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Anya Stüben

Schatten über der Adria - Wenn seine Welt nach uns greift Band 2

Kapitel 1

Kapitel 1
Isabelle
Berlin war laut. Aber der Lärm kam nur gedämpft bei mir an, Stimmen, Schritte, das Rollen der Koffer, alles da und nichts davon in mir. Ich ging neben Clara zum Gepäckband und sah die Koffer vorbeiziehen, einen nach dem anderen, ohne einen einzigen als meinen zu erkennen. Meine Finger lagen fest um den Griff des Handgepäcks. Die andere Hand in der Jackentasche, an der Münze. Kühl. Da.
Clara sagte etwas neben mir, leise, vorsichtig. Die Worte verloren sich, bevor sie bei mir ankamen.
„Isa…“
Ich drehte den Kopf zu ihr und begegnete ihrem Blick, der ruhig auf mir lag, ohne zu drängen. Ein kaum merkliches Kopfschütteln, und sie verstand. Sagte nichts mehr, trat nur näher, bis ihre Schulter meine berührte und mir genau so viel Halt gab, wie ich ertragen konnte.
Irgendwann tauchte mein Koffer auf. Ich nahm ihn vom Band, stellte ihn neben mich und blieb stehen, weil kein nächster Schritt sich richtig anfühlte.
Nur seine Stimme war noch da. Kontaktiere Milan. Sofort.
Ich zog das Telefon aus der Jackentasche und hielt inne, bevor ich die Nummer wählte. Es klingelte einmal.
„Ja.“
„Wir sind gelandet“, sagte ich leise.
„Bleiben Sie dort.“ Mehr kam nicht. Die Verbindung brach ab. Ich ließ das Telefon sinken. Das Gepäckband drehte sich weiter.
Neben mir blieb Clara nicht still. „Mit wem hast du gerade telefoniert?“, fragte sie leise, den Blick noch auf mich gerichtet. „Das war aber kein Taxiunternehmen, oder?“
Ein kurzer Atemzug, dann schüttelte ich leicht den Kopf. „Nein.“
Mehr kam nicht.
Ich spürte, wie sie mich ansah, dieses genaue Hinsehen, das ich gut genug kannte, um zu wissen, dass sie längst mehr sah.
„Isa…“
Ich schüttelte erneut den Kopf, nicht, weil ich es ihr nicht sagen wollte, sondern weil ich es selbst noch nicht greifen konnte.
Clara sagte nichts mehr, blieb aber dichter bei mir. Ihre Rolle hatte sich verschoben, vom Reden ins Aufpassen.
Wir warteten. Ich hätte nicht sagen können, wie lange. Dann, neben mir, eine Bewegung. Eine Präsenz, die vorher nicht da gewesen war.
„Isabelle.“
Ich sah auf.
Er stand einfach da, ruhig. Als hätte er uns die ganze Zeit beobachtet und wäre erst jetzt herangetreten. Neben mir spannte Clara sich an, ich spürte es, ohne hinzusehen.
Sein Blick lag auf mir, klar, ohne Hast, dann glitt er zu Clara und erfasste sie in einer Sekunde. Nicht interessiert. Nüchtern, einschätzend.
„Und Begleitung.“
Clara sagte nichts.
Zum ersten Mal.
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie sie ihn musterte, genauer jetzt, wacher.
Er griff nach meinem Koffer und setzte sich in Bewegung.
„Kommen Sie.“
Ich folgte ihm, ohne darüber nachzudenken.
Clara blieb kurz zurück, dann schloss sie zu mir auf
Draußen traf mich die Kälte sofort, feucht und schwer. Ein Schnitt gegen die Wärme, die noch in mir nachhallte. Ich zog die Jacke enger und folgte ihm zum dunklen Wagen, Clara neben mir.
Milan verstaute unser Gepäck mit ruhigen, routinierten Bewegungen und ging anschließend zur Fahrertür, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Einsteigen.“
Clara blieb kurz stehen, ihr Blick ging von ihm zu mir, als würde sie in diesem einen Moment abwägen, ob sie das hier wirklich mitging.
„Isa… sicher?“, fragte sie leise.
Ich schüttelte leicht den Kopf. „Steig einfach ein.“
Sie hielt seinen Blick noch kurz fest, dann setzte sie sich schließlich, und ich folgte ihr.
Die Tür schloss sich mit einem gedämpften Geräusch, der Lärm des Flughafens blieb draußen zurück,.Im Wagen blieb nur Stille, ruhig genug, um zu merken, wie wenig sich in mir noch bewegte.
