerz einsetzte.
„Isa? Handy weg. Jetzt sofort.“ Claras Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich blinzelte, als müsste ich erst zurückfinden. Sie stand bereits draußen auf dem Balkon, die Arme auf die Brüstung gestützt, das Gesicht in die Sonne gehoben, als hätte sie alles, was hinter uns lag, einfach abgestreift.
„Er weiß nicht, wo wir sind“, sagte sie ruhiger, aber bestimmt. „Wir haben das geplant. Niemand hat uns gesehen. Sven existiert hier nicht.“
Ich nickte leicht. Überzeugt war ich nicht. Ich ließ das Handy langsam sinken, bevor ich es in meinen Rucksack schob, tiefer als nötig, unter Reiseführer und Kleidung, als müsste ich es einfach loswerden.
Barfuß trat ich nach draußen. Der Stein unter meinen Füßen war heiß, so heiß, dass ich instinktiv kurz das Gewicht verlagerte. Es tat fast weh, und genau deshalb fühlte es sich richtig an, echt, gegenwärtig. Ich trat an die Brüstung. Vor mir spannte sich ein Blau, das eher erfunden als echt wirkte. Keine Bewegung, keine Hektik, nur eine weite Fläche.
„Das ist kein Meer“, murmelte Clara leise neben mir. „Das ist flüssiges Licht.“
Ich antwortete nicht. Zum ersten Mal seit Wochen wurde es in meinem Kopf leiser. Nicht still. Aber leiser, als hätte jemand den Lärm ein Stück zurückgedreht. Ich legte die Hände auf den warmen Stein der Brüstung und spürte die Hitze unter meinen Handflächen. Alles hier war zu ruhig, zu offen, zu weit weg von allem, was ich kannte. In Berlin hatte ich immer gewusst, worauf ich achten musste, Geräusche, Bewegungen, jede Regung. Hier gab es nichts, woran ich mich festhalten konnte.
„Ich fang schon mal an auszupacken“, sagte Clara irgendwann und verschwand wieder ins Apartment. Die Tür schloss sich leise hinter ihr.
Ich blieb allein zurück. Der Wind strich über meine Haut, warm und gleichmäßig. Ich schloss kurz die Augen, und sofort war Berlin wieder da, U-Bahn-Geräusche, Stimmen, Schritte hinter mir und seine Stimme, kühl, kontrolliert, immer einen Ton zu nah.
Ohne mich bist du nichts.
Ich riss die Augen wieder auf. Das Meer lag unverändert vor mir, ruhig, gleichgültig. Ich zwang mich, tiefer zu atmen, einmal, noch einmal, merkte, wie etwas in mir nachließ, und spürte, wie sich die Spannung in meinem Nacken löste, nicht ganz, aber genug, um nicht mehr sofort reagieren zu müssen.
Vielleicht hatte Clara recht. Vielleicht war das hier wirklich ein Ort, an dem er mich nicht erreichen konnte. Ein Teil von mir glaubte es trotzdem nicht.
Luka
Ich hatte nicht vor, hinauszugehen. Mir genügten der Schatten, die kühle Luft im Rücken und das Glas Weißwein. Ich war nicht nach Bol gekommen, um Menschen kennenzulernen, sondern um für ein paar Tage nichts zu müssen.
Seit dem Tod meines Bruders war Stille selten geworden. Wenn ich sie fand, ließ ich sie nicht mehr los. Genau deshalb blieb ich, wo ich war, halb im Schatten, dem Licht draußen zugewandt, ohne Teil davon zu werden.
„Isa, jetzt leg das Ding endlich weg. Wir haben diese Reise wie eine Geheimoperation geplant … Sven existiert hier nicht.“
Die Stimme kam vom Nachbarbalkon.
Der Tonfall störte die Szenerie, zu angespannt, zu wach, kein lockerer Streit, keine Urlaubsleichtigkeit. Ich blieb stehen. Die Worte arbeiteten nach. „Geheimoperation“. „Existiert hier nicht.“ Das waren keine Formulierungen, die man nebenbei benutzte.
Ich trat einen Schritt näher. Gerade weit genug, um wahrzunehmen, ohne selbst aufzufallen. Zwei Frauen. Die eine sprach lebendig, offen, nahm Raum ein, ohne darüber nachzudenken. Die andere stand daneben, zurückhaltend, zu kontrolliert für jemanden, der gerade angekommen war. Ihre Haltung war nicht entspannt, nicht einmal bemüht entspannt. Sie wirkte vorbereitet.
Die Freundin verschwand im Apartment, und dann trat die Dunkelhaarige ins Licht. Ich blieb stehen, ohne genau zu wissen, warum. Nicht ihr Aussehen hielt mich dort. Sondern die Art, wie sie sich hielt: der leichte Zug in den Schultern, ihre Aufmerksamkeit, die nie lange an einem Ort blieb, sondern ständig neu ansetzte, als würde sie damit rechnen, dass etwas passiert. Nicht hier. Aber grundsätzlich.
„Sie heißt Isabelle, Luka.“
Ich hatte nicht bemerkt, dass Marijella hinter mir stand. Ich reagierte nicht sofort und blieb noch einen Moment draußen, bevor ich mich ihr zuwandte. Sie stand neben mir, ein Handtuch über dem Arm, und folgte meiner Linie, als hätte sie genau gesehen, wohin ich sah.
„Die beiden habe ich gerade eingecheckt. Freundinnen aus Deutschland.“ Ihre Aufmerksamkeit blieb kurz bei Isabelle. „Die Dunkelhaarige … sei vorsichtig mit ihr.“
Ich verzog leicht die Stirn. „Warum?“
Marijella zuckte mit den Schultern. „Man sieht es. Sie trägt etwas mit sich herum.“
Ich antwortete nicht. Ich wandte mich wieder nach draußen, zurück zu Isabelle. Sie stand jetzt am Geländer und sah aufs Meer, aber sie wirkte nicht gelassen. Es war kein echtes Stehenbleiben, eher ein Aushalten, als würde sie versuchen, etwas loszuwerden, das nicht ging.
