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Anya Stüben

Schatten über der Adria - Wenn seine Welt nach uns greift Band 2

"Überlebensstrategie"

Am dritten Abend in Folge fuhr Milan noch einmal los, weil Clara angeblich etwas vergessen hatte. Diesmal war es Zitronensaft.
„Du brauchst mitten im November plötzlich Zitronensaft?“, fragte er irgendwann sichtbar unbeeindruckt und zog sich bereits die Jacke über, während Clara mit demonstrativer Selbstverständlichkeit am Küchentisch saß.
„Fürs Dressing.“
„Wir haben Dressing.“
„Nicht das richtige.“
Milan blieb einen Moment einfach nur stehen und sah sie an, als würde er ernsthaft darüber nachdenken, ob er sie irgendwo verkaufen konnte. „War das jetzt alles?“
Clara legte den Kopf leicht schief, dachte demonstrativ nach und hob dann langsam einen Finger.
„Vielleicht noch…“
„Nein.“
„Du weißt doch gar nicht, was ich sagen wollte.“
„Doch. Irgendwas, das angeblich lebensnotwendig ist und zufällig auf der anderen Straßenseite liegt.“
Ich musste mir inzwischen tatsächlich das Lachen verkneifen und griff stattdessen nach meiner Tasse, nur damit niemand bemerkte, wie sehr mich allein diese völlig absurde Diskussion gerade erleichterte.
Vor zwei Wochen hätte ich wahrscheinlich genervt die Augen verdreht. Jetzt fühlte sich selbst das hier fast normal an. Oder zumindest näher an normal als alles andere in den letzten Tagen.
Clara verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. „Du könntest mich übrigens auch einfach selbst kurz rüberlassen.“
„Nein.“
„Du brauchst nicht jedes Mal so zu tun, als würde draußen direkt ein Scharfschütze auf dem Dach liegen.“
„Muss ich auch nicht.“ Die Antwort kam ruhig, fast beiläufig, und genau das sorgte dafür, dass Clara ihn einen Moment länger ansah.
Nicht verletzt, eher frustriert. Weil sie wusste, dass er es ernst meinte.
Milan griff nach den Schlüsseln vom Tresen und fuhr sich dabei mit zwei Fingern über die Augen, kurz, als würde allein das Licht ihn inzwischen anstrengen. Erst da fiel mir auf, dass die Tasse Kaffee neben ihm noch fast voll war, obwohl sie längst kalt sein musste.
In letzter Zeit standen überall halbleere Tassen herum. Küche. Balkon. Fensterbank. Manchmal hatte ich das Gefühl, er machte sich nur noch neuen Kaffee, weil er vergessen hatte, dass irgendwo bereits welcher stand.
„Bring wenigstens Chips mit“, murmelte Clara schließlich, deutlich leiser als noch vor einer Minute.
Milan zog bereits die Wohnungstür auf.
„Welche?“
Clara blinzelte überrascht. Offenbar hatte sie selbst nicht damit gerechnet, dass er überhaupt fragte.
„Äh… Paprika?“
„Die roten oder die schwarzen?“
Jetzt musste ich tatsächlich lachen.
Clara zeigte sofort mit dem Finger auf ihn. „Siehst du? Genau DAS meine ich. Du tust immer so, als wärst du genervt, und gleichzeitig kennst du meine Lieblingschips.“
„Das ist kein Wissen. Das ist Überlebensstrategie.“ Damit verschwand er aus der Wohnung, und einen Moment später hörten wir unten die Hauseingangstür zufallen.
Die Küche wurde ruhiger.
Clara griff nach ihrer Cola und sah grinsend zur Tür. „Ich glaube, langsam hasst er mich.“
„Nein“, sagte ich leise, noch bevor ich richtig darüber nachgedacht hatte.
Sie sah zu mir.
Ich zuckte leicht mit den Schultern und ließ den Blick zu den kalten Kaffeetassen wandern, die noch immer auf der Arbeitsplatte standen. „Ich glaube nur, er ist müde.“
Das Grinsen verschwand langsam aus Claras Gesicht. Nicht ganz. Aber genug. Für einen Moment sagte sie nichts mehr, drehte nur gedankenverloren ihre Cola zwischen den Händen, bevor sie leiser murmelte: „Ja.“
Draußen fuhr irgendwo ein Auto vorbei, während unten im Hof gedämpfte Stimmen zu hören waren, wahrscheinlich Dario und Fabijan bei der Ablösung, und plötzlich wurde mir wieder bewusst, wie klein unser Leben in den letzten Tagen geworden war. Nicht wegen der Wohnung selbst. Sondern weil sich inzwischen alles nur noch darum drehte, was sicher war und was nicht.
Wann man irgendwohin durfte. Mit wem. Wie lange. Durch welchen Eingang. Mit welchem Wagen.
Und obwohl niemand es laut sagte, merkte ich längst, dass nicht nur ich begann, unter diesem Zustand langsam dünner zu werden.

Am nächsten Morgen stand bereits Kaffee in der Küche, bevor Milan überhaupt auftauchte.
Ich bemerkte es zuerst gar nicht richtig, weil ich noch halb verschlafen am Tisch saß und gedankenlos auf den kleinen Bildschirm mit der Hauseingangskamera starrte, der inzwischen genauso selbstverständlich zur Wohnung gehörte wie die Kaffeemaschine oder Claras ständig herumliegenden Haarspangen.
Erst als Clara neben mir grinsend den zweiten Becher auf die Arbeitsplatte stellte, hob ich leicht die Augenbrauen.
„Seit wann bist du freiwillig vor neun wach?“
„Seit ich angefangen habe, häusliche Friedenspolitik zu betreiben.“
„Das klingt bedrohlich.“
„Ist es wahrscheinlich auch.“
Sie griff selbst nach ihrer Tasse und lehnte sich gegen die Küchenzeile, noch im viel zu großen Hoodie, die Haare halb irgendwie zusammengebunden, während draußen graues Berliner Novemberlicht gegen die Fensterscheiben hing.
Wenige Sekunden später öffnete sich die Wohnungstür.
Milan kam herein, offenbar gerade erst von unten, noch mit Jacke, Telefon in der Hand und diesem Blick, der inzwischen wirkte, als hätte er seit Tagen nicht mehr wirklich aufgehört nachzudenken.
Clara schob ihm wortlos den zweiten Kaffee hin. „Mit Hafermilch.“
Milan sah erst die Tasse an. Dann sie. „Ich trinke schwarz.“
„Dann lern Flexibilität.“
Für einen kurzen Moment war ich mir nicht sicher, ob er den Kaffee einfach stehen lassen würde.
Dann nahm er ihn kommentarlos.
Clara grinste sofort triumphierend in ihre eigene Tasse hinein. „Siehst du? Wachstum.“
Milan nahm noch einen Schluck. „Das war Kapitulation.“
„Auch eine Form von Entwicklung.“
Ich musste leise lachen, bevor ich es verhindern konnte, und für ein paar Sekunden fühlte sich die Küche tatsächlich wieder etwas weniger eng an.
Milan lehnte sich mit der Hüfte gegen die Arbeitsplatte und nahm tatsächlich noch einen Schluck von dem Kaffee, obwohl man ihm ansah, dass er ihn wahrscheinlich furchtbar fand. Oder vielleicht inzwischen einfach zu müde war, um noch darüber zu diskutieren.