Der Wagen setzte sich in Bewegung. Die Scheibenwischer zogen den feinen Regen in stetigem Takt von der Scheibe, die Lichter der Stadt brachen sich darin zu langen, verschwommenen Linien.
Ich lehnte den Kopf gegen das kühle Glas. Berlin zog an mir vorbei, grau, gedämpft, weiter weg als je zuvor.
Neben mir war Clara still, was allein schon ungewohnt war, doch ich merkte, wie ihr Blick immer wieder nach vorne ging, zu Milan, wie sie ihn beobachtete, ohne es offen zu zeigen, wachsam, prüfend.
„Isa…“, sagte sie schließlich leise.
Ich drehte den Kopf ein Stück zu ihr.
„Wer ist das?“
Ihre Stimme war ruhig gehalten, doch die Spannung darunter lag klar in der Luft.
Ich sah kurz nach vorne, dann wieder aus dem Fenster. „Jemand von Luka.“
Mehr brachte ich nicht heraus.
Clara ließ die Worte einen Moment stehen, als würde sie prüfen, ob sie damit etwas anfangen konnte, dann glitt ihr Blick erneut nach vorne, blieb an Milan hängen.
„Und der taucht einfach so auf?“, fragte sie leiser.
Ich nickte kaum merklich.
Vorne blieb alles ruhig, Milan reagierte nicht, kein Blick in den Rückspiegel, keine Bewegung, nichts, was verraten hätte, dass er uns überhaupt wahrnahm.
Clara lehnte sich ein Stück zurück, verschränkte die Arme, ihr Blick blieb jedoch wachsam, ließ ihn nicht ganz los.
„Okay…“, murmelte sie schließlich langsamer. „Ich lass das jetzt erst mal so stehen.“
Eine kurze Pause folgte, bevor sie den Kopf leicht zu mir drehte.
„Aber das erklärst du mir noch.“
Ich antwortete nicht.
Konnte ich nicht.
Ich schloss für einen Moment die Augen, spürte die gleichmäßige Bewegung des Wagens unter mir, die ruhige Fahrt, die in keinem Verhältnis zu dem stand, was in mir vorging.
Meine Finger fanden die Münze in der Tasche und schlossen sich darum. Das Einzige, was mir noch Halt gab.
Neben mir bewegte sich Clara kaum, doch ich spürte ihre Nähe, still, präsent, ohne zu drängen.
Und das reichte.
Der Wagen fuhr weiter durch den Regen.

Der Wagen hielt vor dem Gebäude. Einen Augenblick blieb alles still, dann schaltete Milan den Motor aus, und die Stille wurde eine andere, dichter, endgültiger.
Ich brauchte einen Augenblick, bevor ich die Tür öffnete.
Die Luft draußen war kälter als am Flughafen, roch nach nassem Asphalt, und nichts daran hatte noch etwas mit dem zu tun, was ich zurückgelassen hatte.
Milan war bereits ausgestiegen, holte unser Gepäck aus dem Kofferraum und stellte es neben uns ab, ruhig, routiniert, ohne ein Wort zu viel.
Clara blieb neben mir stehen, ihr Blick ging kurz über das Gebäude, dann zurück zu ihm.
„Und… du?“, fragte sie schließlich. „Bleibst du jetzt hier?“
Milan schloss den Kofferraum, sah sie einen Moment an.
„Hotel. In der Nähe.“
Mehr sagte er nicht.
Clara nickte langsam und ließ es unkommentiert.
„Wenn etwas ist, rufen Sie an“, fügte er hinzu, der Blick kurz bei mir, fest, klar.
Ich nickte.
Es fühlte sich seltsam an, dass damit alles gesagt war.
Wir nahmen unsere Koffer und gingen zur Tür, während ich seinen Blick noch einen Moment im Rücken spürte, bevor er sich abwandte.
Drinnen war es zu still.
Der Flur roch nach Reinigungsmittel und nach etwas Vertrautem, das sich mit einem Mal fremd anfühlte. Unsere Schritte auf den Treppen klangen lauter, als sie sollten. Ich sagte nichts, Clara auch nicht.
Erst vor unserer Tür blieb ich stehen. Suchte den Schlüssel, brauchte einen Moment zu lange, bis er endlich ins Schloss fand.
Die Wohnung lag im Halbdunkel. Alles noch da. Und nichts mehr wie vorher.

