Schatten über der Adria - Wenn Blicke keine Ruhe lassen
„Ich sag’s dir, mein Kopf bringt mich um“, flötete Clara am Morgen des sechsten Tages und drückte sich mit einer übertrieben dramatischen Geste die Hand an die Stirn. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen, völlig übertrieben erschöpft, schloss kurz die Augen und öffnete sie dann wieder einen Spalt, um meine Reaktion zu prüfen.
„Die Sonne gestern war wohl doch zu viel. Geht ihr zwei allein los. Ein bisschen frische Seeluft am Murvica-Strand wird euch guttun. Und wehe, ihr kommt vor dem Sonnenuntergang zurück.“
Ich verschränkte die Arme locker vor der Brust und sah sie an. „Clara, vor zehn Minuten hast du noch überlegt, welches Eis wir heute probieren.“
„Rückfall, Isa. Ein ganz schwerer Rückfall.“ Sie hob eine Hand, fast theatralisch, und grinste dann. „Jetzt los. Luka wartet unten. Enttäusch den armen Mann nicht, er hat heute Morgen schon dreimal zur Treppe geschielt, ob du endlich kommst.“
Ich verdrehte leicht die Augen, aber ich setzte mich in Bewegung. „Du übertreibst.“
„Tue ich nicht“, erwiderte sie sofort, dieses Mal ruhiger, fast beobachtend. „Er brennt darauf, dich für sich allein zu haben. Und du... “ Sie ließ den Satz einen Moment offen, sah mich genauer an. „Du gehst trotzdem runter.“
Ich antwortete nicht, weil sie recht hatte.
Als ich wenig später die Treppen hinunterging, spürte ich jeden Schritt bewusster als sonst. Der Stoff der blauen Seidenbluse lag kühl auf meiner Haut, bewegte sich leicht bei jeder Bewegung. Darunter der schwarze Bikini, schlicht, ohne Ablenkung, und trotzdem war ich weniger verborgen als sonst. Ich zog die Bluse nicht enger, ließ sie einfach fallen, wie sie war.
Unten am Tor lehnte Luka, eine Schulter gegen den Stein, den Blick nach draußen gerichtet. Er wirkte fast abwesend, stand einfach dort und wartete. Erst als ich näher kam, hob er den Kopf und hielt kurz inne. Seine Aufmerksamkeit glitt über die Seide, folgte der Bewegung des Stoffes im Wind, blieb einen Moment an dem tiefen Blau hängen, bevor er wieder zu meinem Gesicht zurückkehrte. Es war kein hastiger Blick, kein Abtasten, sondern ein ruhiges Registrieren, das sich Zeit nahm.
„Das Blau“, sagte er schließlich, seine Stimme tiefer als sonst. „Ich hatte gestern schon vermutet, dass genau diese Farbe in der Tüte war.“ Er blieb noch einen Moment bei mir. „Aber an dir… “ Er ließ die Worte kurz stehen. „Es wirkt, als hättest du dir ein Stück vom tiefsten Teil des Meeres geholt.“
Ich hielt seinem Blick stand, einen Moment länger als nötig. „Dann hoffe ich, es gehört noch mir“, sagte ich zurückhaltend.
Ein schmales Lächeln zog über seine Lippen.
Der Weg nach Murvica führte uns aus dem Ort hinaus, weg von den belebten Straßen, hinein in eine ruhigere, offenere Landschaft. Die Hitze lag schwer in der Luft, der Boden staubiger, die Geräusche wurden weniger, je weiter wir gingen. Unsere Schritte fanden einen gemeinsamen Rhythmus. Wir redeten zunächst wenig. Erst nach einer Weile begann das Gespräch, leise, ohne Übergang. Er erzählte von den Wintern auf der Insel, von Tagen, an denen der Wind so stark wurde, dass selbst das Meer anders klang. Ich sprach von Berlin, von dem Gefühl, dass die Stadt nie still wurde, dass selbst ruhge Momente nur Pausen waren. Er reagierte nicht sofort, blieb aber ganz bei mir.
Murvica lag eingebettet zwischen Felsen, abgeschirmt, fast verborgen. Der Strand war schmal, der weiße Kies blendete im Licht, und das Wasser war so klar, dass man den Grund sehen konnte. Ich legte die Bluse neben mich auf das Handtuch. Das Blau wirkte intensiver im direkten Sonnenlicht, für einen Moment zu intensiv, bevor ich mich davon löste. Ich setzte mich, streckte die Beine aus und ließ den Blick über das Wasser gleiten.
Neben ihm zu liegen war anders.
Der Impuls, mich zu bedecken, war da, kurz, vertraut. Sven hatte jeden Zentimeter meines Körpers kommentiert, bewertet und kontrolliert. Ich hatte gelernt, mich anzupassen, weniger Raum einzunehmen, mich zurückzunehmen, bevor jemand anderes es tat.
Ich griff nicht nach der Bluse.
Ich blieb liegen.
Die Sonne lag auf meiner Haut, warm und gleichmäßig. Ich ließ die Schultern locker, ließ die Spannung dort, wo sie war, ohne sie sofort zu überspielen.
Und sie wurde weniger.
Das Gespräch wurde leichter, freier.Wir lachten häufiger, unterbrachen uns, griffen Gedanken wieder auf, ohne Zwang. Irgendwann reichte er mir die Sonnencreme. Seine Finger streiften meine Handfläche, nur kurz, kaum mehr als ein Kontakt, und trotzdem blieb die Wärme länger als erwartet.
Später, als ich über einen seiner trockenen Kommentare lachte, legte er seine Hand auf meinen Unterarm. Sein Daumen bewegte sich leicht über die Innenseite meines Handgelenks. Die Berührung war fast beiläufig, und genau deshalb blieb sie.
Ich sah ihn an.
Er wich nicht aus.
„Du siehst hier anders aus als am ersten Abend“, sagte er leise.
Ich drehte den Kopf ein Stück in seine Richtung.
Er stützte sich auf einen Ellbogen, näher als zuvor, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. „Die Sonne steht dir. Du wirkst... offener. Als hieltest du nicht mehr alles zurück.“
Seine Hand hob sich langsam. Seine Finger strichen eine salzige Haarsträhne aus meiner Stirn und blieben einen Moment an meiner Schläfe liegen. Ich bewegte mich nicht. Der Moment wurde stiller, enger, ohne unangenehm zu werden. Kein Zurückweichen, kein Ausweichen.
Nur Nähe.
Und die Frage, wer sich zuerst bewegt.