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Lena Ley

Drachenträger

Kalpitel 2

Hanna war gerade auf dem täglichen Weg zum Speisesaal, als sie den Menschenauflauf auf dem Innenhof sah. Neugierig lief sie zu der Menge und reckte den Kopf. Neben ihr fanden sich nun auch Nellie und Mora ein und schauten ebenfalls zu dem breiten Podest des Standbildes. Der Ausrufer, ein kugelrunder Mann mit einer tiefen Bassstimme, rief schallend über den Hof.
»Weißt du, was hier los ist?«, flüsterte Hanna zu Mora, die auch nur mit den Schultern zuckte.
»Volk von Rothlurin, heute wird euch eine besondere Gunst gewährt. Unser verehrter König Sinos ist ein Freund der einfachen Leute”, rief der Ausrufer gerade und breitete die Arme aus.
Es folgte eine lange Lobpreisung auf den König, Hanna verlor die Geduld und hörte nicht mehr zu. Sie hatte Daro einige Reihen weiter vor ihr entdeckt und wollte versuchen zu ihm zu kommen.
»Heute wird einem von euch die Möglichkeit geboten, in die Dienste eines Ritters zu treten – als Knappe, der mit Mut und Treue an seiner Seite steht.«
Ein Raunen ging durch die Reihen und auch Hanna horchte auf. Ein Knappe aus dem Volk, das gab es nicht oft. Meist wurden die Söhne des Land- und Stadtadels in die Dienste der Ritter gestellt, um selbst eines Tages die Ritterehre erlangen zu können. Das war eine beson-dere Gelegenheit! Aufgeregt schob sie sich weiter zu Daro, der sie immer noch nicht wahrgenommen hatte. Ihr wurde schwindelig bei dem Gedanken, dass ihr Bruder vielleicht…
Die Stimme des Ausrufers unterbrach ihre Überlegungen.
»Wem von Euch soll diese Ehre zuteilwerden? Wer meldet sich frei-willig, der trete nun vor. Wer möchte Diener des edlen Herrn Marlin, Grafen von Wittger, werden?«
Mit einem Schlag wurde die aufgeregte Menge still. Der König mit Graf Marlin und mehreren Soldaten der Königswache bahnten sich ihren Weg durch die Leute und bestiegen nun ebenfalls das Podest.
Auch Hanna blieb stehen. Sie sah, wie viele junge Männer, die sich noch eben nach vorne gedrängt hatten, wieder zurückwichen. Sie hatte Daro fast erreicht und lief nun entschlossen weiter. Was machte es schon, welcher Ritter es war.
»Hier«, rief sie nun laut, aus Angst, jemand anderes könnte sie über-tönen und reckte die Arme in die Höhe.
»Hier, mein Bruder könnte das machen!«
Alle drehten sich nach ihr um, besonders Daro selbst starrte sie er-schrocken an.
»Was soll das, Hanna?«, entfuhr es ihm, und er lief nun ebenfalls auf sie zu. Mit rotem Kopf versuchte er, ihre Arme runterzureißen, wäh-rend sie immer noch winkte.
»Bist du wahnsinnig? Ich will doch nicht für den Verfluchten arbei-ten!«
Ihr Bruder stand in seiner Küchenjungentracht vor ihr und blitzte sie böse an. Entgeistert schaute Hanna zurück.
»Der Verrückte bist du!«, rief sie laut und merkte kaum, wie sie von der gesamten Menge angestarrt wurde. »Begreifst du denn gar nicht, was für ein Glück das wäre, was sich dir da bieten würde?«
Daro trat von einem Bein auf andere und warf den Leuten unsichere Blicke zu.
»Wenn das so erstrebenswert ist, dann mach es doch selber!«, rief er trotzig. Hanna glühte vor Wut, sie hätte ihn am liebsten geschüttelt.
»Wenn er mich nehmen würde, dann würde ich es auch sofort tun!«, schrie sie, ohne darüber nachzudenken, um sie herum brach Geläch-ter aus.
»Einverstanden!«, rief da eine Stimme von dem Podest. Wieder wur-den die Leute still, diesmal vor Überraschung. Es war Herr Marlin, der gesprochen hatte. Er war vorgetreten und schaute in Hannas Richtung.
»Wenn die junge Dame dort in meine Dienste treten möchte, nehme ich sie an!«
Hanna starrte den Ritter ungläubig an und sah ein angedeutetes Lä-cheln auf seinen Lippen.
»Soll das ein Scherz sein?«, fragte nun aber der König etwas verär-gert, aber Herr Marlin schüttelte den Kopf. Jetzt wandte er sich direkt an Hanna.
»Willst du mein Knappe sein?«
Hanna merkte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss und sie konnte ihn kaum verstehen, so laut pochte es in ihren Ohren. Dennoch zö-gerte sie nicht. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet!
»Ja, ich will!« rief sie so laut, dass wahrscheinlich ganz Rothlurin sie hören konnte.