Die Tür fiel leise hinter uns ins Schloss, und ich blieb einen Moment stehen, den Schlüssel noch in der Hand, während sich die Stille der Wohnung langsam ausbreitete und alles andere überlagerte.
Clara stellte ihren Koffer neben der Tür ab, sah sich kurz um und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.
„Ich mach uns einen Tee“, sagte sie leise, mehr um irgendetwas zu sagen als weil es wirklich wichtig war.
Ich nickte, ohne zu wissen, ob ich überhaupt etwas trinken würde.
Meine Schritte trugen mich weiter hinein, vertraut genug, dass ich nicht nachdenken musste. Und trotzdem war alles anders. Leerer.
Ich ging direkt in mein Zimmer, ließ den Koffer neben dem Bett stehen und setzte mich, ohne mir die Schuhe auszuziehen, einfach auf die Kante der Matratze, während die Stille sich wieder um mich legte.
Aus der Küche drang leises Klappern von Geschirr. Clara war schon auf den Beinen. Ich blieb noch liegen, dann setzte ich mich auf, die Füße auf dem Boden, und fuhr mir durch die Haare.
Ich zog die Münze aus der Jackentasche und schloss die Finger darum. Das kühle Metall in meiner Hand, fest umschlossen.
Ein leises Klopfen an der Tür.
Ich reagierte nicht sofort.
Dann öffnete sie sich vorsichtig.
Clara trat ein, eine Tasse in der Hand, blieb einen Moment in der Tür stehen.
„Du solltest was trinken“, sagte sie leise und stellte die Tasse neben mich auf den Nachttisch.
Ich nickte nur.
Sie blieb noch kurz, sah mich an, prüfend, ob ich etwas sagen wollte. Ob ich sie brauchte.
Ich tat es nicht.
Oder wusste nicht, wie.
„Ich bin nebenan, ja?“, sagte sie schließlich ruhig.
Wieder ein Nicken.
Mehr war nicht nötig.
Die Tür schloss sich leise hinter ihr.
Ich blieb sitzen, die Münze fest in meiner Hand, während die Wärme des Tees langsam den Raum erreichte, ohne wirklich bei mir anzukommen.
Dann ließ ich mich zurücksinken, den Blick an die Decke, und schloss die Augen. In mir leerte sich alles, langsam. Kein Gedanke blieb lange genug, um Form anzunehmen.
Nur dieser eine Halt, an den ich mich klammerte.
Ich würde das überstehen.

Die Nacht war nicht gut gewesen.
Der Schlaf hatte sich immer wieder gelöst und mich an die Oberfläche gespült, ohne dass ich wach wurde. Und jedes Mal lag es noch da, schwer, unausgesprochen, irgendwo zwischen Erinnerung und dem, was gerade erst begonnen hatte.
Als ich die Augen öffnete, brauchte ich einen Moment, bis ich wusste, wo ich war. Kurz war da nur Leere. Dann kam alles zurück.
Flughafen. Luka. Die Münze.
Ich blieb liegen und sah an die Decke. Mein Körper fühlte sich schwer an, und ich wusste nicht, ob ich aufstehen wollte oder lieber noch liegen bleiben.
Aus der Küche drang leises Klirren.
Clara.
Ich schloss die Augen noch einmal, atmete durch und setzte mich auf. Ich trug noch die Kleidung vom Vortag, zerknittert. Meine Hand strich über den Stoff.
Als ich die Tür öffnete, stand der Geruch von Kaffee bereits im Raum.
Clara lehnte an der Küchenzeile, eine Tasse in der Hand, die Haare locker zusammengebunden, und sah auf, als sie mich bemerkte. „Du siehst aus, als hättest du gar nicht geschlafen“, sagte sie ruhig.
Ich zuckte leicht mit den Schultern. „War nicht viel“, sagte ich schließlich und griff nach der zweiten Tasse, die bereits bereitstand. Der erste Schluck war zu heiß.
Keiner von uns sagte etwas. Clara stellte ihre Tasse ab und sah mich genauer an. „Isa…“, begann sie, diesmal ohne dieses Leichte in der Stimme von gestern, „wer war das eigentlich wirklich?“
Ich hob den Blick zu ihr.
„Gestern am Flughafen. Der Typ. Der kommt nicht einfach so irgendwo her.“
Da war sie… die Frage, die sie gestern stehen gelassen hatte.
ch sah zur Seite, auf die Arbeitsplatte, auf irgendetwas, das mir half, nicht sofort antworten zu müssen. „Er gehört zu Luka“, sagte ich schließlich.
