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Beatrice Sonntag

Scheiß aud Sexy

Kapitel 1

„Du hast es aber versprochen.“ Lottis Stimme nahm einen anklagenden Ton an. Es stimmte. Er hatte ihr einen Ausflug zum Lasergolf versprochen. Direkt nach der Arbeit.
Lottis Vater verzog das Gesicht, als täte ihm etwas weh. „Wir gehen ja.“
Er wischte sich Schweiß von der Stirn. Seine Finger hinterließen dabei einen dunklen Streifen. „Ich muss dringend etwas reparieren, mein Schatz.“
Lotti presste die Lippen zusammen und legte den Kopf schief. „Dann mach schnell“, sagte sie.
Ihr Vater drückte ihr hastig einen Kuss auf den Kopf und riss die Wohnungstür auf. „Ich beeile mich.“
Schon war er verschwunden und Lotti wieder alleine in dem geräumigen Apartment. Es hatte mehrere Erschütterungen gegeben in den letzten Tagen und sie wusste, dass ihr Vater der Hausmanager war und Dinge reparieren musste, damit die Toiletten nicht verstopften, die gläsernen Aufzüge lautlos manövrierten und der schwebende Wohnkomplex nicht vom Himmel fiel. Erst gestern hatte sie ihn fluchen hören. Er hatte das Gebäude als einen fliegenden Schrotthaufen bezeichnet und ein paar sehr verbotene Wörter benutzt. Das tat er manchmal, wenn er dachte, dass Lotti schlief.
Sie wusste, dass die Arbeit ihres Vaters der Grund dafür war, dass sie beide hier über den Wolken leben durften, bei den reichen Menschen, weit weg vom Smog, von Abwasser und von Müll. Sie hatte keine konkrete Vorstellung davon, was Smog, Abwasser und Müll überhaupt waren. Aber sie wusste, dass es schlimm war da unten, wo die Unterschicht wohnte. Dunkel und kalt. Und schmutzig.
Lotti schaute sich in der Wohnung um, öffnete in der Küche einen Schrank und schaute aus dem Fenster hinab auf die lärmende, stinkende Stadt, die von hier oben wie ein Ameisenhaufen wirkte und die sie nur aus Erzählungen und Büchern kannte. Sie kletterte auf die Couch, um darauf zu hüpfen. Viermal sprang sie auf und ab, nur um sich dann auf den Hintern plumpsen zu lassen. Es machte einfach keinen Spaß, wenn ihr Vater nicht da war, um spielerisch mit ihr zu schimpfen. Es knackte und schepperte. Wieder eine Erschütterung. Vielleicht sollte sie doch besser nicht hüpfen. Irgendwas stimmte nicht mit dem Wohnblock. Ihr Vater hatte das Problem also noch nicht behoben. Lotti wartete, bis der Boden unter ihren Füßen wieder stillstand. Sie hatte keine Angst. Ihr Vater war der beste Hausmanager, den es gab und daher würde er das Problem schnell beheben.
Sie hopste ins Kinderzimmer und holte den Spielroboter aus dem Schrank. Es dauerte eine Weile, bis das Ding endlich hochfuhr, aber dann begrüßte die menschenähnliche Maschine ihre kleine Besitzerin mit einem freundlichen Lächeln. „Hallo Lotti, was möchtest du spielen?“
„Verstecken!“, rief Lotti. In dieser Frage war sie wenig einfallsreich. Sie war acht und kannte schon alle Spiele für Achtjährige. Verstecken war einfach am besten. Wenn sie bald neun wurde, schalteten sich achtzehn neue Spiele frei. Die würde sie dann ausprobieren und am Ende doch immer nur dasselbe spielen. Dessen war sie sich so sicher, wie es nur eine Achtjährige sein konnte. Sie würde noch mit 45 Verstecken spielen. Das stand fest.
Der Roboter reagierte mit der gewohnten ihm einprogrammierten Begeisterung. „Au ja! Verstecken!“ Er zeigte Lotti beide Daumen hoch. „Ich suche!“ Dann hielt er sich die Hände vors Gesicht und begann zu zählen.
Lotti versteckte sich zuerst hinter dem Sessel im Wohnzimmer, wo Robi, wie sie ihren mechanischen Spielgefährten nannte, sie relativ schnell fand. Robi versteckte sich in der Küche unter dem Tisch, sodass Lotti ihn ermahnen musste, dass sie nicht mehr sieben war und er durchaus anspruchsvollere Verstecke wählen musste, um sich mit ihr zu messen.
Robi wird alt, dachte sie, als sie aus einem Impuls heraus die Klinke zum Büro ihres Vaters herunterdrückte. Es war ihr nicht erlaubt, in seinem Zimmer zu spielen, wenn er nicht da war. Das wusste sie sehr genau. Ebenso wusste sie, dass die Bürotür verriegelt war, wenn er nicht zuhause war.
Deshalb hielt sie inne, bis die Information, dass die Zimmertür offen war, in ihr Bewusstsein drang. Lotti schob die Tür einen Spalt weit auf. Ihr Vater war wohl heute wirklich gestresst, wenn er nicht einmal die Kindersicherung der Wohnung aktiviert hatte.
