← Zurück zum Buch
Anya Stüben

Schatten über der Adria - Wenn Blicke keine Ruhe lassen

Lukas Blick

Meine Aufmerksamkeit lag nicht mehr auf dem, was um uns herum geschah.
Sie lag neben mir. Der schwarze Bikini ließ nichts verschwimmen, nichts verschwinden. Ich blieb zu lange an den Linien ihres Körpers hängen, folgte der Bewegung ihrer Hüfte, wenn sie sich leicht verlagerte, registrierte das Spiel der Muskeln unter ihrer Haut, wenn sie sich aufstützte. Das Sonnenlicht lag auf ihr, klar, ohne Härte, und jedes Detail trat deutlicher hervor.
Ich hielt den Atem an und zwang mich, ihn langsam wieder freizugeben. Das war nicht nur körperlich. Es war etwas anderes, das darunter lag, ruhiger, schwerer einzuordnen. Eine Form von Aufmerksamkeit, die nichts nahm, sondern verstand, was vor mir lag.
Sie bewegte sich nicht vorsichtig, nicht mehr. Kein bewusstes Verbergen, kein ständiges Nachjustieren. Und genau das machte es schwieriger.
Ich wusste nicht, was dieser Mann ihr im Detail angetan hatte. Der Name war gefallen, mehr nicht. Aber es reichte. Es gab Dinge, die man nicht erzählt bekam, sondern sah. In kleinen Reaktionen, die sich nicht vollständig unterdrücken ließen. In der Art, wie ihr Körper für einen kurzen Moment spannte, wenn ein Geräusch zu nah kam, und in der Geschwindigkeit, mit der sie sich wieder fing. Ich hatte solche Muster schon oft gesehen. In einem anderen Kontext.
Mein Blick ging kurz zum Wasser, folgte der Oberfläche, bevor er wieder zu ihr zurückkehrte. Sie lag da, die Schultern entspannt, der Blick ins Offene gerichtet; es schien, als hätte sie sich entschieden, nicht mehr zurückzugehen. Das war kein Zustand, den man einfach erreichte. Es war etwas, das man sich erarbeitete, oft gegen sich selbst. Und es war fragil. Nicht sichtbar, aber da.

Als ich ihr die Sonnencreme gereicht hatte, war der Kontakt minimal gewesen, kaum mehr als ein Streifen über ihre Handfläche. Ich hätte ihn sofort lösen können. Tat ich aber nicht ganz. Später, als ich die Strähne aus ihrem Gesicht schob, führte ich die Bewegung langsamer aus. Nicht auffällig, nicht so, dass es sich rechtfertigen ließ, aber bewusst genug, um es nicht mehr als Zufall durchgehen zu lassen.
Ich hätte es kürzer halten können. Tat ich nicht. Ich blieb zu nah. Und wusste es.
Ein Teil von mir registrierte es klar. Der andere ließ es zu.
Ich richtete mich leicht auf, verlagerte das Gewicht und ließ meine Augen über den Strand wandern. Keine abrupte Bewegung, nichts, das Aufmerksamkeit zog. Nur ein langsames Erfassen dessen, was um uns herum lag. Menschen, Abstände, Bewegungen verschwammen zu einem ruhigen Gesamtbild, das ich längst automatisch erfasste. Es war nichts, worüber ich nachdenken musste.

Dann war es da. Dieses Stechen im Nacken kam sofort, klar, ohne Vorwarnung.
Ich ließ mir nichts anmerken, während mein Blick weiterging, ruhig. Kein Zucken, kein Innehalten. Nur ein gleichmäßiges Weiterwandern. Alles wirkte normal. Zu normal.
Mein Fokus blieb an einem Mann hängen. Hawaiihemd, Kamera, die Haltung leicht schief, als würde er sich nicht ganz entscheiden können, ob er stehen oder weitergehen sollte. Das Objektiv war auf uns gerichtet. Nicht konstant, nicht offen, aber wiederholt. Ich ließ den Blick weiterziehen, nur um Sekunden später wieder zu ihm zurückzukehren. Gleicher Winkel, gleiche Bewegung.
Kein Zufall.
Ich zwang mich zur Einordnung. Tourist. Unkoordiniert. Wahrscheinlich harmlos. Nichts an ihm war präzise genug, nichts diszipliniert genug, um sofort aufzufallen. Und trotzdem blieb dieses Gefühl. Leise. Hartnäckig. Falsch.
Ich überprüfte den Rest des Strandes noch einmal. Andere Gruppen, Paare, Bewegung im Wasser. Keine zweite Auffälligkeit, kein Muster, das sich bestätigte. Nur er. Und dieser eine Blick zu viel.
Ich hätte reagieren können. Früher hätte ich es getan. Ich tat es nicht. Weil sie neben mir lag. Weil ich diesen Moment nicht brechen wollte.
Ich fand zurück zu ihr und schob den Gedanken weg. Nicht, weil er verschwunden war, sondern weil ich ihn bewusst zur Seite drückte. Und ich wusste genau, dass das ein Fehler sein konnte.