Clara verzog leicht das Gesicht. „Das hast du gestern schon gesagt.“
Ich nickte kaum merklich. „Mehr weiß ich nicht.“ Das stimmte.
Clara ließ die Antwort einen Moment stehen, verschränkte die Arme und lehnte sich leicht zurück, ohne mich aus den Augen zu lassen.
„Okay“, sagte sie langsam. „Dann erklär mir zumindest, warum jemand, den du nicht kennst, uns vom Flughafen abholt, uns hier reinsetzt und so tut, als wäre das alles komplett normal.“
Ich atmete leise aus. „Weil Luka es so wollte.“ Die Worte fühlten sich seltsam an, kaum ausgesprochen schon zu endgültig, und gleichzeitig war da nichts daran, was ich infrage gestellt hatte.
Clara musterte mich noch einen Moment, bevor sie den Kopf leicht schüttelte. „Du vertraust ihm.“ Es war keine Frage.
Ich antwortete nicht sofort. Mein Griff um die Tasse wurde fester. „Ja“, sagte ich leiser.
Clara nickte langsam, aber der Blick blieb wach. „Dann hoffe ich, er weiß, was er da tut.“
In genau diesem Moment klopfte es an der Tür. Nicht laut. Clara und ich sahen gleichzeitig hin. Es klopfte ein zweites Mal. Ich stellte die Tasse ab, bevor ich überhaupt darüber nachdachte, und ging zur Tür. Clara sagte nichts, aber ich spürte, wie sie sich hinter mir bewegte, wie ihre Aufmerksamkeit sofort schärfer wurde.
Ich öffnete. Milan stand vor mir. Gleicher Mantel, gleiche Haltung. Sein Blick ging kurz an mir vorbei in die Wohnung, nicht neugierig, eher prüfend, dann wieder zurück zu mir.
„Guten Morgen.“ Seine Stimme war ruhig, ohne jede Betonung, als wäre das hier ein ganz normaler Besuch.
Ich trat einen Schritt zur Seite. „Komm rein.“
Er zögerte nicht. Ging an mir vorbei, ohne den Raum wirklich zu betreten, blieb wenige Schritte hinter der Tür stehen, als würde er genau wissen, wo seine Grenze war.
Clara verschränkte die Arme und musterte ihn offen, ohne den Versuch, das zu überspielen.
„Okay“, sagte sie ruhig, „und jetzt erklärst du mir bitte, wer du bist.“
Milan reagierte nicht sofort. Sein Blick lag einen Moment auf ihr, ruhig, abwägend.
Ich blieb neben der Tür stehen, spürte, wie die Luft zwischen ihnen dichter wurde, ohne dass jemand die Stimme hob.
Milan sah sie an, ruhig und unbewegt, ohne sich von ihrer Schärfe aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. „Ich arbeite für Luka“, sagte er, und die Art, wie er es aussprach, ließ keinen Zweifel daran, dass es für ihn ausreichte. „Er hat mich geschickt.“
Clara nickte knapp, und verschränkte die Arme etwas fester, während ihr Blick auf ihm blieb. „Das ist mir klar“, erwiderte sie, „aber es erklärt immer noch nicht, warum du hier stehst.“ Ihre Stimme blieb ruhig, aber diesmal war da nichts mehr, das nachgab. „Also hör auf, drum herum zu reden.“
Milan ließ sich Zeit, nicht zögernd, eher abwägend, wie viel er sagen musste, damit es reichte. „Luka hat sich gegen Goran gestellt“, sagte er schließlich.
Der Name stand im Raum. Mein Magen zog sich zusammen, hart, sofort, noch bevor ich den Namen zu Ende gedacht hatte.
Clara reagierte nicht laut, aber ihr Blick wurde schärfer, wacher. „Das wissen wir.“
Milan nickte kaum merklich. „Dann wissen Sie auch, was das bedeutet“, entgegnete er ruhig, ohne Druck, ohne Betonung, und genau deshalb ließ sich der Satz nicht einfach abtun.
Niemand sagte etwas.
Ich senkte den Blick, die Münze in meiner Hand, ihre Kanten gegen meine Haut.
Clara atmete leise aus, ließ den Blick einen Moment durch den Raum gehen, bevor sie wieder zu ihm sah.
„Und deshalb bist du hier“, sagte sie schließlich, und diesmal war es keine Frage mehr, sondern die logische Konsequenz dessen, was unausgesprochen zwischen ihnen stand.
