Drachenträger
Die Sonne gelangte in diesen Tagen kaum mehr über die Kämme der Berge. Frost und Eis hatten die Wege schwierig und gefährlich gemacht, und Jonnis lenkte seinen zotteligen Wallach mit Bedacht über die spiegelglatten Steine. Der alte Krämerwagen, auf dem er saß, ächzte bei jeder Wegbiegung.
Er sehnte sich seit Stunden nach der nächsten Dorfschänke mit einem wärmenden Feuer und heißem Pflaumenbrand. Seufzend schob sich der Alte seine Fellmütze zurecht und blickte suchend den gewundenen Weg hinauf. So weit das Auge reichte nur schroffe Felswände, im eiskalten Wind war kein Rauch wahrzunehmen. Das nächste Dorf schien noch weit zu sein.
Jonnis kannte die Straßen und Pässe durch die Mondsteinberge, er klapperte immer wieder aufs neue sämtliche Orte dieser rauen Grafschaft ab. Die Leute hier waren seit jeher grimmig und nicht sehr großzügig, sodass er jeden Kupferer hart erarbeiten musste. Doch seit der Katastrophe auf der Burg schien man hier noch misstrauischer und härter zu sein.
Vielleicht war es doch langsam an der Zeit, sich eine andere Gegend für seine Waren zu suchen. Seine geschwollenen Gelenke würden es ihm danken.
Im Winter schien ihm die Landschaft wie ausgestorben, nur Schnee und kahler Mondsteinschiefer. Hin und wieder huschte ein magerer Fuchs über die Felsen, ein verlorener Farbtupfer in all dem Weiß.
Er dachte zunächst an einen verletzten Steinbock, als sich vor ihm etwas bewegte. Am Wegrand türmten sich Gesteinsbrocken zu beiden Seiten, und dort, tief im Schnee, kauerte etwas.
»Ho!«, rief Jonnis seinem Pferd zu und zog kräftig an den Zügeln. Ungläubig starrte er auf die zusammengerollte Gestalt herunter.
Das Kind hob langsam den Kopf, seine Haare ähnelten dem verfilzten Fell seines Pferdes, sein Gesicht war verdreckt und ausdruckslos. Nur seine dunklen Augen fixierten Jonnis, der Junge schien nicht einmal zu blinzeln.
»Wo kommst du denn her, Kleiner?«, fragte Jonnis und bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall. Behäbig kletterte er von seinem Kutschbock und machte ein paar vorsichtige Schritte auf das Kind zu.
Der Junge, er mochte vielleicht zwölf Jahre alt sein, beobachtete jede seiner Bewegungen, rührte sich aber nicht.
Jonnis kratzte sich am Kopf und schaute prüfend in jede Richtung, konnte aber nirgendwo eine Spur von anderen Menschen finden. Er würde den Jungen wohl mitnehmen müssen.
»Na komm, Kleiner. Du brauchst keine Angst zu haben!«, versprach er, der Schnee knirschte unter einem weiteren Schritt.
»Du musst ja halb erfroren sein. Willst du nicht mit mir ins Warme
kommen?«
Der zerschlissene Mantel um seine Schultern schützte ihn wohl kaum vor der Kälte. Jonnis konnte vage Überreste einer Stickerei auf dem fadenscheinigen Stoff erkennen, vielleicht ein Wappen.
Langsam streckte der Alte seine Hand nach ihm aus. Noch bevor er den Jungen berührte, zuckte dieser zurück und umklammerte seinen Mantel fester. Jonnis machte mit ausgestreckter Hand noch einen Schritt auf ihn zu. Da stieß das Kind ein wütendes Fauchen aus – so heiser und brüchig, dass es mehr nach einem Tier klang.
Erschrocken wich Jonnis zurück.
»Ich kann dich mit in ein Dorf nehmen. Willst du nicht an ein warmes Feuer?«, fragte er etwas hilflos und deutete auf seine Kutsche.
Der Junge blickte ihn weiter an, in seinen dunklen Augen glomm etwas, das im fahlen Winterlicht fast wie Glut wirkte.
Dann sagte er tonlos und rau, beinahe unbeteiligt:
»Ich brenne!«