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Beatrice Sonntag

Oma im Orbit

Kapitel 1

Ihr wollt mich doch nur loswerden!
„Ich dachte, wir gehen beim Abendessen nicht ans Telefon.“ Nikos Papa stellte sein Wasserglas unsanft auf dem Tisch ab.
„Es klingelt schon zum vierten Mal.“ Nikos Mama schob den Stuhl unsanft zurück. Sie nahm den Hörer ab und meldete sich.
„Was?“ Sie verließ den Raum.
Niko schaute seinen Papa mit leicht schief gelegtem Kopf an, was ihm ein freundliches Lächeln einbrachte. Also lächelte Niko zurück und ließ seinen Papa in dem Glauben, dass er seinen Sohn erfolgreich von der angespannten Stimmung im Raum abgeschirmt hatte. Es war sicher wieder eine dieser Erwachsenenangelegenheiten, die dramatisch genug waren, um Sticheleien hervorzurufen, aber nicht zu einem richtigen Streit taugten. Davon verstand Niko nichts und er hatte sich gemeinsam mit seinem Freund Oliver fest vorgenommen, auch in fortgeschrittenem Alter mit solchen Albernheiten nicht anzufangen.
Als Nikos Mama zurückkam, war sie blass im Gesicht. Den schnurlosen Hörer hielt sie wie ein Messer zur Verteidigung fest in der Hand. „Es war das Altenheim.“
„Geht es Oma gut?“ Niko ließ seine Gabel fallen.
„Natürlich geht es Oma gut.“ Sie strich ihm über die Haare. „Die alte Nörglerin ist unverwüstlich“, fügte sie deutlich leiser hinzu.
Niko war das einzige Familienmitglied, das sich über die Neuigkeiten freute.
„In Omas Altenheim gab es einen Legionellenbefall, weshalb alle Leitungen einer umfassenden Reinigungs- und Sanierungsprozedur unterzogen werden müssen.“
„Was das wieder kostet …“ Nikos Papa seufzte.
„Die Kosten übernimmt die Versicherung“, sagte Nikos Mama, aber es klang nicht so, wie man normalerweise etwas Beruhigendes sagt. „Es ist schlimmer.“
„Schlimmer?“ Nikos Papa runzelte die Stirn.
„Du hast doch gesagt, es geht Oma gut“, beharrte Niko.
„Oh, nein.“ Nikos Papa massierte seine Stirn.
„Was?“ Niko mochte es nicht, wenn die Erwachsenen Geheimnisse hatten.
„Das bedeutet doch nicht etwa …?“ Nikos Vater biss sich auf die Unterlippe.
„Doch. Sie wird bei uns wohnen. Für mindestens eine Woche.“
„Kann sie denn nicht …?“
„Finde du mal auf die Schnelle einen Altenheimplatz“, keifte Nikos Mama.
„Cool“, rief Niko. „Das werden die besten Osterferien!“
Er schnappte sich seine Gabel und aß mit einem freudigen Grinsen den Rest seiner Mahlzeit komplett auf. Sogar den Brokkoli. Er hatte leicht reden, denn er war der einzige bisher bekannte Mensch auf der Welt, den Oma Gitte nicht verabscheute.