Milan nickte einmal, und obwohl es nur eine kleine Bewegung war, wirkte sie wie eine Bestätigung von etwas, das längst entschieden war.
Es dauerte, bevor er weitersprach. „Diese Wohnung ist nicht geeignet, weil wir nicht davon ausgehen können, dass sie noch unbekannt ist.“ Seine Stimme blieb ruhig, und gerade deshalb hatte der Satz ein Gewicht.
Clara blinzelte einmal, als müsste sie überprüfen, ob sie ihn richtig verstanden hatte. „Wie bitte?“
Milan blieb, wo er war, und änderte nichts an seiner Haltung. „Wir wissen nicht, was bereits bekannt ist, und ich gehe nicht davon aus, dass wir das erst herausfinden sollten.“ Er ließ den Gedanken stehen, ohne ihn weiter auszubauen, und genau das machte ihn unangenehm greifbar.
Clara sah ihn länger an. Ich sah, wie ihre Haltung nachgab, nicht schlagartig, Stück für Stück, während sie seine Worte gegen ihre eigene Realität hielt. „Nein“, sagte sie schließlich, ruhig, aber klar genug, dass kein Zweifel blieb. „So funktioniert das nicht.“ Sie stieß sich von der Arbeitsfläche ab, ging ein paar Schritte durch den Raum, als brauchte sie die Bewegung, um das überhaupt einzuordnen, und blieb wieder stehen. „Du kommst hier rein, stellst eine Möglichkeit in den Raum und leitest daraus ab, dass wir unser komplettes Leben umkrempeln sollen, als wäre das eine Kleinigkeit.“
Mein Griff um die Tasse wurde fester. Milan ließ sie ausreden.
„Meine Firma läuft über diese Adresse“, fuhr Clara fort, jetzt strukturierter, weil sie sich an den Dingen festhielt, die greifbar waren. „Meine Kunden kennen diese Adresse, mein kompletter Alltag hängt daran, und du stellst dich hin und sagst, das sei alles plötzlich nicht mehr tragbar?“ Sie schüttelte den Kopf, sah sich kurz in der Wohnung um, bevor ihr Blick wieder zu ihm zurückkehrte. „Wir sind hier in Berlin, nicht irgendwo, wo man einfach zwei Straßen weiterzieht, und du kannst mir nicht ernsthaft erzählen, dass das die einzige Lösung ist.“
Milan wartete, bis sie fertig war, und als er antwortete, war seine Stimme unverändert ruhig. „Doch.“ Das Wort war leise, aber eindeutig, und ließ keinen Raum für Diskussion.
Clara stieß ein kurzes, ungläubiges Lachen aus, das mehr mit Frust als mit Humor zu tun hatte. „Du meinst das ernst.“
„Ja.“ Wieder keine Abschwächung, keine Ergänzung, nur diese klare Linie, die er nicht verließ.
Clara fuhr sich durch die Haare, drehte sich halb weg und wieder zurück, als würde sie nach etwas suchen, das das Ganze wieder auf ein normales Maß bringen konnte. „Das ist doch Wahnsinn“, sagte sie, jetzt leiser, aber nicht weniger bestimmt, „du verlangst hier gerade, dass wir alles aufgeben, ohne zu wissen, ob überhaupt etwas passiert.“
Ich hob den Blick. „Muss das wirklich sein?“, fragte ich leise.
Milan sah mich an, einen Moment länger als zuvor, bevor er antwortete. „Ja.“ Und wieder war da nichts, woran man sich festhalten konnte, außer der Tatsache, dass er es ernst meinte.
Clara schnaubte leise, sah zwischen uns beiden hin und her, und ich merkte, wie ihr Widerstand sich veränderte, nicht mehr ganz so unerschütterlich wie zuvor.
„Du kennst Sven“, sagte Milan dann ruhig, und allein der Name reichte aus, um die Aufmerksamkeit wieder zu bündeln, „aber du ahnst nicht, wer Goran ist.“ Er machte daraus nichts Größeres, als es war. „Und ich gehe nicht davon aus, dass wir herausfinden wollen, wie weit er geht, wenn er einen Ansatzpunkt bekommt.“ Die Worte waren nüchtern, beinahe sachlich, und gerade deshalb wirkten sie nach.
Clara sagte nichts sofort. Ich auch nicht.
„Ich nehme euch aus einer Position, die leicht zu finden ist, und bringe euch in eine, die es nicht ist“, fügte er hinzu. Das war keine Diskussion, das war eine Entscheidung.