Jetzt befand sich Lotti im Büro und in einer Zwickmühle. Selbstverständlich konnte sie die Regeln achten, die Tür einfach wieder zuziehen und sich im Kinderzimmer oder in der Garderobe einen guten Platz suchen. Lotti war im Allgemeinen ein braves Mädchen und sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals für etwas bestraft worden zu sein.
Allerdings hatte ihr Vater sein Versprechen nicht gehalten, zumindest noch nicht. Und wenn sie sich im Büro versteckte, würde Robi eine Ewigkeit brauchen, um sie zu finden.
„Vier, drei“, zählte der Spielroboter in der Küche.
Und schwupp, da war Lotti durch die Bürotür geschlüpft und drückte sie sanft von innen ins Schloss. Das Büro lag hinter abgedunkelten Scheiben still im Halbdunkel. Die Sonne, die so weit über Neu Bangkok niemals von Wolken verdeckt war, sorgte für genug Helligkeit, dass Lotti alle Möbel erkennen konnte. Sie rieb sich die Hände und kroch unter den Schreibtisch. Während sie da kauerte und Robi im Flur an der Tür vorbeigehen hörte, kam ihr der Gedanke, dass unter dem Schreibtisch nicht das beste Versteck war. Robi würde sie entdecken, sobald er die Tür zum Büro öffnete. Mit einem Grinsen auf den Lippen schaute sie sich um und krabbelte auf allen Vieren zu dem Schrank, in dem sie Werkzeuge und Datenverarbeitungseinheiten vermutete.
Vorsichtig öffnete sie eine der Schranktüren. Es war zu dunkel, um Genaueres zu erkennen, aber sie hatte den Eindruck, dass ausreichend Platz im Schrank war, um sich hinein zu kauern. Ein kleines Mädchen passte da sicher hinein. Sie zog den Kopf ein und kauerte sich zwischen die Gegenstände, die sie nur schemenhaft erkennen konnte. Als sie die Tür behutsam zuzog, gab sie ein Quietschen von sich. Abrupt hielt Lotti inne und lauschte in die Stille. Mist. Das hatte Robi bestimmt gehört. Der Roboter war mit einem ausgezeichneten Akustikmodul ausgestattet. Und tatsächlich. Es dauerte nur wenige Minuten, da öffnete sich die Tür zum Büro. Robi betätigte den Schalter für die Beleuchtung und gab ein metallisches Scheppern von sich, das wohl ein tadelndes Räuspern imitieren sollte.
„Lotti“, mahnte der Roboter. „Du weißt, dass du nicht im Büro spielen darfst.“
Lotti biss sich auf den Zeigefinger, um ein Kichern zu unterdrücken. Vielleicht hatte er sie doch nicht gesehen.
Da gab es auf einmal einen so heftigen Stoß, dass Lotti hart mit dem Kopf an der Schrankwand anschlug. Das gesamte Gebäude bebte heftiger als je zuvor, sodass Lotti es erstmals mit der Angst zu tun bekam. Aua. Sie hielt sich den Kopf. Das würde sicher eine Beule geben. Die Schranktür stand nun weit auf und Lotti beobachtete, wie eine Topfpflanze vom Schreibtisch fiel, wie ein schlanker Metalltisch mitsamt dem darauf stehenden Schachspiel umstürzte und wie die Schachfiguren über den Boden kullerten, der weiterhin von Erschütterungen geplagt wurde.
Während sie noch darüber nachdachte, wie sie beweisen konnte, dass nicht sie das Schachspiel umgeworfen hatte, gab es einen weiteren heftigen Stoß, der den gesamten Wohnblock in Schieflage brachte. Sie klammerte sich an der Schranktür fest und stieß einen erschrockenen Schrei aus. Was war nur los? Wieso reparierte Lottis Vater nicht endlich das verfluchte Schwebesystem des Gebäudes? War das nicht gefährlich, wenn ein schwebender Wohnblock so stark bebte?
Ein weiterer heftiger Stoß brachte Robi zu Fall und Lotti schrie auf, als der Roboter hart auf dem Boden aufschlug. Der Schreibtisch rutschte langsam in Richtung Fensterfront. Sie ließ die Schranktür los und klammerte sich instinktiv an etwas, das sich direkt neben ihr im Schrank befand. Für einen Moment wunderte sich Lotti darüber, dass es etwas Weiches war. Es blieb jedoch nicht viel Zeit, um sich zu wundern, denn der nächste Stoß war so stark, dass der gesamte Raum aus dem Gleichgewicht geriet. Lotti schrie, während Dinge durcheinander kullerten, der Schrank umfiel und sie nicht mehr sagen konnte, wo oben und unten war.
Dann war plötzlich alles schwarz und Lotti spürte einen dumpfen Schmerz, der ihren ganzen Körper durchzuckte. „Robi, Papa“, flüsterte sie. Sie hielt das, woran sie sich geklammert hatte, ganz fest.