Eine Woche später lagen die Nerven blank, obwohl Oma Gitte erst vier Tage im Haus ihrer Tochter verbracht hatte. Vier Tage am Stück. Das konnte subjektiv empfunden eine sehr lange Zeit sein.
„Oma kommt nicht zum Kaffee runter“, sagte Niko und kletterte auf den Stuhl. „Sie sagt, sie hat keine Lust auf Süßes.“
„Woran das bloß liegen mag?“ Nikos Vater rammte seine Gabel in den Kuchen, als sei die Quarktorte an allem Elend der Welt schuld.
„Wenn deine Mutter noch einmal um vier Uhr morgens Pudding kocht, kann ich für nichts garantieren.“ Mit finsterem Blick schob er sich einen Bissen Quarktorte in den Mund.
Nikos Mutter nickte mit fest zusammengebissenen Zähnen. „Sie hat gestern zwei Stunden lang in der Küche bei mir gesessen und mir erklärt, wie man die Sauce richtig würzt. Wenn ich noch einmal hören muss, wie hitzeempfindlich Muskat ist, raste ich aus.“
Niko genoss die Ferienwoche mit seiner Oma. Es war zwar schade, dass seine Eltern so reizbar waren, aber er hatte nichts dagegen, Pudding zum Frühstück zu essen und jeden Tag mit Oma im Park die Enten zu füttern.
„Ich weiß nicht, wie lange ich noch …“ Nikos Mama verstummte, denn es knarrte auf der Treppe. Kurz darauf stand Oma Gitte in der Küchentür.
„Willst du doch einen Kaffee?“ Nikos Papa griff nach einer Tasse.
Oma nickte kurz, setzte sich zu ihnen an den Tisch und zwinkerte Niko zu. „Ich hoffe, der ist koffeinfrei?“
„Natürlich ist der koffeinfrei“, bestätigte Papa. Leider fügte er hinzu: „Wir wollen ja nicht, dass du nachts nicht schlafen kannst.“
Das Telefon klingelte. Nikos Mama nahm ab und hörte mit versteinertem Gesichtsausdruck zu. „Nein“, sagte sie dann sehr bestimmt. „Nein“, wiederholte sie noch lauter. Langsam sank sie auf einen Stuhl. „Das können Sie uns nicht antun.“
„Was ist los?“, fragte Nikos Vater alarmiert.
„Es war das Altenheim.“ Die Hand mit dem Telefonhörer sank langsam in ihren Schoß. „Die Sanierung dauert länger.“
„Nein“, sagte nun auch Papa.
„Ich sag es ja immer. Der Laden wird von inkompetenten Stümpern geführt“, knurrte Oma Gitte.
„Dann bleibt Oma also doch länger?“ Niko vollführte im Sitzen einen kleinen Hopser.
„Geh mit der Oma in den Park zum Entenfüttern.“
„Cool.“ Das tat Niko gerne.

Als die beiden zurückkamen, standen Omas Koffer gepackt in der Diele.
„Ich dachte, Oma bleibt länger?“
„Ihr könnt es wohl nicht erwarten, mich wieder loszuwerden?“, keifte Gitte.
„Nein, Mama, wir haben eine Überraschung für euch.“
„Ich hasse Überraschungen.“
Nikos Mama überging die Bemerkung gekonnt und kniete sich vor Niko hin. „Du wirst mit deiner Oma eine Kreuzfahrt machen. Gleich morgen früh geht es los.“ Sie zog ihrem Sohn die Mütze aus und strich seine Haare glatt. „Eigentlich geht es jetzt schon los. Ist das nicht großartig?“
„Echt?“ Niko umarmte seine Mama. „Ich muss meine Badehose einpacken.“ Er rannte die Treppe hinauf.
„Euch ist wirklich jedes Mittel recht.“ Oma Gittes Augen verfinsterten sich.
„Es ist das Beste für alle.“
„Ich hasse Kreuzfahrten.“
„Du wirst dich amüsieren.“ Es klang beinahe wie ein Befehl.
„Gib endlich zu, dass ihr mich loswerden wollt.“
„Niko freut sich so!“
„Ist Alkohol inklusive?“
„Selbstverständlich!“ Nikos Mutter winkte ihren Mann herbei. „Schatz, hilf doch mal Niko beim Packen!“

Niko hatte für einen Moment den Eindruck, dass seine Eltern seine Oma wirklich so schnell wie möglich loswerden wollten, denn seine Tasche war kaum zehn Minuten später ebenfalls gepackt und Papa wedelte mit dem Autoschlüssel. „Los, einsteigen!“
Niko war hellauf begeistert, denn er durfte eine Nacht mit seiner Oma im Flughafenhotel verbringen. Dann wurden sie mit einem Shuttle zum Terminal gebracht, wo wahnsinnig viele Menschen unterwegs waren. Eine sehr freundliche Dame bot Oma Gitte an, sie im Rollstuhl zum Gate zu fahren, und bereute das sofort.
„Sehe ich etwa aus, als könnte ich nicht laufen?“
„Ehm.“
„Ich habe mit bloßen Händen Schweine geschlachtet, als Sie noch in den Windeln lagen.“
„Ehm.“
„Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“
„Ehm“, machte die Flughafenangestellte. Sie war wohl keine Freundin großer Worte. Oder Worte im Allgemeinen.