Clara sah ihn an, länger diesmal, der Blick nicht mehr nur scharf, jetzt prüfend, ob sie dagegen ankommen konnte.
Dann sah sie zu mir. „Isa…“ Es war keine klare Frage, aber sie brauchte auch keine Worte.
Ich hielt ihren Blick, spürte die Münze in meiner Hand, und wusste, dass ich ihr nichts geben konnte, das leichter war als das. „Er würde das nicht ohne Grund machen“, sagte ich leise. Es war kein starkes Argument, aber es war das Einzige, das sich für mich richtig anfühlte.
Clara musterte mich, suchend, dann atmete sie aus und ließ die Schultern ein Stück sinken, ohne wirklich nachzugeben. „Scheiße“, murmelte sie. Nicht wütend. Eher so, als hätte sie begriffen, dass sie gerade keine bessere Lösung hatte.

Milan erklärte den Ablauf, ohne sich zu setzen, ohne sich Zeit zu lassen, als wäre längst alles entschieden und wir würden nur aufholen, was er vorbereitet hatte.
„Die Wohnungen sind organisiert“, sagte er ruhig. „Gleiche Etage. Zwei Einheiten.“
Clara sah ihn direkt an. „Zwei?“
„Ihr vorne“, erwiderte er knapp. „Ich daneben.“
Der Satz blieb kurz, aber diesmal reichte er.
Clara verschränkte die Arme, musterte ihn einen Moment, als würde sie prüfen, ob da noch etwas kam.
„Und das funktioniert einfach so?“, fragte sie dann. „Zwei Wohnungen auf einer Etage werden einfach frei, genau dann, wenn du sie brauchst?“
Milan zuckte nicht einmal mit der Wimper.
„Ja.“
Keine Erklärung, keine Ergänzung. Nur dieses eine Wort, das alles beendete, bevor es anfangen konnte.
Clara ließ die Luft hörbar aus, schüttelte leicht den Kopf und sah kurz zur Seite, als müsste sie das für sich einordnen.
„Natürlich“, murmelte sie trocken.
Ich stand ein Stück daneben, hörte zu, ohne einzugreifen. Alles lief an mir vorbei, neben mir her, nicht durch mich hindurch.
„Und wenn du nicht da bist?“, fragte Clara weiter, ohne ihn aus dem Blick zu lassen.
„Dann ist jemand erreichbar.“
„Erreichbar reicht mir nicht.“
Milan sah sie an.
„Es reicht.“
Der Ton blieb ruhig, aber diesmal lag eine klare Grenze darin.
Clara hielt seinem Blick einen Moment stand, als würde sie überlegen, ob sie weitergehen wollte, ließ es dann aber bleiben und fuhr sich stattdessen durch die Haare.
„Und der Umzug?“, fragte sie.
„Ihr packt, was ihr braucht“, sagte Milan. „Der Rest wird erledigt.“
„Von wem?“
„Organisiert.“
Wieder keine Details.
Wieder keine Angriffsfläche.
Clara verzog den Mund, sagte aber nichts mehr, und ich merkte, wie die Diskussion sich auflöste. Nicht weil Clara überzeugt war, sondern weil klar wurde, dass es nie eine Diskussion gewesen war.
Die Entscheidung stand längst.
Die Tage danach vergingen, ohne dass ich sagen konnte, wann genau sie angefangen oder aufgehört hatten.
Kartons tauchten auf, erst vereinzelt, dann überall. Die Wohnung leerte sich Stück für Stück, das, was eben noch nach Alltag ausgesehen hatte, verschwand in beschrifteten Kisten entlang der Wände.
Ich funktionierte einfach, mehr nicht, packte Dinge ein, ohne sie wirklich anzusehen, ließ Gespräche an mir vorbeiziehen und bewegte mich durch Räume, die sich immer weniger nach mir anfühlten.
Alles ging weiter.
Nur ich nicht ganz.
Manchmal wurde es mir drinnen zu eng, und ich ging einfach raus, lief ein Stück durch die Straßen, ohne Ziel, nur um wieder Luft zu bekommen.
In solchen Stunden hielt ich die Münze fester, während ich ging, das Metall gegen die Haut gedrückt, und ließ sie nicht los.
Vor einem kleinen Juwelier blieb ich stehen, sah kurz durch die Scheibe und ging hinein.
Es dauerte nicht lange.
Als ich wieder draußen war, lag die Münze nicht mehr in meiner Tasche. Sie hing an einer schmalen Kette auf meiner Haut, dicht über dem Herzen, nah genug, um sie bei jedem Schritt zu spüren.