Herr Marlin nickte zufrieden, doch der König nahm ihn am Arm und redete leise, aber offensichtlich wütend mit ihm. Hanna konnte sie nicht verstehen und sie fühlte sich in der Schwebe - hin und hergeris-sen. Die Stimme der Vernunft in ihr sagte, dass sie niemals ein Knappe werden könnte, nicht als Gemeine und als Frau schon gar nicht.
Nach einem unerträglich langen Moment trat der Ausrufer wieder vor die Menge.
»Seht her, Ihr Leute, und staunt über die Großzügigkeit Eures Kö-nigs. Er gewährt sogar einer Frau diese Ehre, weil sie gezeigt hat, dass sie Mut hat. Tritt hervor, Weib, und beweise, dass du dieser Aufgabe gewachsen bist!«
Man schob Hanna nach vorne und im Nu landete sie auf dem Po-dest. Sie drehte sich um und sah auf die Leute herunter, die vor ihr standen. Eine bunte Ansammlung aus sämtlichen Berufszweigen und Altersklassen, die alle gespannt zu ihr sahen. Verlegen winkte sie und die Leute jubelten ausgelassen aber unverkennbar spöttisch. Noch bevor sie überhaupt nachdenken konnte, wandten der König und seine Begleiter sich ab und verließen die Plattform in Richtung Palast. Auch Herr Marlin ging mit, ohne sich noch einmal nach ihr umzuse-hen.
Unschlüssig stand Hanna da, bis ein Mann der Königswache sie mit sich winkte.
Bis jetzt war sie jeden Tag an dem abweisenden weißen Palast vorbei gegangen, ohne ihm besondere Beachtung zu schenken. Die polierte Mondschieferverkleidung an der Fassade stammte aus längst vergan-genen Zeiten, aber sie leuchtete immer noch im hellen Glanz. Über dem großen Haupttor, das über eine breite Treppe in der Mitte er-reicht werden konnte, schaute eine riesige Drachenstatue auf sie her-ab. Hier war Lurin, der erste Drache in Stein verewigt, ebenso wie auf den purpurnen Flaggen, die auf den beiden, mit niedrigen Zinnen versehenen Türmen im Wind wehten.
Sie lief hinter dem Wachmann her und betrat zum ersten Mal in ihrem Leben den Palast des Königs. Staunend sah sie die bemalten Wände und die verzierten Decken und lief unsicher auf dem dicken Teppich hinter der Wache her den Gang hinunter. Er führte sie zu einer breiten Treppe und sie stieg die Mondschieferstufen hinauf. Der Wachmann brachte sie in einen leeren Saal, der vornehm und kühl wirkte.
»Warte hier!«, sagte der Mann und ließ sie stehen. Die verzierte Ei-chentür zog er hinter sich zu.
Hanna stand nun alleine in der Mitte des Raums und blickte sich um. Nur die dicken Vorhänge neben den Fenstern kannte sie, die hatte sie schon öfter gewaschen. Sie ging zum nächsten Fenster und strich über den Vorhangstoff. Sie brauchte einfach etwas Vertrautes.
Eine wütende Stimme ertönte und schon wurde die Tür wieder auf-gestoßen. Der König trat zusammen mit seiner Frau, Königin Luara und gefolgt von Herrn Marlin ein. Hanna drehte sich erschrocken um und machte ein paar Schritte weg vom Fenster. Sie war dem Königs-paar nie wirklich nah gekommen und war schon gar nicht alleine in einem Raum mit ihnen gewesen. Eilig strich sie ihre Waschfrauen-schürze glatt und verneigte sich ungeschickt.
»Eure Majestäten!«, brachte sie mühsam hervor.
»Steh auf!«, sagte der König etwas barsch und Hanna sprang hastig auf. Sie sah, wie Königin Luara ihrem Mann sanft an den Arm fasste und ihn ermahnend anblickte. Dann ergriff sie das Wort.
»Mut hast du ja wirklich bewiesen. Aber ich fürchte, du bist dir gar nicht im Klaren darüber, was du getan hast«, sagte sie nicht un-freundlich. »Vielleicht verrätst du uns erst einmal, wer du bist«, sprach sie weiter und lächelte aufmunternd.
Hanna versuchte, ihre Stimme möglichst fest klingen zu lassen.
»Also, mein Name ist Hanna und ich bin Waschfrau in der Grobwä-scherei hier.«
Sie wollte noch mehr sagen, aber ihr fiel gar nichts mehr ein. Was gab es auch schon über sie zu berichten?
Herr Marlin musterte sie interessiert, sagte aber nichts.
»Und wie ich mitbekommen habe, wolltest du erst deinen Bruder anbieten und der wollte nicht«, fuhr nun König Sinos fort.