„Wie heißt sie?“, fragte ich schließlich. „Isabelle. Und die andere ist Clara.“
Ich nickte knapp, stellte mein Glas ab und trat hinaus in die Sonne. Die Wärme traf sofort, direkter als im Schatten, das Licht heller, schärfer. Für einen Moment blendete es, dann gewöhnten sich meine Augen daran. Ich ging ohne Hast. Nur ein paar Schritte, die den Abstand zwischen uns verkürzten, ohne ihn ganz aufzulösen.
„Du bist neu hier.“
Sie zuckte leicht zusammen, kaum sichtbar, aber eindeutig, dann drehte sie sich zu mir um. Ihr Blick war sofort wach, fokussiert, als hätte sie in dem Moment entschieden, mich einzuordnen.
„Vielleicht“, sagte sie. Ich musste leicht schmunzeln. „Du antwortest gern so.“
„Wie?“
„Vage. Als würdest du vermeiden, zu viel zu sagen.“
Jetzt musterte sie mich offener. „Und du stellst gern Fragen, die dich nichts angehen.“
Ich musste lachen. „Ich stelle selten Fragen. Ich beobachte.“ Ich wich nicht aus. „Man lernt mehr über Menschen, wenn sie glauben, allein zu sein.“
Etwas in ihr spannte sich sofort an, nicht viel.
„Du wirkst... “, ich brach kurz ab, suchte nicht nach einem perfekten Satz, sondern nach dem richtigen. „Als würdest du nicht abschalten können.“
Sie sagte nichts. Die Stille blieb zwischen uns. Dann sagte ich ihren Namen. „Isabelle.“
Sie erstarrte sichtbar, und für einen Moment lag nur Alarm in ihrem Blick. Ich hob leicht die Hände. „Keine Sorge. Meine Tante hat euch eingecheckt, sie redet gern.“
Der Alarm verließ ihr Gesicht nicht ganz.
„Ich bin Luka.“ Ich trat einen halben Schritt näher, ließ aber bewusst Abstand. „Und mein Rat für deine Zeit hier: Versuch nicht, alles festzuhalten.“ Ich wandte mich kurz dem Meer zu, dann wieder ihr. „Hier landet man weicher, wenn man locker lässt.“
Isabelle
Luka sah mich noch einmal an, dann verschwand er in seinem Zimmer. Ich folgte ihm noch, bis die Dunkelheit ihn nahm, und zurück blieb nur, wie deutlich er eben noch da gewesen war.
„Oha“, sagte Clara neben mir und biss in ihr Plätzchen. „Wer ist bitte der griechische Gott vom Nachbarbalkon?“
Ich blinzelte, brauchte einen Moment, um wieder zurückzukommen. „Er heißt Luka. Und er ist Kroate, kein Grieche.“ Meine Stimme klang gefasster, als ich mich fühlte. Clara trat näher und bekam diesen Blick, mit dem sie glaubte, mich durchschaut zu haben.
„Und?“
Ich zögerte kurz, suchte nach einem Wort, das nicht zu viel preisgab. „Er beobachtet.“
Clara grinste sofort. „Süße, das war kein Beobachten. Der hat dich verschlungen.“
Ich schnaubte leise und wandte mich wieder dem Meer zu. „Er ist arrogant.“
„Nein“, widersprach sie ohne zu zögern. „Er ist genau das, was du gerade brauchst.“
Ich antwortete nicht. Meine Hände legten sich auf die warme Steinbrüstung, fast automatisch, als bräuchte ich etwas Festes unter mir. Ich sah hinaus aufs Wasser. Farben, Bewegung, Licht, alles war da, nur nicht bei mir. Etwas hatte sich verändert, leise und ohne Ankündigung, und ich wusste noch nicht, ob ich es ignorieren oder ernst nehmen sollte.
Svens Schatten war noch da, irgendwo im Hintergrund meines Kopfes, wie ein Geräusch, das nie ganz verschwand. Aber er war nicht mehr allein. Da war jetzt etwas anderes. Ruhiger. Klarer. Eben weil es nichts wollte, verstand ich es nicht.
Ich spürte Claras Aufmerksamkeit auf mir, prüfend, geduldig. Sie wartete, bis ich selbst verstand, was in mir vorging. Aber sie sagte nichts mehr. Sie musste es nicht.
Das Meer lag vor mir, ohne bei mir anzukommen. Er war sofort wieder da, die Art, wie er mich angesehen hatte, nicht neugierig, nicht aufdringlich. Eher so, als hätte er etwas gesehen, das ich selbst noch nicht benennen konnte. Kein Drängen, keine Erwartung. Und genau das machte es so schwer, ihn einfach abzutun.
Meine Finger zogen sich fester um die Brüstung, bevor ich sie bewusst wieder lockerte. Ich atmete zweimal tief ein. Ich zwang mich, mich davon loszureißen, wieder klar zu werden, zurück in einen Moment zu finden, in dem nichts passiert war. Zumindest nichts, das sich greifen ließ.
Ich richtete mich langsam auf.
Vielleicht lag dort draußen etwas, das sich wie Freiheit anfühlte. Nicht plötzlich, sondern in kleinen Veränderungen, die sich erst zeigen, wenn sie längst begonnen haben. Zum ersten Mal glaubte ich, dass sie nicht nur im Meer lag.
Vielleicht hatte sie gerade erst angefangen.