Ich griff unbewusst danach, während ich weiterging, spürte das kühle Metall unter meinen Fingern und hielt es einen Moment fest, bevor ich die Hand wieder sinken ließ.

Der Morgen kam, und mein Urlaub war zu Ende, ohne dass ich genau sagen konnte, wann die Zeit vergangen war.
Aus der Küche drang das leise Klappern von Geschirr, und ich wusste sofort, dass Clara schon auf den Beinen war, ich blieb noch einen Moment liegen, bevor ich mich schließlich aufsetzte, die Füße auf den Boden stellte und mir langsam durch die Haare fuhr.
Der Weg in die Küche fühlte sich länger an, als er war. Clara stand am Fenster, eine Tasse in der Hand, und drehte sich zu mir um, kaum dass sie mich bemerkte.
Ihr Blick blieb an mir hängen, nicht lange genug, um etwas zu sagen, aber lang genug, dass sie mehr sah, als ich zeigen wollte.
„Du gehst heute“, sagte sie schließlich ohne jede Einleitung, und obwohl ihre Stimme ruhig blieb, ließ sie keinen Raum dafür, das Thema einfach beiseitezuschieben.
Ich lehnte mich gegen den Türrahmen, verschränkte die Arme locker vor mir und sah sie an, während die Worte einen Moment brauchten, bis sie bei mir ankamen.
„Muss ich?“, fragte ich, leiser als beabsichtigt, und hörte selbst, wie wenig Überzeugung darin lag.
Clara hob leicht eine Augenbraue, als hätte sie genau diese Frage erwartet. „Ja“, erwiderte sie ruhig, und diesmal lag in ihrer Stimme etwas, das sich nicht umgehen ließ. „Nicht, weil alles wieder normal ist, sondern weil es das nicht wird, wenn du jetzt stehen bleibst.“
Ich sagte nichts, ließ den Blick zur Seite wandern. Widerstand und Müdigkeit, beides zog gleichzeitig an mir.
Clara trat einen Schritt näher, stellte ihre Tasse ab und sah mich direkt an, jetzt ohne jede Distanz. „Ich weiß, dass das gerade scheiße ist“, sagte sie leiser, ohne dabei weicher zu werden, „und ich weiß auch, dass du am liebsten noch ein paar Tage verschwinden würdest, aber das geht nicht.“
Ich atmete langsam aus, ließ die Schultern minimal sinken und schüttelte leicht den Kopf. „Ich schaff das heute nicht.“
„Doch“, entgegnete sie ruhig, „du musst nicht funktionieren, du musst nur hingehen.“
Der Satz blieb hängen, einfacher als alles, was sie davor gesagt hatte, und genau deshalb schwerer zu ignorieren.
Ich nickte irgendwann, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung, und drehte mich halb weg. „Ich geh mich fertig machen.“
„Mach das.“ Ihre Stimme klang wieder neutraler, aber ich wusste, dass sie mich genau im Blick behielt, auch wenn sie es nicht offen zeigte.
Im Bad blieb ich vor dem Spiegel stehen, sah mein Gesicht an, ohne etwas darin zu erkennen. Ließ das Wasser laufen, bewegte mich durch die vertrauten Handgriffe, und mein Körper führte sie allein aus.
Als ich zurück in die Küche kam, saß Clara am Tisch, hatte das Handy in der Hand und sah erst auf, als ich mir eine Tasse nahm und mich einen Moment neben die Arbeitsfläche stellte.
Ihr Blick blieb diesmal länger an mir hängen, wanderte vom Gesicht ein Stück tiefer, und meine Hand ging fast von selbst zur Kette, die unter dem Stoff lag.
„Seit wann trägst du Schmuck?“, fragte sie, ruhig, ohne jede Spitze.
Ich zog die Kette ein Stück hervor, ließ die Münze kurz zwischen meinen Fingern liegen.
„Seit ein paar Tagen.“
Clara legte das Handy zur Seite, lehnte sich zurück und musterte mich einen Moment, ohne sofort etwas zu sagen.
„Die Münze?“, fragte sie, und diesmal blieb ihr Blick einen Moment länger darauf liegen, bevor sie wieder zu mir aufsah.
Ich nickte, ließ die Kette noch zwischen den Fingern ruhen, bevor ich sie wieder unter den Stoff gleiten ließ.
Clara musterte mich, als gliche sie etwas ab, und zog dann die Mundwinkel ein wenig hoch.