»Nun, er arbeitet als Küchenjunge und hat dort wenig Glück«, spru-delte es aus Hanna heraus. »Ich kümmere mich seit dem Tod unserer Eltern um ihn und es wäre so eine einmalige Gelegenheit gewesen. Aber er hat das anscheinend noch nicht verstanden.«
»Du warst die Einzige, die sich gemeldet hat«, sagte nun Herr Marlin. »Vielleicht hast du ja etwas nicht so ganz verstanden.« Die Worte klangen sehr herablassend und machten Hanna wütend.
»Ich denke, das habe ich wohl. Es wäre ein neues Leben!«, rief sie aus.
»Ein Leben voller harter Arbeit und anstrengender Reisen. Ein Leben voller Gefahren und Risiken. Das Leben als Knappe ist nicht zu vergleichen mit dem angenehmen Dasein als edle Dame.«
Auch Herr Marlin war lauter geworden und kam ihr einen Schritt entgegen. Nun stand er direkt vor ihr und starrte sie wütend an. Sie blickte in seine dunklen, glühenden Augen und merkte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief.
»Ein Leben an der Seite des Verfluchten!«, flüsterte er nun.
Hannas Herz klopfte wild. Seine Präsenz war zu nah - doch sie wich nicht zurück.
»Ich glaube nicht an dummes Gerede«, entgegnete sie und blickte ihm fest in diese viel zu dunklen Augen. Sie erlebte es selbst jeden Tag, wie die Geschichten aufgebauscht wurden, versuchte sie sich zu be-ruhigen.
Ihre Reaktion schien den Ritter überrascht zu haben, denn er senkte den Blick und brachte wieder etwas mehr Abstand zwischen sie.
»Das hatten wir nicht gemeint, du weißt das ganz genau«, wandte der König sich nun direkt an den Ritter.
»Ich halte mich an mein Wort«, entgegnete Herr Marlin nun ruhig und blickte erst zu seinem König und dann zu seiner Tante.
»Wie soll denn ein Mädchen dieses harte Leben neben dir durchhal-ten können?«, meinte die Königin mit enttäuschter Miene.
»Majestät, verzeiht, aber ich bin durchaus in der Lage, hart zu arbei-ten. Ich werde alles tun, was Herr Marlin von mir verlangt«, begehrte Hanna auf und drehte sich zu dem Ritter um.
»Bitte, Herr!«, flehte sie nun eindringlich.
»Solange, bis du von selbst aufgibst”, knurrte er leise.
Die Königin musterte sie eingehend.
»Vielleicht ist es sogar von Vorteil. Sorge dafür, dass mein Neffe genug zu essen hat und warm angezogen ist. Wenn du ihn ein wenig bremsen kannst bei seinen Reisen, wird er sich bestimmt nicht mehr so verausgaben.«
Auch der König nickte langsam und seufzte.
»Wir haben nichts zu verlieren. Also schön, Marlin, hier hast du dei-nen Knappen. Zeig ihr eines der leeren Dienstbotenkammern und tu, was du für richtig hältst.«
Damit wies er beiden den Weg zur Tür.
Sowohl Hanna als auch Herr Marlin blieben einen Moment un-schlüssig im Gang stehen, bis sich der Mann umdrehte und wortlos eine weitere Treppe nach oben nahm. Rasch folgte Hanna ihm und starrte ihm in den Rücken, während sie die Stufen hinauf schritten. Noch immer mühte sie sich, diesen Schauer wieder los zu werden. Ob sie doch zu leichtfertig gewesen war?
Zwei Etagen weiter oben bog Marlin in einen Flur ein. Hier wirkte alles längst nicht mehr so prachtvoll wie in den Räumen unten. Vor einer Tür blieb er stehen und öffnete sie. Hanna sah in einen kleinen Raum, der kaum mehr enthielt als ein Bett und eine große Truhe.
»Das ist nun deine Kammer. Mein Zimmer ist am Ende des Ganges, wenn ich etwas von dir brauchen sollte, dann rufe ich dich.«
Damit drehte er sich um und ging davon. Endlich konnte sie wieder klar denken.
Wie angewurzelt blieb sie in der Kammer zurück und sah sich um. Sie konnte es kaum glauben, ein ganzer Raum nur für sie allein. Ein hölzernes Bett stand vor ihr, mit Laken bezogen, die sie wahrschein-lich selbst gewaschen hatte. Und die Bettdecke war mit echten Gän-sedaunen gefüttert und alles roch frisch und angenehm. Sie trat an das kleine Fenster, legte die Hand gegen das geschliffene Glas und schaute hinaus. Von hier aus konnte sie sogar noch den Turm mit dem prachtvollen Götterrad sehen. Sie betrachtete die große vierfar-bige Scheibe. Ihr Blick verweilte in dem grünglänzenden Jadeviertel, in dessen Mitte der kupferne Fuchs leuchtete. Ihrer Schutzgöttin Lüri ein kurzes Dankgebet flüsternd, ließ sie das Glas los und trat zurück.