„Gute Idee“, sagte sie leise, ohne jede Ironie. „So verlierst du sie nicht.“
Ich griff nach meiner Tasse, spürte noch immer das kühle Metall auf der Haut, und nahm einen Schluck.
„Und du hast ihn trotzdem bei dir“, fügte sie nach einem Moment hinzu, ruhiger als zuvor, und genau deshalb blieb der Satz stehen.
Ich antwortete nicht, ließ den Blick auf der Tischplatte ruhen und umschloss die Tasse fester. Claras Worte setzten sich in mir fest.
Clara sagte nichts mehr dazu, sondern griff wieder nach ihrer eigenen Tasse, nahm einen Schluck und stellte sie dann mit einer kleinen Bewegung zurück auf den Tisch.
„Ich fahr dich“, meinte sie schließlich, als wäre das der nächste logische Schritt.
Ich schüttelte leicht den Kopf, hob den Blick und sah sie an.
„Ich geh allein.“
Sie hielt meinem Blick stand, prüfend, ob sie dagegenhalten sollte, ließ es dann bleiben und nickte knapp.
„Okay.“
Der Weg ins Büro verlief ohne große Gedanken, und trotzdem war jeder Schritt bewusster als sonst. Ich beobachtete mich selbst dabei, wie ich mich durch etwas bewegte, das eigentlich vertraut sein sollte.
Im Gebäude war alles wie immer, Stimmen im Flur, das leise Summen der Technik, der Geruch von Kaffee. Und genau diese Normalität machte es schwer anzukommen. Etwas in mir stellte sich dagegen.
Ein paar Kollegen sahen auf, als ich vorbeiging, nicht aufdringlich, aber aufmerksam genug, dass ich es bemerkte, ohne darauf einzugehen.
Svens Büro lag auf dem Weg.
Die Tür war geschlossen.
Ich ging weiter.
„Isa.“
Die Stimme meines Chefs traf mich ruhig, aber gezielt, und ich drehte mich zu ihm um, während er bereits in der Tür seines Büros stand und mit einer kleinen Bewegung nach innen deutete.
„Hast du kurz Zeit?“
Ich nickte und folgte ihm hinein, setzte mich ihm gegenüber, während er die Tür hinter uns schloss und sich einen Moment Zeit ließ, bevor er sprach.
„Ich halte dich nicht lange auf“, begann er schließlich, die Hände locker vor sich verschränkt, „aber Sven hat sich vor ein paar Tagen kurzfristig freigenommen und seitdem nichts mehr von sich hören lassen, und ich weiß, dass ihr euch näher kanntet.“
Ich spürte, wie sich mein Blick kurz auf den Tisch senkte, bevor ich ihn wieder anhob.
„Er wird nicht zurückkommen“, sagte ich leise, und obwohl meine Stimme ruhig blieb, hatte der Satz ein Gewicht, das sich nicht einfach abschütteln ließ.
Mein Chef sah mich länger an, als wollte er abwägen, wie weit er gehen konnte.
„Ist etwas passiert?“
Ich nickte leicht, suchte kurz nach Worten, die sich sagen ließen, ohne alles aufzubrechen.
„Er hat mich verfolgt“, sagte ich schließlich ruhig, „und in Kroatien ist es eskaliert. Er wurde festgenommen.“
Mehr ließ ich weg.
Der Raum blieb still, aber nicht unangenehm, eher so, als würde er das Gesagte erst einordnen, bevor er reagierte.
Mein Chef lehnte sich ein Stück zurück, atmete langsam aus und nickte dann.
„Okay“, sagte er ruhig, ohne jede Wertung.
Es dauerte, bevor er weitersprach.
„Dann ist es gut, dass du heute hier bist, aber ich erwarte nicht, dass du sofort wieder voll einsteigst“, fuhr er fort, sein Ton sachlich, aber nicht distanziert. „Wenn es für dich einfacher ist, kannst du die nächste Zeit überwiegend von zu Hause arbeiten und nur für Termine oder Dinge ins Büro kommen, die sich nicht anders lösen lassen.“
Ich nickte langsam.
„Das hilft.“
„Gut“, sagte er knapp, „und wenn sich etwas ändert oder du merkst, dass es doch zu viel wird, sag einfach Bescheid.“
Ich stand auf, bedankte mich leise und ging zur Tür, zog sie hinter mir zu. Im Flur blieb ich kurz stehen, bevor ich weiterging.

Die Tür zu Svens Büro lag noch immer auf dem Weg.
Ich sah diesmal nicht hin.